Neruda

Der chilenische Regisseur Pablo Larraín (Oscar-nominiert für ¡NO! und Großer Preis der Jury Berlinale für EL CLUB) blickt zurück auf die 1940er Jahre, als der chilenische Dichter und Literaturnobelpreisträger Pablo Neruda in seiner Heimat verfolgt wird. Sein Anti-Biopic verblüfft als Kriminalfilm mit Noir-Anleihen und – gewöhnungsbedürftigem – lakonischen Humor. Vor allem die beiden Hauptdarsteller Gael García Bernal und Luis Gnecco stehen im Vordergrund in diesem illustren Katz-und-Maus Spiel zwischen der Staatsmacht und dem berühmten antifaschistischen Poeten im Untergrund.

Webseite: www.piffl-medien.de

Chile / Argentinien / Frankreich / Spanien 2014
Regie: Pablo Larraín
Drehbuch: Guillermo Calderón
Darsteller: Gael García Bernal, Luis Gnecco, Mercedes Moran, Alfredo Castro, Pablo Derqui.
Kamera: Sergio Armstrong
Länge: 108  Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 23.2.2017

 

FILMKRITIK:

Chile 1948. Mit Beginn des Kalten Kriegs kommt Pablo Neruda (Luis Gnecco) auf die schwarze Liste der Regierung. Grund: Seine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei. Obwohl er gewählter Senator ist, muss der Poet, verfolgt von der Staatsmacht, in den Untergrund gehen. Inspektor Oscar Peluchonneau (Gael Garcia Bernal) bekommt von Chiles Präsident Gonzales Videla (Alfredo Castro) den Auftrag, den beliebten Dichter zu fassen und beim Volk in Misskredit zu bringen. Der aber scheint ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Stets findet er Unterschlupf. Er hinterlässt sogar an jeder Station der Flucht noch einen Kriminalroman, den der Kommissar liest und hofft, so auf die Fährte des Staatsfeind-Poeten zu kommen. Doch Oscar Peluchonneau, Sohn einer Prostituierten, wird als Polizist kaum ernst genommen. Im Gegensatz zum berühmten Poeten aus der Oberschicht, wirkt der melancholische, selbstverliebte Staatsdiener mit dünnem Oberlippenbart mehr wie eine groteske, fast schon tragische Gestalt. Denn selbst die einfachen Leute, lieben ihren antifaschistischen Dichter, der im Parlament dem Präsidenten so mutig seine Meinung sagte. Es nützt auch nichts, als Peluchonneau die geschiedene Frau Nerudas, Maria Antonieta Hagenaar aus Holland, vor das Mikro zerrt. Im Radio soll sie den Künstler bloßstellen. Doch stattdessen schwärmt sie in höchsten Tönen von ihm. Dass Neruda kein Kostverächter ist, tut seinem Mythos keinen Abbruch. Auch wenn er auf der Flucht ist, amüsiert sich der Hedonist trotzig einen Abend lang im Nachtclub. Gerade noch rechtzeitig kann der Lyriker verschwinden, bevor sein Verfolger alle verhaften lässt. „Er sprach mit mir von Mann zu Mann, Künstler zu Künstler“, erzählt der Travestie-Sänger beim Verhör mit Peluchonneau berührend. „Das ist etwas, das sie nie verstehen können“, macht er dem verunsicherten, stoischen Fahnder klar, der tragisch am charismatischen Genie Neruda scheitert.

Regisseur Pablo Larraín inszeniert sein spannendes Anti-Biopic über den wohl berühmtesten Chilenen der Geschichte zwischen Kammerspiel und Kriminalfilm mit Noir-Anleihen und lakonischen Humor. Dabei zeigt er eine stilistisch illustre Verfolgungsjagd, wie sie auf der Leinwand nur noch in manchen Spätwestern vorkommt. Sein bildgewaltiger Showdown in den schneebedeckten Weiten der imposanten Bergwelt der Anden ist ein filmisches Gedicht.

Seit Jahren arbeitet sich der engagierte Filmemacher an der Geschichte seiner Heimat Chile ab. Nicht zuletzt machte ihn die packende Politsatire „No“, in der er sich mit der Pinochet-Diktatur und ihren Folgen beschäftigt, zum Star des Arthouse-Kinos. Und auch in „Neruda“ zeigt er zwischendurch in scharfen Bildern, wenn Arbeiter verhaftet und mutmaßliche Kommunisten in Lager in der Wüste abtransportiert werden, wo General Pinochet bereits auf sie wartet, die grausame Realität.

Längst ist Gael García Bernal das Gesicht des lateinamerikanischen Films. Mit der Hauptrolle in dem Kultfilm „Amores Perros“ von Alejandro González Iñárritu gelang dem mexikanischen Schauspieler der internationale Durchbruch. Bald folgten Hollywood-Produktionen wie „Die Reisen des jungen Che“ oder das Oscar-nominierten Drama „Babel“ mit Brad Pitt und Cate Blanchett. Der sozial engagierte 35jährige beweist auch diesmal wieder eine beeindruckende Leinwandpräsenz. „Ich empfinde meinen Beruf als Privileg. Denn durch ihn kann ich ungemein viel über die Welt lernen ", sagt Bernal.

Nerudas Werke waren während der Militärdiktatur von Augusto Pinochet zwischen 1973 und 1990 verboten. Sein plötzlicher Tod wenige Tage nach dem Putsch im September 1973 ist seit Jahren ein Mysterium. Inzwischen erklärt die chilenische Regierung, dass der Lyriker, der gegen rechte Politiker wütete und die Welt feierte, wahrscheinlich ermordet wurde. Der Verdacht erhärtete sich, dass auch hier der US-amerikanische Geheimdienst CIA seine Finger im Spiel hatte. Denn einer der größten Freigeister hätte im Exil erneut seine Stimme erhoben.

Luitgard Koch