Noseland

Ein selbstironischer Blick hinter die Kulissen der klassischen Musik. Ganz ohne Intellektualismus und mit viel schrägem Humor wirft Geiger, Comedian und Filmemacher Aleksey Igudesman einen ironischen Blick auf die klassische Musikszene und präsentiert einen verspielten, verschrobenen Film über verspielte, verschrobene Künstler. 

Webseite: www.missingfilms.de

Österreich 2012
Regie: Aleksey Igudesman
Filmlänge: 82 Min.
Verleih: MissingFilms
Kinostart: 12. Juni 2014
 

FILMKRITIK:

Klassische Musik ist etwas für selbsternannte Intellektuelle und Snobs. Und wer klassisch musiziert ist verklemmt, humorlos und mit hoher Wahrscheinlichkeit homosexuell. So zumindest lauten die Vorurteile, denen Multitalent Aleksey Igudesman mit seinem Dokumentarfilm „Noseland“ entgegentritt. Ausgehend von Stargeiger Julian Rachlin und seinem Klassik-Kammermusikfestival in Dubrovnik wirft der Film einen Blick auf die Klassikmusikszene und ihre Akteure. Die Perspektive des Filmemachers ist jedoch keine objektive Draufsicht: Als professioneller Geiger und Komponist ist Igudesman vielmehr ein Insider, der den Vorhang lüftet, um dem Kinopublikum einen Blick hinter die Kulissen zu gestatten.
 
Sein Stilmittel der Wahl ist die Ironie. „Noseland“ beginnt mit einer mehr als offensichtlich gestellten Szene im Synchronstudio, in dem Igudesman und Rachlin vermeintlich das Voice Over einsprechen wollen. Während des folgenden Films kehrt der Regisseur immer wieder zu diesem Setting zurück und erzeugt damit eine ironische Kommentarebene. Inhaltlich vermögen diese Passagen wenig beizutragen, vielmehr dienen sie als Marker für die ironische Brechung, die einen integralen Bestandteil des Konzepts darstellt.
 
Konzertaufnahmen und Interviews mit den Musikern bilden das Herz von „Noseland“, doch wirken insbesondere letztere oft merkwürdig gestellt. Igudesmans Beleidigung all seiner Interviewpartner zieht sich als fragwürdiger Running Gag durch den Film, ohne jemals wahre Komik zu erzeugen. Der Film wirkt ein wenig wie der gescheiterte Versuch, den Humor und die Selbstironie klassischer Musiker zu beweisen.
 
Etwas unklar bleibt, welches Ziel der Regisseur mit seinem Film verfolgt. „Noseland“ weckt durchaus Interesse für klassische Musik, die malerische Kulisse von Dubrovnik verzaubert und mit Sir Roger Moore und John Malkovich kann Aleksey Igudesman zwei prominente Protagonisten präsentieren. Die ironische Brechung verhindert jedoch, dass der Zuschauer den Menschen auf der Leinwand näher kommen kann. Die Frage, wer denn eigentlich diese Menschen sind, die im 21. Jahrhundert noch klassisch musizieren, bleibt somit letztlich unbeantwortet. Die Musiker wirken sympathisch verspielt und widerlegen durchaus einige der hier eingangs genannten Vorurteile. Es ist jedoch Teil des ironischen Konzepts, dass Igudesman in all seinen Interviews unangenehm intime Fragen formuliert, ohne letztlich etwas über die Persönlichkeit seiner Gesprächspartner zu enthüllen. Wenn ihm aber der Schutz der Protagonisten so stark am Herzen liegt, was ist dann die Absicht dieses Blicks hinter die Kulissen?
 
Ein Rap-Song in der Mitte des Films könnte die Antwort sein: Klassik ist cool. Dies ist die Botschaft, die Aleksey Igudesman hier vermitteln möchte. Doch wie jeder Versuch, Coolness unter Beweis zu stellen, muss auch dieser am Paradox der Unternehmung scheitern. „Noseland“ beweist, dass klassische Musik auch heute faszinieren kann und dass ihre Vertreter – wenn auch in Einzelfällen unfreiwillig – durchaus Witz versprühen. Von Coolness jedoch kann keine Rede sein, weder bezüglich der vorgestellten Musiker noch hinsichtlich des Films selbst. „Noseland“ ist genauso speziell wie seine Protagonisten: verschroben, aber liebenswert.
 
Sophie Charlotte Rieger