Nordwand

Der heroische Bergfilm hat aus nicht ganz unerklärlichen Gründen kaum noch einen Platz im deutschen Kino. Philip Stölzls neuer Film „Nordwand“ existiert in der Tradition von Luis Trenker und Leni Riefenstahl und erzählt den tragischen Versuch, 1936 die Eiger-Nordwand zu durchsteigen. Visuell eindrucksvoll zeigt der Film allerdings auch, wo es dem deutschen Mainstream-Kino im Vergleich zu großen Hollywood-Vorbildern noch fehlt.

Webseite: www.nordwand-film.de

Deutschland, Österreich, Schweiz 2008
Regie: Philipp Stölzl
Buch: Christoph Silber, Rupert Henning, Philip Stölzl, Johannes Nabar
Darsteller: Benno Fürmann, Johanna Wokalek, Florian Lukas, Simon Schwarz, Georg Friedrich, Ulrich Tukur
121 Minuten, Format: 1:2,35 (Scope)
Verleih: Majestic Filmverlieh
Kinostart: 23. Oktober 2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

1936, im Jahr der Olympischen Spiele in Berlin, machten sich die aus Berchtesgaden stammenden Bergsteiger Toni Kurz und Andi Hinterstoisser auf den Weg zur Erstbesteigung der Eiger Nordwand. Sie galt als das letzte ungelöste Problem der Alpen und hatte immer wieder den Tod wagemutiger Kletterer gefordert. Zeitgleich mit den beiden Deutschen stiegen die Österreicher Willy Angerer und Edi Rainer in den Berg ein. Wetterumschwünge und Verletzungen zwangen beide Seilschaften zur Umkehr, nach und nach starben alle Bergsteiger, als letzter Toni Kurz, nach drei am Berg verbrachten Nächten völlig erschöpft im Seil hängend, nur wenige Meter von seinen Rettern entfernt.

 

Schon bei der von Johanna Wokalek gespielten Figur der Luise zeigt sich auf wenig gelungene Weise der Versuch, die tragische Geschichte in ein Konzept zu pressen, das dem Tod der Bergsteiger doch noch eine positive Wendung gibt. Zu diesem Zweck erfanden die Drehbuchautoren eine Liebschaft für Toni, ein klassiches „Love Interest“, das unseren Helden aus Kindestagen kennt, ihn zwischenzeitlich aus dem Augen verloren hat und nun Volontärin bei der Berliner Zeitung ist. Als Bergexpertin begleitet sie den Reporter Arau (Ulrich Tukur) zum Eiger, um von der Erstbesteigung, also dem Sieg des Reiches, zu berichten. Während also die feinen Herrschaften im Luxushotel bei einem schönen Feuer ausgelassen feiern und Köstlichkeiten zu sich nehmen, frieren die Naturburschen in ihren Biwaks am Berg.

Schon dieser Konflikt, der mit ständigen Querschnitten übermäßig betont wird, weist auf die zwei großen Probleme von Drehbuch und Film: Zum einen, dass es nicht mehr möglich ist, solch eine Heldengeschichte ungebrochen erzählen zu können, zum anderen die Notwendigkeit, die Vereinnahmung der Bergsteiger durch die nationalsozialistische Propaganda zu reflektieren. Da gibt es also in Gestalt von Arau einen typischen Opportunisten, der der Partei nach dem Mund schreibt, aber eigentlich nur Interesse an einer guten Story und seiner Karriere hat. Dazu einige waschechte Nazis, einige Skeptiker und andere Typen. Die Folge ist, dass keiner der Charaktere eigenes Leben entwickelt, über den Typ, den er verkörpert hinausgeht. Benno Fürmann spielt Toni Kurz als bedächtigen Helden, der vorsichtig und nachdenklich ist, Florain Lukas’ Andi dagegen ist ein Draufgänger, der viel riskiert, während die Österreicher ein ähnliches gelagertes Doppel sind.

Bei aller Qualität der Bilder entsteht so nie eine wirkliche Empathie mit den Figuren. Sie bleiben Typen in einer schematisch konstruierten Geschichte, bei der man in jedem Moment spürt, dass der Film sich nicht einfach dem Heroismus des Gezeigten hingeben will. Aber selbst das funktioniert nur bedingt, was vor allem an der unfassbar dröhnenden Musik liegt, die keinen Vergleich mit dem Bombast einer Wagner-Oper scheuen muss. Nicht nur dabei hat es den Anschein, als hätte Philipp Stölzl bei all seinen Opernprojekten der letzten Jahre das Gespür für das richtige Maß verloren. Nach Zwischentönen, nach kleinen Momenten, in denen den Figuren Leben eingehaucht wird, sucht man vergeblich. Was bleibt, sind also beeindruckende Bilder vom Berg, die aber weitestgehend für sich selbst stehen

Michael Meyns

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Ein hochdramatischer Film über den Einstieg in die Eiger-Nordwand, auch Mordwand genannt, weil schon so mancher Bergsteiger dort zu Tode gekommen ist.

Dramatisch weil es bis Ende der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts schier unmöglich schien, die 1800 m hohe Bergwand zu bezwingen. Und dramatisch, weil spätestens ab Mitte der 30er Jahre die Nazis die mit dem Eiger verbundene sportliche Leistung vor allem im Hinblick auf die Olympischen Spiele von 1936 für ihre Zwecke propagandistisch ausnützen wollten. Kraft-durch-Freude-Chef Robert Ley: „Die deutsche Jugend trainiert im Kampf mit dem Berg ihre Manneskraft und lernt dabei zu sterben.“

1936. Seilschaften aus mehreren Ländern wollen die Wand durchsteigen: Toni Kurz und Andi Hinterstoisser aus dem Berchtesgadener Land beispielsweise sowie Willy Angerer und Edi Rainer aus Österreich. Die vier sind zuerst Konkurrenten, steigen aber dann am 18. Juli gemeinsam in die Wand ein. Unglücklicherweise wird Willi Angerer wohl durch einen Steinschlag schwer verletzt. Die beiden Österreicher müssten zurückkehren, würden es aber, dessen ist sich Toni Kurz sicher, allein nicht schaffen. Also alle so kurz vor dem Ziel umkehren? Andi Hinterstoisser ist dagegen, muss sich aber fügen.

Das Abseilen des Verwundeten beginnt. Die vier kommen kaum voran. Schon liegen zwei Nächte in der Wand hinter ihnen. Der geplante Rückweg ist versperrt. Zu eisig. Denn inzwischen hat das Wetter umgeschlagen. Jetzt herrscht ein Schneesturm. Lawinen und Steinschlag sind die Folgen. Drei werden in die Tiefe gerissen. Nur Toni Kurz ist übrig geblieben.

22. Juli. Toni hängt in der Wand. Ein Arm ist durch Erfrieren schon abgestorben. Verzweifelt versuchen Schweizer Bergführer ebenso wie Kurz’ Geliebte Luise Fellner den inzwischen dem Tode Nahen zu retten. Vergeblich.

Henry Arau, Redakteur der Berliner Zeitung und Chef der Volontärin Luise Fellner, der über die Erstbezwingung der Eiger-Nordwand ausgerechnet durch deutsche Bergsteiger eine den Nazis willkommene Sensationsstory veröffentlichen wollte, muss unverrichteter Dinge in die „Reichshauptstadt“ zurückkehren.

Das ist kinomäßig aufbereitet, aber zugrunde liegt die wahre Tragödie des Sommers 1936. Der bergsteigerische Ehrgeiz; die fast senkrechte, an manchen Stellen überhängende Wand; die kräftezehrende Mühe des Aufstiegs; die Eisfelder; die Verletzung Angerers; der schwere Entschluss, wieder umkehren zu müssen; der Wetterumschwung; der Schnee- und Eissturm; der lebensgefährliche Abstieg; die unaufhaltsame Tragödie und der Tod von vier Menschen – das alles wird naturalistisch-realistisch mit durchgehender Spannung ausgiebig gezeigt. Für Bergfreunde ein Erlebnis.

Dramaturgisch ist das Geschehen von den Drehbuchschreibern Christoph Silber und Rupert Henning sowie von Regisseur Philipp Stölzl gut gelöst. Man kann sich vorstellen, welcher Leistung und welchen Aufwandes es bedurfte, um im Hochgebirge mit schwerer Filmausrüstung diese extremen Aufnahmen zustande zu bringen.

Die Schauspieler und ihre Doubles haben Enormes bewältigt: Benno Fürmann (Toni Kurz), Florian Lukas (Andi Hinterstoisser), Simon Schwarz (Willy Angerer) und Georg Friedrich (Edi Rainer). Auch Johanna Wokalek (Luise Fellner) und natürlich Ulrich Tukur (Henry Arau) machen ihre Sache gut, Tukur glänzend, aber wie oft nahe am Chargieren.

Thomas Engel