Nerve

Gerade beginnt auch in Deutschland das Smartphone-Spiel Pokemon Go Wellen zu schlagen, ein eher harmloses Vergnügen, dass dennoch andeutet, was in Zukunft auf uns zukommen könnte. Denn die Obsession mit Onlinespielen, die Sucht nach Likes und Aufmerksamkeit beeinflusst immer stärker das Onlineverhalten, wie Henry Joost und Ariel Schulman in ihrem bemerkenswerten Teenie-Online-Thriller „Nerve“ zeigen.

Webseite: nerve-film.de

USA 2016
Regie: Henry Joost, Ariel Schulman
Buch: Jessica Sharzer, nach dem Roman von Jeanne Ryan
Darsteller: Emma Roberts, Dave Franco, Emily Meade, Miles Heizer, Kimiko Glenn, Juliette Lewis, Machine Gun Kelly
Länge: 96 Minuten
Verleih: Studiocanal
Kinostart: 8. September 2016
 

FILMKRITIK:

Unschlüssig starrt Vee (Emma Roberts) auf den Monitor, sie will das Angebot der kalifornischen Uni annehmen, doch sie traut sich nicht. Auch wenn die 19jährige eine gute Schülerin ist und ein Stipendium bekommen hat, wagt sie es nicht, gegen den Willen ihrer Mutter Nancy (Juliette Lewis) das heimische New Jersey zu verlassen und tausende Kilometer entfernt zu studieren.
 
Im Gegensatz zu Vee ist ihre beste Freundin Sydney (Emily Meade) eine Draufgängerin, die nichts auslässt und jeden Blödsinn mitmacht. Kein Wunder also, dass sie bei einem neuen Onlinespiel namens Nerve mit dabei ist. Eine Art virtuelles "Wahrheit oder Pflicht" ist diese App, allerdings nur mit Pflicht: Zunehmend verrückte und bald auch halsbrecherische Aufgaben müssen die Spieler erfüllen. Dadurch gewinnen sie Geld, vor allem aber die wichtigste Währung unserer Tage: Aufmerksamkeit und Likes. Von Sydney angestachelt macht auch Vee den Schritt und wird zum Spieler. Und trifft bald auf den charmanten, aber undurchsichtigen Ian (Dave Franco), mit dem sie eine wilde Nacht durchlebt: Und das alles vor den Augen eines stetig größer werdenden Online-Publikums.
 
Mit wenigen Änderungen könnte man sich diesen Stoff auch als Grundlage eines düsteren, dystopischen Science Fiction Film vorstellen, doch gerade das Setting in einer von Technologie geprägten, aber doch unverkennbar zeitgenössischen Teenager-Welt macht „Nerve“ so prägnant. Schon in ihrem Debütfilm „Catfish“ hatte das Regieduo Henry Joost & Ariel Schulman ein besonderes Gespür für die Abgründe der virtuellen Welt gezeigt, die immer stärker den Alltag prägen und immer mehr zum scheinbaren Maßstab des Wert eines Menschen werden. Und in genau diese Richtung zielt auch „Nerve“ ab.
 
Facebook-Friends werden gesammelt, auch wenn man die meisten dieser „Freunde“ nie persönlich kennenlernt, möglichst witzige, originelle Bilder, Videos oder Kommentare werden gepostet, auf das es Likes gibt und man sich für Sekunden besonderer Beliebtheit erfreuen kann. Das fiktive Online-Spiel Nerve ist dabei kaum mehr als eine nicht besonders utopisch wirkende Steigerung der Realität: In der Anonymität des virtuellen Raums ist es auch heute schon leicht, mutiger zu tun, als man es in der Realität wäre und damit im schlimmsten Fall unsichere Online-Bekanntschaften zu Handlungen zu drängen, die unvorhergesehene Folgen haben können.
 
Die Brillanz von „Nerve“ ist nun, wie diese virtuelle Ebene mit der realen Teenie-Welt von Vee und ihren Freunden verknüpft wird, wie die typischen, alltäglichen Teenie-Probleme zum Katalysator für das halsbrecherische Online-Verhalten werden. Auch wenn es Vee eigentlich bewusst ist, dass sie sich in der Realität beweisen muss, lässt sie sich auf immer gewagtere Aufgaben ein, ist sie bald gefangen in einem Spiel, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint. Für den Moment mag „Nerve“ noch Zukunftsmusik sein, doch gerade dadurch, dass so viele Elemente des Films (und der Romanvorlage von Jeanne Ryan) die gegenwärtige Realität nur ein klein wenig übersteigern, macht diesen Teenie-Film zu so einer prägnanten Darstellung unserer Zeit und der zunehmenden Bedeutung des Daseins in virtuellen Welten.
 
Michael Meyns