Nevrland

Das kleine Filmland Österreich ist gerne gut für kreatives Kino der rigorosen Art. Dieses Debüt mit Wow-Effekt erzählt vom sensiblen Teenager Jakob, der gemeinsam mit dem verschlossenen Vater in einem Schlachthof arbeitet. Sein soziales Leben beschränkt sich auf Sex-Chats im Internet. Die Tristesse findet ein Ende, als der 17-Jährige den jungen Künstler Kristjan kennen lernt. Die Coming of Age-Story im Labyrinth der Gefühle überzeugt durch visuellen Einfallsreichtum sowie die fast beängstigend intensive Darstellung des leinwandpräsenten Newcomers Simon Frühwirth. Als Sahnehäubchen gibt sich der gewohnt grandiose Josef Hader die minimalistische Vater-Ehre. Wo Hader auf dem Plakat steht, kann bekanntlich nur lohnendes Kino drin sein.

Webseite: www.salzgeber.de

Ö 2019
Regie und Buch: Gregor Schmidinger
Darsteller: Simon Frühwirth, Paul Forman, Josef Hader, Markus Schleinzer
Filmlänge: 88 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 17.10.2019

AUSZEICHNUNGEN: Max Ophüls: Preis Bester Schauspielnachwuchs Simon Frühwirth & Preis der Jugendjury; Diagonale: Schauspielpreis Simon Frühwirth & Thomas-Pluch Spezialpreis Bestes Drehbuch

FILMKRITIK:

„Ich habe noch nie jemanden geküsst“, stammelt der 17-jährige Jakob (Simon Frühwirth) verlegen als er vor dem selbstbewussten Künstler Kristjan (Paul Forman) steht. Das soziale Leben des sensiblen Teenagers spielt sich vor allem virtuell auf Sex-Seiten im Internet ab. Auch der nächtliche Chat mit dem jungen Amerikaner auf Wien-Besuch bleibt zunächst beim üblichen Porno-Blabla. Dessen Charme-Offensive blockt Jakob höflich zögernd ab, immerhin tauscht man Handy-Nummern aus. Als sein dementer Großvater stirbt, gerät der Enkel in emotionale Not. Der verschlossene Vater (Josef Hader) reagiert hilflos wie gewohnt. Nach der Beerdigung sucht Jakob Trost und trifft sich spontan mit seiner Chat-Bekanntschaft im Museum.

Die Begegnung verläuft viel versprechend. Das Plaudern über Gott und die Welt tut Jakob sichtlich gut. Auch der spätere Besuch im Atelier des Künstlers gefällt dem Teenager. Doch plötzlich bricht er zusammen, die Folgen seiner Angststörungen. Kristjan nimmt den Vorfall locker. Fraglich freilich, ob es so eine gute Idee ist, am Morgen danach den Besucher zu einem Trip mit psychoaktiven Drogen einzuladen. Er hätte gar nichts gespürt, wird Jakob später sagen. DMT gilt indes nicht umsonst als eines der stärkste Psychedelika überhaupt. Beim Besuch einer Techno-Disco wird der 17-Jährige im grellen Flackerlicht von Halluzinationen eingeholt.

„Ich wollte einen Film aus der Post-Gay-Perspektive machen, das heißt die Homosexualität der Hauptfigur nicht ins Zentrum des Films rücken, sie gar problematisieren oder das Coming-out zum großen Thema machen“, sagt Jungfilmer Gregor Schmidinger über sein Kino-Debüt. Sein Thema sind Panikattacken und Angststörungen, unter denen er einst selbst zu leiden hatte. Die autobiografische Komponente ist sichtlich spürbar: So beklemmend dürften sich solche psychischen Ausnahmezustände für die Betroffenen anfühlen. Die Dosis des Surrealen steigert sich zunehmend. Fast noch harmlos vermischt sich am Anfang der Anblick der Schweinehälften, die der Held tagsüber im Aushilfsjob säubert, mit den Pornobildern seiner nächtlichen Internet-Aktivitäten. Je heftiger die Angstattacken ausfallen, desto mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Wahnvorstellungen. Um schließlich in einem 15-minütigen, fast lynchesken Albtraum-Finale zu kulminieren. „Ein absoluter Brainfuck!“ schwärmte die Jugendjury des Max Ophüls-Festivals in der Preisbegründung.

Seinen flirrenden Psychotrip bebildert Schmidinger mit einem Füllhorn visueller Einfälle, während angesagte Wiener Underground-DJs im Techno-Laden für den wummernden Soundtrack sorgen. Zwischendurch bleibt immer wieder Zeit für Pausen, beim ruhigen Museumsbesuch etwa, den vorsichtigen Zärtlichkeiten zwischen den Jungs oder dem bedrückenden Schweigen im familiären Wohnzimmer.

Mit gewohnter Präzision und gekonntem Minimalismus skizziert Josef Hader brillant den hilflosen Vater. Derweil Hauptdarsteller Simon Frühwirth, ohne jede vorherige Kameraerfahrung, ein beeindruckendes Debüt als verstörter Teenager im Sog virtueller Sex-Welten hinlegt. Seine charismatische Leinwandpräsenz erinnert nicht selten an die Coolness und Verletzlichkeit eines Denis Lavant aus den frühen Carax-Filmen. Beim Casting wusste der junge Wiener noch gar nicht, wofür er sich da überhaupt bewirbt. Mittlerweile hat Frühwirth bereits zwei Schauspielpreise für seine Tour de Force abgeräumt. Den Namen wird man sich merken müssen.    

Dieter Oßwald