Nico, 1988

Christa Päffgen wurde als „Nico“ weltberühmt. Susanna Nicchiarellis Film erzählt von den letzten Jahren der Sängerin, zwischen Heroinabhängigkeit und Tourneealltag. „Nico, 1988“ folgt dabei nicht dem klassischen Aufbau einer Künstlerbiografie, sondern porträtiert Nico so eindringlich wie einfühlsam als eine zerbrechliche und zugleich charismatische Künstlerin, die den Wunden ihrer Vergangenheit nicht entfliehen kann.

Webseite: www.filmkinotext.de

Italien, Belgien, 2017
Regie & Buch: Susanna Nicchiarelli
Darsteller: Trine Dyrholm, John Gordon Sinclair, Anamaria Marinca, Sandor Funtek, Thomas Trabacchi
Länge: 93 Minuten
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 18. Juli 2018

FILMKRITIK:

„My plan is to become a very elegant old woman“, sagt Nico und bricht kurz darauf in ein herzliches Lachen aus. Eine elegante alte Frau will sie werden. Vielleicht vermutet sie, habe die Wirkung des Methadons – das Fläschchen mit der knallgelben Flüssigkeit steht neben ihr auf dem Nachttisch – diesen sentimentalen Gedanken hervorgebracht. Doch dem Lachen zum Trotz ist den Worten der Sängerin die Ernsthaftigkeit anzumerken, mit der sie einen Lebenswandel anstrebt – weg vom Exzess, weg von den Drogen.
 
Es ist das Jahr 1987. Nico (Trine Dyrholm) ist auf Europa-Tournee. In einem winzigen Bus durchquert sie mit ihrer bunt zusammengewürfelten Band Italien, Deutschland und die Tschechoslowakei. Dort tritt sie in kleinen Clubs auf, spielt in Hotels oder im Innenhof einer Wohnsiedlung. Mal enden die Gigs mit Wutausbrüchen Nicos, mal mit einer Razzia durch die Behörden – immer scheint es etwas zu geben, das die Magie von Nicos Bühnenpräsenz (Dyrholm singt Nicos Songs hier mit eigener Stimme nach) zerstört. Oft sind es nur Geduld und Fürsorge von Manager Richard (John Gordon Sinclair), die die Tour vor dem Scheitern bewahren.
 
Regisseurin Susanna Nicchiarelli zentriert ihren Film ausschließlich auf die letzten Jahre im Leben der Sängerin. „Nico, 1988“ bricht mit dem generischen Takt der filmischen Künstlerbiografien, die ein zerstörtes Privatleben und die unweigerlichen Folgen des jahrelangen Rockstar-Daseins oft nur anhand der Tiefe des Falls messen. Statt den Erfolg mit dem Abstieg abzugleichen, um die Tragik eines Lebenslaufes nachzuzeichnen, entzieht sich Nicchiarelli diesem Schema, indem sie die private Tragödie nie in direkte Verbindung mit Rock 'n Roll und Glamour setzt. Sie interessiert sich nicht für den Lebensabschnitt, der Nico zur Ikone machte. Damit ist „Nico, 1988“ mehr ein Film über Christa Päffgen (so der bürgerliche Name der Sängerin), als über Nico. Nicchiarelli betrachtet den Teil von Nicos Leben, den die Weltöffentlichkeit schon nicht mehr sehen wollte. Den Teil, der die 68er und das Stardasein lange hinter sich gelassen hat. Ob Lou Reed, John Cale, Andy Warhol oder Alain Delon: Keiner von ihnen spielt in Nicos Leben um 1987 noch eine Rolle. Und doch werden sie immer wieder herbeigeredet. Besonders in den Interview-Szenen, die sich immer wieder zwischen die Handlung schieben, wird die Künstlerin auf eine Zeitgenossin der Männerikonen reduziert, während ihre Solokarriere – der eigentliche künstlerische Höhepunkt ihrer Musikkarriere – keinerlei Beachtung findet.
 
Dennoch ist „Nico, 1988“ mehr als das Porträt einer abdankenden Künstlerin. Trine Dyrholm spielt die Sängerin als eine Frau, die auch nach ihren Jahren als Model, ohne die Schönheit, die sie einst berühmt machte, noch eine besondere Präsenz ausstrahlt. Ohne Eitelkeit verkörpert sie Nico in den schweren Episoden der Heroin-Abhängigkeit, die der Film nie als Highlights inszeniert, sondern als Teil des kräftezehrenden Touralltags. Das eigentliche Zentrum der Erzählung bildet jedoch Nicos Schmerz über die Trennung von ihrem Sohn Ari (Sandor Funtek), der nach einem Suizidversuch in einer psychiatrischen Klinik lebt. Mutter und Sohn scheint der gleiche Hang zur Selbstzerstörung innezuwohnen, der auch die schönen Momente zwischen ihnen oft zu zerstören droht. Nicos Heroinsucht und Aris Depressionen überschatten ihr ansonsten inniges Verhältnis. Selbst die liebevollen Momente zwischen den Beiden, etwa wenn Nico Ari das erste Mal in der Klinik besucht, deuten immer auch auf die Narben hin, die beide tragen. Ari trägt sie noch an seinem Körper, als Riss auf seinen Lippen, über den seine Mutter sanft mit der Hand streicht, als könne sie ihn einfach wegwischen. Nico bringt sie Form einer tiefen Melancholie mit. Sie steht ihr ins Gesicht geschrieben, wenn sie Aris Geschichten lauscht, als wären es die letzten, die er ihr jemals erzählen könnte.
 
So geht es Nicchiarelli letztlich nicht darum einen Künstlermythos aufzugreifen, sondern eine Frau zu porträtieren, die ihre, von diesem Mythos überschattete Identität zu finden versucht. Es sind die einfachen, alltäglichen Momente, die eindrücklicher von der Künstlerin erzählen, als es jeder nachinszenierte Auftritt könnte. Nur in diesen kleinen Momenten scheint Nico wirklich glücklich – dort, wo andere sie als Christa wahrnehmen. Bei einem spontanen Mitternachtssnack mit Gitarrist Domenico (Thomas Trabacchi) schlingt sie mit kindlichem Appetit die selbstgemachten Spaghetti in sich rein und schlürft dazu eine knallgelbe Flüssigkeit aus dem Wasserglas. Diesmal ist es kein Methadon, es ist Limoncello. Nico darf Christa sein – wenigstens für einen Abend.
 
Karsten Munt