Nachlass

Dieser Film schafft Verbindungen, wo vorher keine waren, und er baut Brücken zwischen Menschen: zwischen den Kindern und Enkeln von Opfern und Tätern des Nationalsozialismus. Mit viel Einfühlungsvermögen lassen Christoph Hübner und Gabriele Voss ihre Protagonisten sprechen: über die Kindheit und die Ahnungslosigkeit, über Beziehungen zu Vätern, die Mörder waren, oder über den Großvater, der das KZ überlebte, darüber, wie sie von der Schuld der Väter erfuhren und damit umgehen mussten. Bekanntlich ist es emotional leichter, auf der Seite der Opfer zu stehen oder die Täter ebenfalls zu Opfern zu machen. Die kleine Dokumentation geht einen anderen Weg und wirft viele Fragen auf, unter anderem geht es darum, wie ein Mensch zum Täter wird.

Webseite: www.filmkinotext.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2018
Buch, Regie: Christoph Hübner, Gabriele Voss
108 Minuten
Verleih: FilmKinoText
Kinostart: 27. September 2018

FILMKRITIK:

Sieben Kinder und Enkelkinder erzählen aus ihrem Leben – von der Kindheit und der Jugend, von Eltern und Großeltern. Ihre Namen spielen zunächst keine Rolle. Sie stehen für viele andere, ihre Schicksale und ihre Biographien sind keine Einzelfälle, sondern Teil der deutschen Geschichte und damit ein Erbe, das sich nicht leugnen lässt oder durch Verschweigen verschwindet.
 
Die meisten haben erst im Erwachsenenalter erfahren, dass ihre Väter und Großväter NS-Täter oder Opfer waren, manche erst nach deren Tod. Das Schweigen der Väter – für die Nachkriegsgeneration war es selbstverständlich. Was diese Frauen und Männer, die sich vor der Kamera öffnen, gemeinsam haben, ist das Wissen und damit die Verantwortung, mit diesem Wissen zunächst einmal für sich selbst klarzukommen und es in der Konsequenz mit anderen zu teilen. Der Kunstmaler versucht, in seinen Bildern damit fertig zu werden. Die Psychologin hat ihren Beruf deshalb gewählt, und die Israelin ist ausgerechnet nach Deutschland gegangen, um sich ihrer Familiengeschichte zu stellen. Da geht es um Traumata, um Schuldgefühle oder um Verurteilung, um Trauer, aber auch um Trotz. Haben Menschen eigentlich das Recht, nicht zu vergeben? Ihr Wissen begleitet diese Menschen, sie werden es nie mehr los, und jeder einzelne von ihnen hat für sich selbst gelernt, irgendwie damit umzugehen. Wenn sie darüber sprechen, dann hat das auch etwas Befreiendes. Die wichtigste Frage, die sie beschäftigt, lautet: Wie konnte das geschehen? Wie wird ein Mensch zum Täter? Die junge Israelin Adi ist die Enkeltochter eines Auschwitz-Überlebenden, und sie setzt sich beruflich mit dieser Frage auseinander. In der Berliner Gedenkstätte „Topographie des Terrors“ betreut sie Besucher und konfrontiert sie mit Bildern, die fröhlich feiernde junge Leute zeigen. Dieselben jungen Männer werden wenig später wehrlose Menschen erschießen. Die ehemalige Lehrerin hofft bis heute, dass ihr Vater wenigstens nicht selbst geschossen hat. Aber was würde ihnen allen das Wissen nützen, ohne eine Moral, die dahintersteht?
 
In individuellen Monologen, die am Ende auch in Gespräche miteinander münden, entsteht ein reflektorischer Umgang mit der persönlichen Geschichte jedes einzelnen, unterbrochen von symbolträchtigen Handlungen, die mit Erinnerungsarbeit zu tun haben: Ausstellungsstücke werden aufgebaut und ausgewählt, Karteikarten werden sortiert, über die gesamte Dauer des Films kann man beobachten, wie Stolpersteine hergestellt werden. Dazu läuft Klaviermusik, es sind eher tastende, zögerliche Töne, viel Holz ist dabei zu hören – wie ein Auto, das auf den Felgen fährt. Das ist dann eher quälend, unterstreicht aber dadurch die Zusammenhänge sehr deutlich.
 
Die Kamera hält drauf, sie rückt und rührt sich nicht, wenn die sieben Protagonisten erzählen. Adi weint, wenn sie von ihren beiden Besuchen in Auschwitz erzählt. Doch die Emotionen stehen hier nicht im Vordergrund. Manches ist schwer zu ertragen, und vieles wirkt bekannt, man hat es schon so oft gehört: der Krieg, auf Anekdoten reduziert, Väter, die ihre Beteiligung an ominösen Kommandos kleinreden. Anfangs geht es hauptsächlich darum, wie jeder Einzelne von den Verstrickungen und Taten der Elterngeneration erfahren hat, später um den Umgang damit, um folgende Recherchen und um die unterschiedlichen Möglichkeiten, das Wissen zu verarbeiten. Dieses Wissen tut weh, es ist schwierig, damit zu leben. Eine wichtige Rolle dabei spielt PAKH – eine Organisation, über die Täter und Opfer miteinander ins Gespräch kommen.
 
Die Filmemacher zeigen inhaltlich und formell auf sehr eindringliche Weise: Es gibt vielleicht eine Geschichte, die Vergangenheit ist und die aus schriftlichen Quellen, aus Fundstücken und anderen Relikten besteht. Doch die Taten jedes einzelnen und die Folgen dieser Taten leben in ihren Familien, in ihren Nachkommen weiter und werden auf diese Weise zum Nachlass für alle kommenden Generationen.
 
Gaby Sikorski