National Gallery

Nicht einfach nur Dokumentationen dreht Frederick Wiseman, sondern Analysen über die Funktionsweisen und die ideologischen Strömungen von unterschiedlichsten Institutionen. Diesmal ist das die Londoner „National Gallery“, eines der bedeutendsten Museen der Welt, deren Meisterwerke aber nur ein Aspekt eines faszinierenden Films sind.

Webseite: www.nationalgallery-film.de

Frankreich 2014 – Dokumentation
Regie: Frederick Wiseman
Länge: 173 Minuten
Verleih: Kool, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 1. Januar 2015
 

Pressestimmen:

"…bietet wunderbare Einblicke in den Alltag der altehrwürdigen Londoner Kulturinstitution."
Spiegel online

"Eine Sternstunde der Kunstvermittlung!"
TAZ

"Eine der schönsten Begegnungen zwischen Malerei und Film, Alten Meistern und Gegenwart, eine Liebeserklärung an das Erzählen in Bildern."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Seit den 60er Jahren dreht Frederick Wiseman (der am 1. Januar 2015 85 Jahre alt wird) Dokumentationen, die dem Geist des Direct Cinema folgen: Es gibt keine Interviews, keine Musik, keine offensichtlichen Kommentare des Regisseurs, allein genaue Beobachtungen, Aufmerksamkeit für kleine Details, ein offener Blick und ein Interesse für die Subtexte der vielen Institutionen, die er im Laufe der Jahre beschrieb. Dazu zählten Universitäten ebenso wie Zoos, eine Irrenanstalt oder ein Parlament, doch egal was Wiseman filmte, immer standen die Menschen im Vordergrund. So objektiv die Methode Wisemans jedoch auch wirkt, so politisch sind seine Filme doch stets, auch wenn sich Wisemans Haltung meist nur subtil verrät, seine Kritik an der Ideologie einer Institution sich oft nur in Details entschlüsseln lässt.

So stehen in „National Gallery“ zwar stets die Gemälde einer der bedeutendsten Kunstsammlungen der Welt im Mittelpunkt, Gemälde von Rembrandt, Turner, van Eyck, Tizian, Lorrain und vielen anderen, doch immer wieder kommt Wiseman auf die Geschichte einer typisch britischen öffentlichen Einrichtung zu sprechen. Dass ein Großteil der Sammlung mit Gewinnen aus der Sklaverei finanziert wurde erfährt man da ganz nebenbei, passenderweise von einer Museumsführerin, die eine Gruppe von Schulkindern mit Migrationshintergrund durch die Galerie führt. An anderer Stelle beschreibt ein Kurator die Provenienz eines Werks aus dem 17. Jahrhunderts, das bei einer Versteigerung nach der französischen Revolution in den britischen Besitz überging. Geschichten sind dies, die Geschichte greifbar nahe werden lassen, nicht nur die der Kunst, sondern auch die politische Entwicklung Europas und der Klassenunterschiede Großbritanniens.

Ein gewisser Snobismus schwingt immer mit, wenn die in feinstem Oxford-Englisch sprechende Führungsriege des Museums über grundlegende Entscheidungen spricht, etwa die Frage inwieweit sich das Museum für gemeinnützige Zwecke öffnen soll oder ob der hehre Kunstanspruch bisweilen nicht einer populäreren Ausstellung weichen könnte. So demokratisch die National Gallery einerseits auch ist, die wie die meisten englischen Museen kein Eintrittsgeld verlangt, so sehr wird die kulturelle Sonderstellung hervorgehoben, die profane Fragen nach finanziellen Mitteln und Budgetkürzungen geradezu vulgär erscheinen lassen.

Diese und viele anderen Geschichten erzählt Wiseman, blickt hinter die Kulissen des Museums, zeigt Restauratoren bei der Arbeit, die vor der schwierigen Frage stehen, wie großen Einfluss sie auf ein Gemälde nehmen wollen, wie sehr sie es verändern dürfen. Denn – und das ist einer der interessantesten Aspekte von „National Gallery“ – jedes Gemälde erzählt eine Geschichte. Eine Geschichte, die über die bloße Oberfläche eines Gemäldes hinausgeht, die um so vielschichtiger wird, je mehr man über die dargestellten Personen eines Gemäldes weiß, über die Mythologie, auf die Bezug genommen wird, aber auch über die sozialen und politischen Umstände der Zeit, in der das Gemälde entstand. Etliche Gemälde lässt Wiseman auf diese Weise quasi analysieren, von enthusiastischen Museumsführern, die etwa Holbeins „Die Gesandten“, Rubens „Samson & Delilah“ oder Pissaros „Montmartre bei Nacht“ beschreiben.

So ist „National Gallery“ neben vielen anderen Aspekten auch ein Grundkurs in Kunstgeschichte und nebenbei ein Rundgang durch eins der großartigsten Museen der Welt.
 
Michael Meyns