Narren

In ihrer liebevollen Provinzstudie zeigen die beiden Grimme-Preisträgerinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier nicht nur, was die berühmte „Fasnet“ (Fastnacht) aus dem Städtchen Rottweil und seinen Bewohnern macht. Sie gehen auch der Frage auf die Spur, warum die mittelalterlichen Rituale immer beliebter werden. Denn alle wollen beim „Narrensprung“ mit dabei sein, und jedes Jahr wächst die Zahl der Anhänger. Aber wie kann sich die Tradition gegen den Ansturm der Fans behaupten?

Webseite: www.narren-film.de

Dokumentarfilm
Deutschland 2019
Buch, Regie, Kamera: Sigrun Köhler und Wiltrud Baier
93 Minuten
Verleih: Edition Kassenfeger
Kinostart: 12.11.2020

FILMKRITIK:

Wo gibt es einen TÜV für Fastnachtskostüme? Wo dürfen Frauen keinesfalls ins Pferdchen steigen? Und wo üben schon die kleinen Kinder das Peitschenknallen? – Genau: in Rottweil, in der Heimat des „Narrensprungs“ und der bemalten „Larven“, wie die bunt bemalten Masken heißen, die zu den farbenprächtigen Kostümen getragen werden. Aber alles muss natürlich seine Ordnung haben, denn in Rottweil darf nicht einfach jeder machen, was er will, und schon gar nicht zur Fasnet. Die gestrengen Herren von der Narrenzunft haben ein wachsames Auge auf alle Umtriebe, und das ist auch bitter nötig, denn die 700jährige Tradition der Fasnet wird ständig durch auswärtige Narren bedroht. Da heißt es aufpassen, notfalls auch mit modernen Methoden wie Schwäbisch-Tests und Videoüberwachung. Jede Familie in Rottweil möchte mitmischen, und schon kleine Kinder träumen davon, im Rössle durch die Stadt zu springen oder wenigstens mit der Peitsche dem Reiter die Feder vom Kopf zu schlagen.

Aber woran liegt es eigentlich, dass die verzierten Holzpferde mit dem Lederkopf, in denen ein Reiter steckt, und die sonderbaren, aber ziemlich unbequem wirkenden hölzernen Karnevalsmasken der Gschellnarren und Fransenkleidle so beliebt sind? Woher kommt die wachsende Faszination, die diesen alten Bräuchen entgegengebracht wird? Mehr als drei Jahre dauerte die Spurensuche, die Wiltrud Baier und Sigrun Köhler immer tiefer in die Hintergründe und Befindlichkeiten der Kleinstadt Rottweil führt. Manches, so die Regeln für die Gestaltung der Kostüme, erscheint auf den ersten Blick reichlich übertrieben, aber andererseits ist die Tradition hier noch sehr lebendig. Und was würde aus dieser Tradition ohne Regeln werden? Die Rottweiler sprechen zwar manchmal durchaus mit beinahe zärtlicher Ironie von ihrem größten Stadtfest, aber der Stolz und der Ernst in ihren Worten sind ein deutlicher Beweis dafür, wie ehrlich sie es mit ihrem Engagement meinen. Und bald wird deutlich, dass die Fasnet mit ihren vielen Pflichten und Gesetzen auch eine Art Kitt ist, der das Städtchen zusammenhält.

Inzwischen ist die Fasnet mit dem Narrensprung nicht nur für das kleine Städtchen Rottweil der Höhepunkt des ganzen Jahres, sondern ein weltberühmter Event und deshalb ständig davon bedroht, wie in vielen anderen Fällen, ein Opfer des Konsums und des Kommerzes zu werden. Doch die Rottweiler tun, was sie können, um den Charakter ihrer Fastnachtsveranstaltung zu erhalten. Die alten Kostümierungen mit ihren strengen Vorschriften und Requisiten – mit Schellengürteln, Hauben, Fuchsschwänzen, Kränzle und Spiegelchen – werden ebenso wie die Rössle in den Familien oft über mehrere Generationen weitergegeben und liebevoll gepflegt. Trotzdem müssen die Masken und Kostüme jedes Jahr neu begutachtet werden: Eine Art Zulassungsverfahren soll sicherstellen, dass nur wirklich traditionsgerechte Kleidle und Larven getragen werden.

Mit viel Humor und Respekt für alle Beteiligten verfolgen die Filmemacherinnen die Vorbereitungen auf die Fastnachtszeit. Sie sind dabei, wenn sich die Narrenzunft trifft, sie besuchen den Holzschnitzer, begleiten die Stoffauswahl für neue Kostüme und sprechen mit alteingesessenen Familien, die sich der Tradition verbunden fühlen, oder mit Zugezogenen, die davon träumen, ganz vorne mitzumischen. Alle fiebern dem Großereignis entgegen. Und schließlich ist es so weit: Die Fasnet beginnt. Am Ende schlüpfen sie alle in ihre Kleidle und Larven, um sich ins Getümmel zu stürzen. Und auch wenn das alles für Fastnachtsmuffel und Großstadtmenschen ungewöhnlich ist: die Begeisterung der Rottweiler Narren wirkt absolut ansteckend!

Gaby Sikorski

Was macht einen Narren zum Narren? Was sind Kleidle oder Larven? Und was ein Narrensprung? Wen diese Fragen neugierig machen, wer zudem ein Faible für das hat, was Karneval, Fasching oder Fasnacht bezeichnet wird, für den ist „Narren“ wie gemacht, die neue Dokumentation der Grimme-Preis-Trägerinnen Sigrun Köhler und Wiltrud Baier.

Sie haben sich mit der kleinsten Bank Deutschlands beschäftigt und dem ehemaligen Drummer von Frank Zappa, man kann also getrost feststellen, dass Sigrun Köhler und Wiltrud Baier ein Faible für eher abseitige, obskure Themen haben. Dass dabei nicht das Skurrile im Vordergrund steht, sondern die Menschen hinter den Themen, macht die Filme des Duos so besonders, und das gilt auch für ihren neuen Film „Narren.“ Drei Jahre, drei Saisons, drehten sie dafür in Rottweil, einer kleinen Stadt mit gut 25.000 Einwohner, 90 Kilometer südlich von Stuttgart gelegen und die älteste Stadt Baden-Würtembergs. Bis zu den Römern kann die Geschichte zurückverfolgt werden, ganz so alt ist die berühmte Fasnacht zwar nicht, aber auf eine lange Tradition können die tollen Tage zurückblicken.

Wie die meisten Traditionen dieser Art hat auch die Rottweiler Fasnacht ihre Ursprünge in heidnischen Ritualen, die bis ins Mittelalter nachzuweisen sind. Markantestes Symbol sind dabei die kunstvoll aus Holz geschnitzten Masken, die nicht nur einmal, sondern über Jahre getragen und oft auch vererbt werden. Auf symbolischen Pferden wird durch die Stadt geritten, mit Peitschen geknallt und böse Geister, der Teufel oder pragmatischer, der Winter vertrieben.

Seit 2014 ist auch die Rottweiler Fasnacht, als Teil der schwäbisch-alemannischen Fastnacht ins immaterielle Kulturerbe der UNESCO aufgenommen, vielleicht ein Grund, warum die Teilnehmerzahl in den letzten Jahren immer mehr wächst. Wobei die Regeln hier so streng sind, dass es eigentlich nicht erlaubt ist, einfach so mitzumachen: Masken und Kostüme werden von einem Komitee geprüft und abgenommen, nur dann darf man offiziell an der Fastnacht teilnehmen. Doch immer mehr Teilnehmer kennen sich in den Augen des Festausschuss (in dem auch heute noch ausschließlich Männer sitzen…) nicht mehr wirklich aus und beachtet die Traditionen nicht recht. Berechtigte Kritik an einer langsamen Kommerzialisierung einer Tradition oder doch eher Zeichen für die im Wesen konservative Fasnacht?

Köhler und Baier halten sich mit einem Urteil zurück, sie beobachten, bleiben hinter der Kamera, auch wenn sie bisweilen eine Frage aus dem Off stellen. Immer wieder stellen sie aber prägnante Momente in den Raum, die einiges über die Verhältnisse in Rottweil erzählen: Gleich in der ersten Szene witzelt etwa ein bierseliger Mann über die kleinen Kameras, die die Regisseurinnen offenbar benutzen. Kleine Kameras für kleine Frauen seien das wohl… Später versucht ein Mann eher erfolglos zu begründen, warum in bestimmten Kostümen auf gar keinen Fall eine Frau stecken darf: Es war eben schon immer so. Frauen nähen und reichen ihren Männern die nächste Bierflasche, viel mehr haben sie in der Rottweiler Fasnacht nicht zu tun, die Tradition steckt fest in männlicher Hand. Leben tut sie dennoch auf eindrucksvolle Weise, wie Sigrun Köhler und Wiltrud Baier in ihrer sehenswerten Dokumentation zeigen.

Michael Meyns