National Bird

Eine der umstrittensten Entscheidungen der Obama-Regierung ist die Ausweitung des so genannten Drohnenkriegs, das angeblich punktgenaue Angreifen feindlicher Ziele, das „klinische“ Töten von Terroristen. Wie fragwürdig diese Art der Kriegsführung ist zeigt Sonia Kennebeck in ihrer Dokumentation „National Bird“, die ihren Blick etwas zu sehr auf amerikanische Soldaten richtet und eher emotional als intellektuell überzeugt.

Webseite: http://nationalbird-derfilm.de

USA/ Deutschland 2016
Regie & Buch: Sonia Kennebeck
Dokumentation
Länge: 92 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Filmwelt
Kinostart: 18.5.2017

FILMKRITIK:

Während des ersten amerikanischen Golfkriegs Anfang der 90er Jahre wirkten die grünstichigen Bilder von Raketen, die in Häuser einschlugen noch unwirklich und irreal. Seitdem hat sich die Militärtechnik rasant weiterentwickelt, wirken die Bilder, die Überwachungsdrohnen aus weiter Entfernung liefern, fast fotorealistisch, doch am Ergebnis hat sich wenig geändert: Am Ende schlägt eine Bombe in ein Haus oder ein Auto ein, in dem sich mutmaßliche Feinde aufhalten. Kommen dennoch auch Zivilisten ums Leben, sprechen Militärs euphemistisch von Kollateralschäden.
 
Ausgerechnet die Obama-Regierung hat in den letzten acht Jahren den Drohnen-Krieg ausgedehnt, aus dem einfachen Grund, dass beim ferngesteuerten Krieg aus der Distanz keine eigenen Soldaten in Gefahr sind. Welche ethischen Konsequenzen diese Art der Kriegsführung hat, welche weit reichenden Fragen das nur scheinbar präzise Töten aus der Distanz aufwirft, untersuchte unlängst Karin Jurschik in ihrem Essayfilm „Krieg & Spiele.“ Mit „National Bird“ legt nun eine weitere deutsche Dokumentarfilmregisseurin einen Film zum Thema vor, der sich seinem Sujet allerdings aus ganz anderer Perspektive nähert.
 
Sonia Kennebeck arbeitete einst für den NDR lebt nun jedoch seit Jahren in Amerika, was den  Blickwinkel ihres Films deutlich beeinflusst hat. Immer wieder spricht sie zwar von den Opfern des Drohnenkriegs, doch diese findet sie vor allem nicht etwa in Afghanistan oder dem Jemen, wo die Bomben einschlagen, sondern in Amerika, von wo die Bomben gesteuert werden. Drei ehemalige Mitglieder des amerikanischen Militärs stehen im Mittelpunkt von „National Bird“, drei Soldaten, die in unterschiedlichen Funktionen am Drohnenkrieg beteiligt waren, inzwischen aber aus dem Militär ausgeschieden sind und den Drohnenkrieg verurteilen.
 
Obwohl Heather, Lisa und Daniel in ihren Aussagen überaus vorsichtig sein müssen, um nicht zu viel über ihre ehemalige Arbeit zu verraten und Gefahr zu laufen, sich des Geheimnisverrats schuldig zu machen, sind ihre Aussagen erschreckend: Vom Druck, legitime Ziele zu finden berichtet etwa Heather, vom Ignorieren von Hinweisen auf Zivilisten, von der Entmenschlichung durch eine Arbeit, in der es täglich um das Töten von Menschen ging. Und doch tut man sich schwer, dieses Trio als Opfer des Drohnenkriegs zu sehen, auch wenn sie zum Teil an posttraumatischem Stress leiden.
 
Die wirklichen Opfer tauchen in Sonia Kennebecks Film nur in einer Sequenz auf, als Lisa, die sich inzwischen bei einer Hilfsorganisation engagiert, Afghanistan besucht und auf Überlebende eines Drohnenangriffs trifft. Ohne stichhaltigen Beweis war ein Autokonvoi, der sich auf dem Weg zu einer Hochzeit befand, angegriffen worden, dutzende Afghanen starben, andere überlebten mit schweren Verletzungen. In diesen Szenen sind die Folgen des Drohnen-Kriegs unmittelbar zu sehen, meist konzentriert sich „National Bird“ jedoch auf die andere Seite.
 
Auch durch die Gefahr des Geheimnisverrats bleiben die Aussagen des Trios, der Whistleblower, meist an der Oberfläche. Persönlich ausgenutzt fühlen die ehemaligen Soldaten sich oft, ihr Vertrauen an die Rechtschaffenheit ihres Einsatzes für ihr Vaterland erschüttert. Ein sehr amerikanischer Blick auf das Thema ist dies, der „National Bird“ zu einer zwar interessanten, doch vor allem emotional ergreifenden Dokumentation macht.
 
Michael Meyns