Nice Places To Die

Der Filmemacher Bernd Schaarmann setzt mit „Nice Places To Die“ nach eigener Aussage seinen eigenen „nativen und vielleicht gerade deswegen naiven Blick“ aus dem ebenfalls sehr persönlichen Vorgänger „Leben und Sterben in Castrop-Rauxel“ fort. Dieser Film begann mit den Worten: „Ich bin Bernd und ich bin ein Bestatterkind.“ Für „Nice Places To Die“ begab er sich auf eine Weltreise zu Friedhöfen in Argentinien, Kairo (Ägypten), Manila und Sulawesi (Indonesien) und kehrte zurück mit eindrucksvollen Aufnahmen und erweiternden Einsichten über ein anderes Miteinander von Leben und Tod.

Webseite: www.wfilm.de

Deutschland 2014
Regie: Bernd Schaarmann
Buch und Idee: Heike Fink
Länge: 110 Minuten
FSK: ab 6; f
Verleih: W-film
Kinostart: 4.6.2015
 

FILMKRITIK:

Aus Buenos Aires kommt Ricardo, der mit seinem alten Transporter Tote hunderte Kilometer durch Argentinien fährt und auch schon mal im Transporter neben dem Sarg des Verstorbenen übernachtet. In Kairo, in der größten Totenstadt der Welt leben 10.000 Menschen seit Generationen zwischen den Toten. Hier ist der Friedhofsaufseher ein Makler, es gibt Postamt und Schulen, Friseur und Kiosk. Sowie normale Familienleben. Denn das ist einer der vielen Glücksfälle dieser sehenswerten Dokumentation, sie verfällt nicht in sozialem (An-)Klageton, sie zeigt das Feiern und das Rauchen der Wasserpfeifen in Kairo, das Spiel der Kinder in Manila. Dass die Kleinen einen Schädel herumkegeln, bis der zerbricht, ist für den westlichen Zuschauer spürbar grenzwertig. Ebenso die Verwertung alter, noch voller Särge für den Schrottpreis des Metalls.
 
In „Nice Places To Die“ (deutsch: Nette Orte zum Sterben) stehen Schicksale armer Familien, die eigentlich anders leben wollen, neben heftigen und kuriosen Geschichten: Wie die vom Totenfahrer Ricardo und seiner Vergangenheit im kriminellen Milieu. Oder wie von der 73-jährigen Amor, die – eine Ausnahme – tatsächlich schon auf Manilas Friedhof Norte im Mausoleum ihrer Familie lebt. Und für immer dort bleiben wird. Und vor allem die Mutter, die auf Sulawesi seit Jahren balsamiert im Haus der Familie liegt. In solchen Momenten, theoretisch unterfüttert mit diesem anderen Konzept von Dies- und Jenseits beim indonesischen Hochlandvolk der Torajas, kehrt der bild- und gedankenreiche, doch trotzdem leichte Film zu seinem Kern zurück.
 
Die Frage „wie fühlt sich das an, mit dem Tod auf Du und Du?“ führt zu einer ganz anderen Umgang mit dem Tod. Wie es etwa ein Grabpfleger doppeldeutig sagt: „Wenn es keine Toten gibt, gibt es keinen Grund zu leben.“ Regisseur Bernd Schaarmann referiert immer wieder zu seinen eigenen Erinnerungen vom Aufwachsen auf dem Friedhof. So kann man dem aus unseren Gesellschaften verdrängten Tod ganz nahe kommen; überdenken, dass ein längerer, langsamer Abschied wohl nicht so schmerzlich sein mag. Dabei werden vor allem die Menschen, die in Manila aus Armut auf dem Friedhof leben müssen, in sehr schönen, oft poetischen Bildern der sorgfältigen und aufmerksamen Kamera (Olaf Hirschberg, Andres Marder, Bernd Schaarmann) gezeigt. Zwischendurch gibt es erhebende Überflüge der Gräberlandschaften. Wobei Schaarmann sich bei den typischen, exotischen Bildern von den bunten Beerdigungszeremonien eher zurück hält.
 
So kommt der Film seinen Protagonisten in und um die Mausoleen sehr nahe. Nicht nur mit der Kamera, auch vermittels der offenen Gespräche. Auch ausgesprochen bemerkenswert ist die Dichte und Kraft des Kommentars mit klugen bis philosophischen Beobachtungen: „Wir haben den Tod aus dem Leben und das Leben vom Friedhof verdrängt“. Nicht ganz gelungen erscheint nur der Musikeinsatz, der den ungemein starken Eindruck des Films unnötigerweise noch einmal steigern will.
 
Man muss bei dieser Dokumentation tatsächlich öfters an den Thailändischen Cannes-Gewinner „Uncle Boonmee erinnert sich an seine früheren Leben“ von Apichatpong Weerasethakul denken, was als großes Lob gedacht ist. Der von der Film- und Medienstiftung NRW mit dem Gerd-Ruge-Stipendium geförderte, sehr sehenswerte „Nice Places To Die“ begeistert mit erweiternden Einblicken und Erkenntnissen zu Leben und Tod, die in anderen Kulturen nicht als Gegensätze verstanden werden. So ist es dann nach dem glücklichen Erleben dieses Films gar nicht mehr eine so bittere Pointe, dass ausgerechnet der Regisseur Bernd Schaarmann, der sich so intensiv mit dem Tod beschäftigte, Oktober 2014 im Alter von erst 46 Jahren verstarb.
 
Günter H. Jekubzik