Nome di Donna

Kevin Spacey, Ben Affleck, Brett Ratner, Dustin Hofmann oder auch James Franco – alle diese Protagonisten der Filmbranche sehen sich bis heute massiven Vorwürfen sexuellen Missbrauchs ausgesetzt. Das italienische Drama „Nome di Donna“ verlagert die Thematik des strukturellen Machtmissbrauchs nun von der Glitzerwelt Hollywoods in ein Seniorenheim in einer ländlichen Region Italiens. Die Botschaft des sich in der zweiten Hälfte zum Justiz-Drama entwickelnden, überzeugend gespielten Films: Sexismus und Chauvinismus finden sich in allen Branchen, Milieus und gesellschaftlichen Klassen. Und die Folgen für die Betroffenen sind verheerend.

Webseite: arsenalfilm.de

Italien 2018
Regie: Marco Tullio Giordana
Drehbuch: Marco Tullio Giordana, Cristiana Mainardi
Darsteller: Cristiana Capotondi, Michela Cescon, Valerio Binasco, Stefano Scandaletti
Länge: 98 Minuten
Kinostart: 07. März 2018
Verleih: Arsenal

FILMKRITIK:

Nina (Cristiana Capotondi) lebt mit ihrer Tochter in Mailand am Existenzminimum. Umso glücklicher ist sie, als sie einen neuen Job als Altenpflegerin in einer edlen Seniorenresidenz auf dem Land erhält. Der Neustart gelingt, zumal sich Nina zunächst gut mit ihren Kolleginnen versteht. Doch nach einer Zeit bemerkt sie, dass die anderen Pflegerinnen eine Last mit sich herumtragen, die unmittelbar mit dem Chef der Einrichtung, Marco Maria Torri (Valerio Binasco), zusammenzuhängen scheint. Als dieser Nina eines Abends zu sich ins Büro bestellt, kommt Torri ihr unangemessen nah und belästigt sie sexuell. Ninas Verdacht wird bestätigt: Torri nutzt seit Jahren seine Stellung aus, um mit den Pflegerinnen zu schlafen.

„Eine Frau namens“ – so lautet die Übersetzung des italienischen Filmtitels. Diese Frau wird von Cristiana Capotondi verkörpert, die seit den späten 90er-Jahren zu Italiens populärsten Schauspielerinnen zählt. Regie führte der Mailänder Marco Tullio Giordana. Er wurde einem internationalen Publikum im Jahr 2000 mit dem Polit-Drama „100 Schritte“ bekannt, für das er bei den Filmfestspielen in Venedig mit dem Preis für das beste Drehbuch prämiert wurde.

„Nome di Donna“ schildert das Leid einer mutigen Frau, die nicht nur sexuelle Nötigung über sich ergehen lassen muss sondern den Kampf gegen das frauenfeindliche System auch noch weitestgehend alleine führt. „Ich habe das Recht zu arbeiten, ohne angefasst zu werden“, sagt sie einmal. Dass sie diese Selbstverständlichkeit, dieses jedem Menschen zustehende Recht auf Unversehrtheit, von Nina überhaupt so deutlich ausgesprochen werden muss – das ist der eigentliche Skandal. Nachdem sich die Vorwürfe gegenüber Torri herumgesprochen haben, wenden sich alle Kollegen von Nina ab. Soziale Isolation und Abschottung sind die Folge. Getreu dem Motto: Das geht uns nichts an, damit wollen wir nichts zu tun haben.

Der Grund für diese Abwehrhaltung ist offensichtlich. Es ist die Angst davor, den Job zu verlieren und sozial abzurutschen. Es ist gut und wichtig, dass „Nome di Donna“ dies berücksichtigt. Das macht das Verhalten der anderen Frauen nicht besser, aber nachvollziehbarer. Dennoch verdeutlicht „Nome di Donne“ damit eine ganz zentrale Konsequenz sexualisierter Gewalt. Jene feindliche, misstrauische Haltung des Umfelds gegenüber dem Opfer. Vor allem wenn die Anschuldigungen angesehene, mächtige Personen betreffen. Jemand wie Torri. Nicht nur einmal im Film wird erwähnt, was der egozentrische Direktor doch angeblich alles für die Region geleistet habe und wie wichtig er für den Erfolg des Seniorenheims sei.

Dabei erinnert der von Valerio Binasco glaubhaft verkörperte Widerling in seiner Selbstverliebtheit und Machtbesessenheit an keinen geringeren als den aktuellen US-Präsidenten. „Nome di Donne“ klagt in seiner Gesamtheit das Verhalten von rechthaberischen, zu Narzissmus neigenden Personen an, die jede menschliche Wärme vermissen lassen und ohne Rücksicht auf Verluste handeln. Inklusive fehlender Reue sowie einem Hang zum Risiko, ohne die Folgen zu bedenken.

In der zweiten Hälfte entwickelt sich der Film, der mit Cristiana Capotondi über eine besonnen und unsentimental aufspielende Hauptdarstellerin verfügt, zum Gerichtsdrama. Wenn sich die Auseinandersetzung zwischen den Parteien ins Gerichtsgebäude verlagert und die Betroffenen sowie Zeugen ausführlich befragt werden, verliert der Film von der Kraft und Energie der ersten Hälfte. Und rutscht etwas ins Generische und Spannungsarme. Dennoch bleibt am Ende ein relevanter Film mit elementarer Botschaft, der – anderthalb Jahre nach Beginn der #metoo-Bewegung – die Debatte um Machtmissbrauch neu befeuert.

Björn Schneider

Auch in Italien bewegt sich durch die #metoo-Bewegung etwas, wenn auch angesichts der konservativen, von der Macht der Kirche geprägten Strukturen besonders langsam. Welche Hindernisse Frauen, die sexuelle Belästigung anzeigen in den Weg gelegt werden, von Männern, aber auch von anderen Frauen, beschreibt Marco Tullio Giordana in seinem betont nüchternen Drama „ Nome Di Donna.“
 
Allein dass sie eine allein erziehende Mutter ist, macht Nina (Cristiana Capotondi) im konservativen Italien zu einer schwer zu vermittelnden Außenseiterin. Nur auf dem Land, eine Stunde von ihrer Heimat Mailand entfernt, findet sie im Institut Baratta, einem kirchlichen Pflegeheim, eine Anstellung.
 
Ihr Vorgesetzter ist Dr. Torri (Valerio Binasco), der schon beim Einstellungsgespräch mit der seltsamen Bemerkung, sie solle sich doch bitte zurechtmachen, ein ungutes Gefühl vermittelt. Doch zunächst beginnt Ninas neues Leben sich positiv zu entwickeln, die Arbeit macht ihr Spaß und ihre Kolleginnen sind freundlich. Doch alles ändert sich, nachdem Dr. Torri Nina eines Abends nach Dienstschluss unzweideutig näher kommt und mit größter Selbstverständlichkeit sexuelle Gefälligkeiten erwartet.
 
Empört weißt Nina ihn zurück und entschließt sich nach reiflicher Überlegung, sich zu wehren: Sie zeigt den Direktor an. Bald sieht sich Nina den Anfeindungen ihrer Kolleginnen ausgesetzt, die eher ihr die Schuld geben als dem Direktor, sie wird vorübergehend entlassen und findet nur langsam Unterstützerinnen. Doch Nina gibt nicht auf, den systemischen Missbrauch zu bekämpfen, der eine lange „Tradition“ hat.
 
In seinem international bekanntesten Film „100 Schritte“ beschäftige sich der italienische Regisseur Marco Tullio Giordana mit der Mafia und ihrem Einfluss auf das ganz normale Leben. Mafiöse Strukturen, vor allem die Kultur der Omertà, die Kultur des Schweigens spielen nun auch in seinem neuen Film „Nome Di Donna“ eine große Rolle, der in Italien im letzten Jahr zum Frauentag ins Kino kam.
 
Penibel, fast an ein Dokudrama erinnernd, beschreibt Giordana, die systemischen Strukturen des Missbrauchs, denen sich Frauen in manchen Teilen Italien unterwerfen mussten, um überhaupt Chancen auf Arbeit zu haben. Mit größter Selbstverständlichkeit erwartet in diesem Fall der Direktor des Pflegeheims sexuelle Gefälligkeiten und weiß sich dabei von der mächtigsten Institution Italiens gedeckt: Der Kirche. Vor allem da auch Frauen Opfer werden, die abgetrieben haben oder auf der Flucht vor sexuellem Missbrauch sind, macht sie dabei so angreifbar, so verletzlich, so leicht zu kontrollieren.
 
Kaum ein Aspekt der Thematik lässt das von Giordana und Cristiana Mainardi geschriebene Drehbuch aus, was dem Film bisweilen einen etwas schematischen Anstrich verleiht. Manches wird nur kurz abgehakt, einige Figuren sind kaum mehr als Stichwortgeber, im Bemühen, die Ereignisse möglichst nüchtern zu schildern, bleibt auch das dramatische Potential etwas auf der Strecke. Doch gerade die zurückhaltende Inszenierung, der Verzicht auf Pathos und Emotionen lässt „Nome Di Donna“ auch so authentisch wirken. Auch wenn die Strukturen in Deutschland anders sind, die Macht der Kirche nicht so ungebrochen, am Ende erzählt Giordana eine universelle Geschichte, die auf die ein oder andere Weise auch in Deutschland noch viel zu alltäglich ist.
 
Michael Meyns