Nocturnal Animals

Als Thriller und als Melodram ein absoluter Hit und dazu ein feines Stück Filmkunst mit vielen cineastischen Highlights, einer tollen Besetzung und mit einer höchst raffinierten Handlung: Susan (Amy Adams) bekommt Post von ihrem Ex-Mann, dem Autor Edward – Jake Gyllenhall in einer Doppelrolle. Er schickt ihr ein Romanmanuskript mit dem Titel „Nocturnal Animals“, das Susans ganzes Leben auf den Kopf stellt. Liebe, Moral und Rache – das sind die Grundthemen, die Tom Ford (A SINGLE MAN) in seinem zweiten Film mit perfider Logik verfolgt, und zwar bis zur letzten überraschenden Sekunde. Hier wird Hochspannung als intellektuelles Vergnügen serviert!

Webseite: www.facebook.com/nocturnal.animals.de

USA 2016
Regie: Tom Ford
Drehbuch: Tom Ford (nach dem Roman „Tony and Susan“ von Austin Wright)
Kamera: Seamus McGarvey
Musik/Komponist: Abel Korzeniowski
Darsteller: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Armie Hammer, Aaron Taylor-Johnson, Isla Fisher, Michael Shannon, Laura Linney
Filmlänge: 115 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 22. Dezember 2016

FILMKRITIK:

Susan ist eine erfolgreiche Galeristin – vom Luxus umweht und oft allein, weil ihr Mann dauernd auf Geschäftsreisen geht. Einsam und unglücklich quält sie sich durch schlaflose Nächte. Da erreicht sie ein Päckchen, in dem sich ein Romanmanuskript befindet, das von ihrem Ex-Mann Edward stammt. Er bittet sie um ihre Meinung zu dem Werk mit dem Titel „Nocturnal Animals“. Susan beginnt zu lesen und kann nicht mehr aufhören. Edward hat einen brutalen Thriller geschrieben, über einen Mann – Tony, der mit Frau und Tochter in den Urlaub fährt. Sie werden Opfer einer Straßenbande, die die Familie im Auto zuerst nur piesackt und schließlich überwältigt. Nur knapp entkommt Tony dem psychopathischen Anführer und seinen ebenso sadistischen Gefährten. Seine Frau und seine Tochter fallen der Bande zum Opfer – Tony findet ihre Leichen. Mit Hilfe eines Polizeisheriffs macht Tony sich daran, die Täter zu finden.
 
Irgendetwas verbindet Susan mit dieser Geschichte, die sie gleichzeitig fasziniert und abstößt. Während sie liest, erwachen Erinnerungen in ihr. Sie führen Susan in die gemeinsame Vergangenheit mit Edward zurück, den sie vor fast 20 Jahren verlassen hat.
 
Tom Ford ist ein ungeheuer vielschichtiges und bis in jedes winzige Detail klug durchdachtes Stück Filmkunst gelungen, mit dem er den Film Noir nicht nur modernisiert, sondern im Grunde radikal neu erfindet. Zwei klassische Charaktere der Schwarzen Serie interpretiert er für seine zwei Haupthandlungsebenen: die unglückliche Femme Fatale mit vielen Geheimnissen (Susan) und den Mann, der alles verloren hat (Tony in der Romanhandlung). Die erste Handlungsebene zeigt Susan und ihr heutiges Luxusleben, die zweite Ebene ist die Romanhandlung, also der Thriller in seiner ganzen erschütternden Dramatik. Als dritte Ebene fungiert Susans Erinnerung an ihre Beziehung mit Edward, die sie vor beinahe 20 Jahren beendet hat.
 
Jake Gyllenhall spielt in einer Doppelrolle Tony und Edward. Er ist der harmlose, freundliche Familienvater, der Frau und Tochter verliert und zum Jäger ihrer Mörder wird. Und er ist auch der junge Autor Edward, der Susan liebt, auch wenn sie seine Arbeit nicht anerkennen will, und sich von ihr eines Tages anhören muss, dass er doch endlich mal aufhören sollte, immer nur über sich selbst zu schreiben. Was Jake Gyllenhall aus beiden Rollen macht, ist überwältigend. Mit großer Präsenz verleiht er beiden Figuren eine ganz besondere Form von Virilität, die viel mit Männerbildern und Rollenklischees zu tun hat: Da gibt es viel Verletzlichkeit und Zweifel, aber auch die Sehnsucht, den Ansprüchen einer rücksichtslosen Umgebung zu genügen, respektiert zu werden und sich durchzusetzen. Und hier geht es dann wirklich ans Eingemachte: Denn Tom Ford hat mit „Nocturnal Animals“  im Grunde einen Film über den modernen Mann gemacht, der dazu gezwungen wird, sich einen Weg zu suchen, den er eigentlich nicht gehen möchte.
 
Obwohl Tom Ford ohne explizite Gewaltszenen auskommt, sind viele Szenen extrem verstörend. Sowohl über der Romanhandlung als auch über Susans gegenwärtiger Geschichte liegt eine unheilvolle Atmosphäre, die sich unaufhaltsam zu steigern scheint.

Seine drei Handlungsebenen spiegeln sich nie direkt und stehen dennoch immer miteinander in Verbindung, und zwar auf höchst subtile Weise. Die erste Ebene ist Susans Geschichte rund um die Lektüre des Manuskripts, das Edward ihr gewidmet hat. Und nicht nur das: Der Titel des Buches spielt auf den Kosenamen an, den er ihr gab. Und während Susan liest, wird die Story des Romans lebendig. Gleichzeitig entwickelt sich die Handlung um Susans unglückliches Leben weiter. Das Buch macht etwas mit Susan. Es bringt sie zum Nachdenken und führt sie aus der unerträglichen Gegenwart in eine verstörende andere Welt, die sie dennoch zu kennen scheint. Amy Adams spielt die Susan als kühle, beinahe unterkühlte Frau von hoher Intelligenz. In den Kunstprojekten, die sie betreut – eines davon ist im Vorspann zu sehen – versucht sie, Erfüllung zu finden. Doch die Kälte, die von ihr ausgeht, ist in Wahrheit die mangelnde Schwingungsfähigkeit einer depressiven Persönlichkeit am Rande des Wahns. Ganz anders dagegen die junge Susan: offen und voller Energie. Tatsächlich schafft es Amy Adams, die junge und die gegenwärtige Susan in ihrer Entwicklung absolut glaubwürdig darzustellen. 
 
Nach „A Single Man“ ist Fords zweiter Film ein beinahe noch perfekteres Lehrstück in Dramaturgie, Bildgestaltung und Schnitttechnik. Ein Film mit unvergesslichen Bildern, die sowohl den Intellekt als auch den Instinkt ansprechen. Und das Ende ist einfach göttlich.
 
Gaby Sikorski