Nanny Diaries

Eine museale Versuchsanordnung erwacht zum Leben. Als soeben fertig studierte Anthropologin stolpert Scarlett Johansson unverhofft in einen Job als Kindermädchen einer reichen New Yorker Familie. Weil deren mit Laura Linney und Paul Giamatti prominent besetzte Mitglieder jedoch vor allem Karikaturen ihrer selbst bleiben, muss Johansson die Sache alleine schmeißen. Gelungen an dieser leichte tragische Züge tragenden und an „Mary Poppins“ erinnernden Komödie ist dabei die unterschwellig eingeflochtene Kritik an einer neureichen Konsumgesellschaft.

Webseite: www.senator.de

USA 2008
Regie: Shari Springer Berman & Robert Pulcini
Darsteller: Scarlett Johansson, Laura Linney, Paul Giamatti, Chris Evans, Alicia Keys
106 Minuten
Verleih: Central Film
Kinostart: 14.8.2008

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

In Afrika, so informiert die Ich-Erzählerin Annie Braddock (Scarlett Johansson) im Prolog, brauche es zur Erziehung von Kindern ein ganzes Dorf. Den reichen Familien in der Upper East Side von New York aber genüge dafür ein Kindermädchen. Unterstrichen wird dieser offenbar auch wissenschaftlich fundierte Ansatz durch in Schaukästen eines Naturkundemuseums dargestellten Szenen aus einer offenbar weit zurückliegenden Zeit. Filmisch ist mit der Erweckung dieser eingangs mit Wachsfiguren dargestellten Momentaufnahmen in bewegte Bilder bereits ein Höhepunkt der „Nanny Diaries“ erreicht. Der nun ausführlich von Annie beobachtete und kommentierte Feldversuch hingegen arbeitet sich in der Folge nur noch an zu erwartenden Klischees ab.

Ihren Job als Kindermädchen bekommt Annie aufgrund eines Missverständnisses. Während sie sich Gedanken über ihre berufliche Zukunft nach dem Studium macht, bewahrt sie einen fünfjährigen Dreikäsehoch im Park vor einem Zusammenstoß mit einem Fahrradfahrer. Als die gestresste Mutter (Laura Linney) – ihr Name Mrs. X unterstreicht den Ansatz einer verallgemeinerten wissenschaftlichen Beobachtungssituation – eintrifft, glaubt sie, Annie stelle sich ihr gegenüber als „Nanny“ vor. Mrs. X interpretiert das als Berufsangabe und bietet ihr sogleich eine Arbeit als Kindermädchen an. Annie akzeptiert, erkennt aber bald schon, warum es ihre Vorgängerinnen nie lange ausgehalten haben. Kaum Freizeit, ein häufig missgelaunter Bengel und erziehungs- wie auch beziehungsunfähige Eltern, die in ihrem Kind offenbar nichts weiter als ein gesellschaftliches Statussymbol sehen, bestimmen den Alltag. Mit Kinderliebe ist es da bald vorbei. Auf Konfliktseminaren wird von den versnobten und hochnäsigen Müttern dann so getan, als läge es an den Kindermädchen, dass diese unzufrieden mit ihrer Arbeit seien.

Um es vorweg zu nehmen: an die Klasse ihres Vorgängerfilms „American Splendor“ können die beiden Filmemacher Shari Springer Berman und Robert Pulcini mit den „Nanny Diaries“ nicht anknüpfen. Wo sie damals ihre Hauptfigur Harvey Pekar gekonnt zwischen Realwelt und ausgedachter Comicwelt platzierten, wirken die zum Leben erweckten Museumsszenen hier nur wie eine formale, wenn auch gelungene Reminiszenz. Auf der Handlungsebene bleiben die „Nanny Diaries“ simpel gestrickt, werden ein paar vorhersehbare Konflikte wie unzufriedene Ehe, potenzieller Freund für Annie, die Angst, der eigenen Mutter vom neuen Job zu erzählen und die Skrupel, trotz der Demütigungen und Erniedrigungen als Kindermädchen letztlich doch für das unschuldige Kind da zu sein, aufgeführt. All diese Dinge sind vorhersehbar und letztlich ebenso nur Klischee wie die Scheinwelt der überbeschäftigten und schnippischen Eltern.

Unterhaltsam und solide umgesetzt freilich sind die „Nanny Diaries“ trotzdem, was vor allem auf das Konto von Scarlett Johansson geht. Sie macht ihre Sache einfach gut, auch wenn sie im Vergleich mit den anderen, meist aus anderen Kulturkreisen stammenden Kindermädchen überqualifiziert scheint. Dank ihres Forscherdrangs als studierte Anthropologin betrachtet sie ihre Aufgabe eher sportlich und lernt, sich und ihr Umfeld auf diese Weise besser zu verstehen. Ein schöner Zug der „Nanny Diaries“ ist es aber auch, der ironischsten aller Kindermädchen, Mary Poppins nämlich, eine Reverenz zu erweisen. Wie die legendäre Figur aus den Romanen der Australierin P.L.Travers und im 1964 mit Julie Andrews verfilmten Musical schwebt auch Johansson gelegentlich an einem roten Schirm durch die Stadt. Auch für Annie endet die Aufgabe mit jenem Moment, als Mrs. X erkennt, dass auch sie sich intensiver um ihren Sohn kümmern muss.

Thomas Volkmann

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Annie Braddock (Scarlett Johansson) hat ihr College absolviert und muss, wie man so schön sagt, einen Weg fürs Leben finden. Ihr Interessengebiet ist die Anthropologie, eine Wissenschaft, der ihre Mutter (Donna Murphy) allerdings nicht viel abgewinnen kann. Durch die zufällige Begegnung mit dem kleinen Grayer und seiner Mutter Mrs. X (Laura Linney) in New Yorks  Central Park wird sie für eine gewisse Zeit etwas, was sie nicht im geringsten je angesteuert hatte, nämlich eine Nanny, also das Kindermädchen für Grayer.

Annie stammt aus bescheidenen Verhältnissen in New Jersey, Mrs.X und ihr unerträglicher Ehemann (Paul Giamatti) residieren in einem Nobelviertel und gehören der Upper Class an. Das allein schon ist der „anthropologische“ Unterschied, den Annie nun nicht nur studieren kann, sondern am eigenen Leib erfahren muss.

Sie begegnet den Hochs und Tiefs des Nanny-Lebens; sie erträgt die Launen der Mrs. X; sie kann die Schäferstündchen mit ihrem neu erworbenen Freund (Chris Evans) nicht wahrnehmen; sie weint sich bei ihrer Freundin (Alicia Keys) aus; sie spürt allerdings auch, dass der ihr anvertraute Grayer sie mehr und mehr liebt. Am Ende ihrer Nanny-Zeit hat sie erkannt, dass hinter der Fassade der Oberschicht mehr im Argen liegt, als es nach außen den Anschein hat. Und sie ist vor allem freier geworden. 

Aus einer literarischen Vorlage wurde ein respektables Drehbuch geschaffen, und die verpflichteten renommierten Darsteller sorgten dafür, dass es gut umgesetzt wurde. Dem Anthropologie-Aspekt des Ganzen sind einige besonders nette Museumsszenen zu verdanken, wie es denn überhaupt dem Film neben der routinierten Regie und passenden Dialogen an Phantasie keineswegs fehlt. 

Die „Nanny Diaries“ sind ein netter Unterhaltungsfilm mit leichtem Tiefgang geworden.

Thomas Engel