Newcomers

Über Flüchtlinge wird viel geredet, aber sie selbst kommen nur selten zu Wort. Es gibt viele Dokumentationen und Spielfilme zu dem Thema, aber auch diese werden fast immer von Journalisten und Regisseuren aus den Ländern gemacht, in die geflüchtet wird. In diesem Sinne ist „Newcomers“ von Ma’an Mouslli, der selbst 2014 aus Syrien nach Deutschland kam und bereits mit der Doku „Shakespeare in Zaatari" über geflüchtete Kinder im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari 2016 den Preis „Bester Film Non Professional“ beim Film Festival Cologne gewann, viel mehr als nur ein weiterer Film über die Flüchtlingsproblematik, denn in ihm erzählen Flüchtlinge ihre Geschichten und bekommen so auch ganz bildlich ihr eigenes Gesicht.
Der Film ist aus der Arbeit des Osnabrücker Zentrums für Flüchtlinge „Exil“ entwickelt. Im Januar 2016 begann man mit dem Fundraising für das Projekt, das von Beginn an nichtkommerziell angelegt war. Stattdessen beteiligten sich zahlreiche Stiftungen und Firmen an der Finanzierung, sodass schließlich ein Budget von 130.000 Euro aufgebracht werden konnte. Nach der Berliner und Osnabrücker Premiere kann und soll er in Programmkinos, Vereinen, in Initiativen und Schulen gezeigt werden. 50 Prozent der Einnahmen fließen in die Flüchtlingshilfe.

Webseite: newcomers-film.de

Deutschland 2018.
Regie: Ma’an Mousslli.
Länge: 63 Min.; FSK: ab 12 J.
Originalfassung mit deutschen Untertiteln
Verleihkontakt:
Exil – Osnabrücker Zentrum für Flüchtlinge e.V.
Krahnstraße 11
49074 Osnabrück
Tel.: 0541 380699-14
E-Mail: info@newcomers-film.de
 

FILMKRITIK:

Nicht „Flüchtlinge“, sondern „Newcomers/Neuankömmlinge“ macht dieser Film zum Thema und läßt sie von ihrem Schicksal direkt in die Kamera erzählen. Auch der Regisseur selbst ist ein Newcomer, der 2014 aus Syrien nach Deutschland oder besser gesagt: nach Osnabrück gekommen ist.

Diese genaue Ortsangabe ist hier wichtig und ganz in Mousllis Sinne, denn sein Film hat 29 Flüchtlinge aus acht verschiedenen Ländern als Protagonisten, aber unter deren Namen stehen nicht etwa ihre Herkunftsländer, sondern die Namen der deutschen Städte, in denen sie heute leben. Wenn dort Iran, Afghanistan, Palästina, der Sudan oder die DDR stehen würde, dann könnte man sie gleich genau verorten und all das Vorwissen über die Konflikte in ihren Herkunftsländern wurden den Blick auf das Wesentliche trüben.

Denn Mouslli will von der Flucht als einer universellen Erfahrung erzählen, und so fügt er Fragmente aus den Erzählungen seiner 29 Gesprächspartner und -partnerinnen zu Kapiteln mit Titeln wie „Verlorene Liebe“, „Rebellion und Tod“ und „Angst und Sehnsucht“ zusammen. Alle Sequenzen werden in der gleichen Einstellung gedreht: in extremer Nahaufnahme von den Köpfen mit einem schwarzen Hintergrund, bei der nichts davon ablenkt, in diese Gesichter und vor allem in diese Augen zu sehen.
Sogenannte „talking heads“ gelten in Dokumentarfilmen eigentlich als konventionell und stilistisch uninteressant. Aber hier sind sie genau das richtige Stilmittel, um das Interesse an den Menschen und ihren Geschichten zu wecken. Rechts oben stehen dann jeweils die Namen der Erzählenden und links unten die deutschen Untertitel. Diese Rahmung wird konsequent durchgehalten und zwischen den Kapiteln gibt es eine kleine Ruhepause mit Schweigen und Schwarzfilm.

Diese kann manchmal ein paar Sekunden lang dauern, denn in „Newcomers“ wird zum Teil von schrecklichen Vorkommnissen erzählt, und Mouslli ist so klug, danach etwas Zeit zu lassen, um das Gehörte sacken zu lassen. Eine ähnliche Funktion hat auch die sanfte, sparsam eingesetzte Musik der syrischen Sängerin Dima Orsho, die inzwischen in den USA lebt, also für ihre Kompositionen aus den eigenen Erfahrungen schöpfen konnte.

Ma’an Mouslli hat etwa hundert in Deutschland lebende Flüchtlinge interviewt und dabei Aufnahmen von mehr als 400 Stunden gemacht. Zu den 29 ausgewählten Protagonisten zählen ein alter Mann und ein Kind, ein Gehörloser, ein Homosexueller, eine junge Afrikanerin und ein Mann, der durch einen Bombenangriff beide Arme verlor. Sie alle reden erstaunlich offen über persönliche Erfahrungen. Sie müssen viel Vertrauen zu Mouslli und seinem kleinen Filmteam gefasst haben.

Da erzählt eine Deutsche davon, wie Flüchtlingsfrauen 1945 von russischen Soldaten vergewaltigt wurden und dass sie auf ihrer Flucht so hungrig war, dass sie heute noch oft an eine ihr geschenkte Griessuppe denken muss. Einige reden darüber, wie sie gefoltert wurden – andere, wie ihre Freunde und Familienangehörigen gestorben sind. Aber Mouslli weiß genau, wie viel er den Zuschauern zumuten kann. Und er arbeitet geschickt mit Kontrasten, sodass jede Geschichte wieder neu die Neugier weckt und sie sich alle zu einer Essenz der Flüchtlingserfahrung verdichten.

Darüber, wie schwierig die Reisen nach Deutschland waren, wird so gut wie nichts erzählt. Für Mouslli sind diese abenteuerlichen Geschichten, über die andere so gern berichten, nicht wichtig. Stattdessen erzählen seine Protagonisten von ihrem neuen Leben in Deutschland. Der hiesige alltägliche Rassismus wird dabei nicht spektakulär beschrieben, sondern eher subtil, wenn etwa eine junge afrikanische Frau schildert, wie ein älteres Ehepaar sich weigerte, ihr beim Einparken ihres Autos zu helfen.

„Newcomers“ hat eine ungewöhnliche Entstehungsgeschichte. Mouslli war in Syrien IT-Manager und wurde dann in Deutschland zum Filmemacher. Seine erste Dokumentation „Shakespeare in Zaatari“ drehte er über ein Theaterprojekt in einem Flüchtlingslager in Jordanien und zusammen mit einem Freund aus Syrien produzierte er eine Reihe von kurzen, witzigen Lehrfilmen für Flüchtlinge in Deutschland („Wie finde ich eine Wohnung?“ „Wie lerne ich die Sprache?“ ), die unter dem Titel „Achso from Osnabrueck“, auf Youtube zu sehen sind.

In einer AG des Osnabrücker Zentrums für Flüchtlinge „Exil“ traf er dessen Geschäftsführerin Sara Höweler, mit der zusammen er dann das Konzept von „Newcomers“ entwickelte. Ohne Erfahrungen in diesem Metier wurde Höweler zur Filmproduzentin und begann im Januar 2016 mit dem Fundraising für das Projekt, das von Beginn an nichtkommerziell angelegt war. Stattdessen beteiligten sich zahlreiche Stiftungen und Firmen an der Finanzierung, sodass schließlich ein Budget von 130.000 Euro aufgebracht werden konnte.

Wilfried Hippen