Nachlass-Passagen

Vor gut anderthalb Jahren kam mit „Nachlass“ ein Dokumentarfilm von Christoph Hübner und Gabriele Voss, der sich auf nachdenkliche, vielschichtige Weise mit Deutschland und seiner Erinnerungskultur beschäftigte. So reichhaltig war das damals entstandene Material, dass aus ihm nun „Nachlass-Passagen“ entstand, der in neun Vignetten die Themen des Hauptwerks variiert.

Webseite: www.nachlass-derfilm.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie: Christoph Hübner & Gabriele Voss
Länge: 86 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 23. Januar 2020

FILMKRITIK:

Sieben Nachkommen von NS-Tätern und Holocaust-Überlebenden standen im Mittelpunkt von „Nachlass“, sieben Menschen, die oft erst im hohen Alter davon erfuhren, dass ihre Eltern oder Großeltern zu den Tätern zählten, die wenig wussten, über das Überleben ihren Vorfahren. Zwischen den langen Interviews, die den Kern des Films ausmachten, fügten die Regisseure Christoph Hübner und Gabriele Voss Aufnahmen von Orten des Grauens und der Erinnerung, aus dem Konzentrationslager Buchenwald, der Topographie des Terrors in Berlin, aber auch der Werkstatt des Künstlers Michael Friedrichs-Friedländer, der mit seinen Stolpersteinen eine ebenso einfache, wie prägnante Form der Erinnerung und des Nicht-Vergessens gefunden hat.
 
So viel Material kam bei den jahrelangen Dreharbeiten zusammen, dass viel Material im Schneideraum zurückbleiben musste. Material, dass das Regie-Duo nun im Neben- oder Ergänzungswerk „Nachlass-Passagen“ zusammengefügt hat.
 
Neun kurze Vignetten sind zu sehen, eine der längeren gleich zu Beginn zeigt die Architektin Ursula Wilms, die Anhand des Entwurfs der und eines Rundgangs durch die Topographie des Terrors eine Form der Erinnerung beschreibt. Unweit des Potsdamer Platz gelegen, lag der Ort, an dem sich die Zentralen der Gestapo, der SS und des Reichssicherheitshauptamts befanden. Jahrelang lag das Gelände brach und verfiel, auch weil es unmittelbar an der Mauer lag. Nach der Wende wurde es zu einem der zentralen Orte der Erinnerung an die NS-Verbrechen in der Hauptstadt, ein Versuch, dass kaum zu fassende, in Texte und Bilder zu fassen.
 
Ähnliches versuchen auch die Kuratoren der Gedenkstätte Buchenwald und auf ihre Weise die deutsche Justiz, die, oft wegen der geringen Zahl von Verurteilungen für NS-Verbrecher geschmäht, in den letzten Jahren verstärkte Bemühungen unternimmt, auch Wärter und andere Helfer, die in den Vernichtungslagern Teil der Mordmaschine waren, zu verurteilen.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Gespräch mit Kurt Schrimm, Leiter der Zentralen Stelle der Landesjustizverwaltung, der zu Fragen wie dem hohen Alter der letzten Angeklagten eingeht, der Schlussstrichmentalität, die nicht nur in Deutschland lange Jahre lange eine Verfolgung von Tätern verhinderte und die Frage der Wirkung der letzten Urteile.
 
Zum Abschluss schließlich der Politologe Claus Leggewie, der einerseits über die Notwendigkeit des Vergessens spricht, anderseits am Beispiel des französischen Umgangs mit den Verbrechen während des Algerienkrieg, von den Folgen der Verdrängung.
 
Zwar muten diese „Nachlass-Passagen“ in ihrer vignettenhaften Form bisweilen wie das Bonusmaterial einer DVD an, doch das von Hübner und Voss zusammengetragene Material ist zu wichtig und aufschlussreich, um nicht in ganzer Länge gewürdigt zu werden.
 
Michael Meyns