Nocturama

Paris, London, Nizza, Berlin, Stockholm. In immer kürzerer Folge werden europäische Städte von Anschlägen erschüttert, die vielfältige Fragen aufwerfen: Nach den Tätern, ihren Motiven, aber auch nach dem Umgang freiheitlicher Gesellschaften mit einer extremen Bedrohung. An dieses heikle Themenfeld wagt sich Bertrand Bonello mit "Nocturama" ran, ein brillanter, komplexer Film, der letztes Jahr nicht in Cannes lief – was viel über seine besondere Qualität verrät.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Frankreich 2016
Regie & Buch: Bertrand Bonello
Darsteller: Finnigan Oldfield, Vincent Rottiers, Hamza Meziani, Manal Issa, Martin Petit-Guyot, Jamil McCraven
130 Minuten
Verleih: RealFiction
Kinostart: 18. Mai 2017

FILMKRITIK:

Nach seinen Historiendramen "Haus der Sünde" und "Saint Laurent" wollte Bertrand Bonello – seit Jahren einer der aufregendsten, gewagtesten Regisseure Frankreichs – einen zeitgenössischen Film drehen. Lange vor dem Anschlag auf Charlie Hebdo hatte er mit der Arbeit am Drehbuch begonnen,  dann überholte die Realität die Fiktion. Im Sommer 2015 wurde gedreht, an einigen der markantesten Orte Paris, was "Nocturama" ein paar Monate später eine Aktualität verleihen sollte, die Bonello nicht ahnen konnte und die den Blick auf seinen Film nach den Anschlägen auf das Bataclan unweigerlich verändern.
 
Dabei ist eine der großen Qualitäten von "Nocturama" seine Unbestimmtheit, sein vermeiden von konkreten Informationen, von Motiven, Ursachen oder gar Schuldzuweisungen. Mitten in Anschlagsvorbereitungen springt Bonello zu Beginn hinein, folgt praktisch ohne Dialoge einer Gruppe junger Menschen, die sich im weit verzweigten Pariser Metro Netz bewegen, sich gelegentlich begegnen, verschwörerische Blicke austauschen, ihre Nervosität nicht verhehlen können. Jung sind diese Gesichter, allesamt um die 20, aus allen sozialen Klassen Frankreichs, den Banlieus, aber auch der bürgerlichen Oberschicht, weiße, braune, schwarze. Nach und nach begeben sie sich zu unterschiedlichen Gebäuden und deponieren Plastiksprengstoff. Wen sie damit treffen, was sie erreichen wollen ist offen und wird es bis zum Ende bleiben. Kurze Rückblenden erklären weniger, als zusätzliche Unklarheit zu erzeugen, ein etwas älterer Mann taucht auf, der möglicherweise der Instigator, der Verführer ist, der die jungen Menschen zusammenbrachte, ihre irgendwie geartete Wut kanalisierte.
 
"Wie hätten auch Facebook bombardieren sollen" heißt es später, nachdem sich die Jugendlichen in einem Kaufhaus versteckt haben, das nach den erfolgreichen Anschlägen geräumt wurde. In dieser Höhle des Konsums sollen sie die Nacht abwarten, um am morgen unterzutauchen. Irgendwie konsumkritisch, antikapitalistisch waren die Aussagen, die Parolen, die Phrasen der Jugendlichen anfangs noch, doch der Verführungskraft der Marken können sie nicht lange widerstehen: Wie im Schlaraffenland fühlen sie sich im Kaufhaus, bedienen sich bei teuerster Kleidung, aber auch bei Kinderspielen, stolzieren in teuersten Schuhen über rote Teppiche und fahren mit Go-Karts durch die Gänge.
 
Besonders subtil sind diese Momente nicht, überdeutlich entlarvt Bonello die Scheinheiligkeit so vieler Protestbewegungen, die Teil dessen sind, gegen das sie vorgeblich kämpfen. Doch es steckt auch eine gewisse Tragik in den Bildern dieses ungezügelten Konsums, der unverhohlenen Freude an schönen, teuren Waren, von denen man andererseits weiß oder doch zumindest ahnt, dass sie ein Teil dessen sind, was man bekämpfen will.
 
Mit seinen typischen fließenden Kamerabewegungen und langsamen Zooms filmt Bonello diese Welt, so wie er schon die Welt der Bordelle und die Modeszene zwar visuell überhöhte, aber doch nicht verklärte. Schöne Oberflächen bestimmen auch "Nocturama" von den unverbrauchten Gesichtern der jungen Nachwuchsschauspieler, über die Markenprodukte im Kaufhaus, ja selbst hin zu den Momenten des Terrors. Unmittelbar distanziert sich Bonello nicht von diesen Bildern, er lässt sie stehen, zeigt ihre Verführungskraft, aber auch den Nihilismus einer Generation, die gegen ein System rebelliert, dessen Teil sie selbst ist.
 
Michael Meyns