Novemberkind

Malchow, Stuttgart, Konstanz – das sind die drei Stationen einer Reise zum Ich, verbunden mit der Entdeckung von Lügen. Christian Schwochow legt mit seinem Diplomfilm (Filmakademie Baden-Württemberg) eine Geschichte aus der jüngsten deutschen Vergangenheit vor. Sie erzählt von einer jungen Frau (selbstbewusst und überzeugend: Anna Maria Mühe), die entdecken muss, dass ihre nie gesehene Mutter keineswegs 1980 in der DDR gestorben ist.

Webseite: www.schwarzweiss-filmverleih.de

Deutschland 2008
Regie: Christian Schwochow
Mit: Anna Maria Mühe, Ulrich Matthes, Christine Schorn, Hermann Beyer, Steffi Kühnert, Christina Drechsler
95 Minuten
Verleih: Schwarz Weiss Filmverleih
Kinostart: 20.11.2008

Publikumspreise beim Filmfestival Max Ophüls Saarbrücken und Filmkunstfest Schwerin 2008
Beste Nachwuchsdarstellerin beim Filmkunstfest Schwerin 2008

PRESSESTIMMEN:

 

… ein großer deutscher Film.
DER SPIEGEL

Ein fulminantes Debüt von Christian Schwochow  … voll untergründiger Hochspannungen … Anna Maria Mühe macht „Novemberkind“ zum Ereignis.
Tagesspiegel Berlin

Ein großer Gewinn für den jungen deutschen Film. Vor allem aber wurde NOVEMBERKIND zum wohlverdienten Triumph für Anna Maria Mühe.
Frankfurter Allgemeine Zeitung

…All das macht „Novemberkind“, dieses kleine, ganz große Werk, zu dem vielleicht besten deutschen Film des Jahres. Der nebenbei ganz viel über unser Land und seine Vergangenheit erzählt.
ZITTY 

Weitere Pressestimen auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Ein russischer Soldat ist geflohen. So mancher Bürger des mecklenburgischen Örtchens Malchow beobachtet, wie die Miliz im warmen Licht der nahenden kalten Jahreszeit nach dem Deserteur fahndet. Die Farbgestaltung und grobe Körnung der im Jahr 1980 angesiedelten Rückblende wird im Laufe von „Novemberkind“ immer weitere Details jener Flucht offen legen, deren Wahrheit das große Geheimnis dieses Dramas ist.  

Für den in Konstanz am Bodensee lebenden Literaturprofessor Robert (Ulrich Matthes) sind die ihm bislang bekannten Puzzleteile jener Geschichte Grund genug, zur Vorortrecherche nach Malchow zu fahren. Er wittert einen spannenden Stoff für einen Roman. Was er weiß: es gibt da eine Tochter, aufgewachsen bei den Großeltern, die immer davon ausging, dass ihre Mutter beim Schwimmen ertrunken ist. Er aber hat die Mutter in Konstanz getroffen. Inga (Anna Maria Mühe), die etwa 27-jährige junge Frau, glaubt ihm anfangs nicht. Nun braucht sie ihn für die Spurensuche nach ihrer Mutter. Er wiederum braucht sie, um weitere Fakten für seinen Roman zu bekommen. Er weiß: sein Handeln ist nicht korrekt. Zurück kann er aber auch nicht mehr.

Es wirkt bisweilen etwas konstruiert, wie geradlinig sich die Reise zu den Zeugen der Vergangenheit hier vollzieht. Schließlich ist die Geschichte über Abschied und Schmerz, Schuld und Identität hoch komplex. Inga erfährt, dass ihre Mutter einst den Russen versteckte und mit ihm dank der Hilfe eines alten Freundes in den Westen flüchtete. Die damals ein halbes Jahr alte Tochter ließ sie bei den Großeltern zurück. Daheim gemeldet hat sie sich nie mehr wieder. Inga hat die offizielle Todesursache ihrer Mutter nie angezweifelt. Umso schockierter ist sie nun, als sie erfahren muss, dass so mancher im Dorf die wahren Hintergründe des Verschwindens kannte. Ihre eigene Geschichte bekommt Risse.

Anna Maria Mühe, Tochter der verstorbenen Schauspieler Urich Mühe und Jenny Gröllmann, zeigt mit der Wandlung einer aufgeweckten und unbekümmerten jungen Frau zur mehr und mehr sensiblen und aufgewühlten Spurensucherin eine ganze Bandbreite ihres Könnens. Erst durch sie wird auch Ulrich Matthes, der seine Rolle hier mehr behauptet als durchlebt, aus seiner Lethargie erweckt. Interessant ist auch, dass Mühe in den Rückblenden auch die Rolle ihrer Mutter Anne spielt.

So konstruiert die Handlung selbst sein mag, in seiner Gestaltung gelingen „Novemberkind“ immer wieder bemerkenswerte Bilder, die der Kälte und Distanz der Figuren und der Geschichte auch optisch entsprechen. Vom mutigen Sprung ins kalte Wasser bis zum symbolischen (Vergangenheits)Nebel am Bodensee fängt der Film seine Themen hier adäquat ein. Für Christian Schwochow, der das Buch übrigens zusammen mit seiner Mutter Heide Schwochow schrieb, ist „Novemberkind“ aber nicht nur ein Film über eine Flucht, sondern ein relativ unbekanntes Stück der jüngeren deutschen Geschichte, über das öffentlich zu reden sich aber trotz Wiedervereinigung bislang niemand so recht traute. Höchste Zeit also, das Schweigen zu brechen.

Thomas Volkmann

——————————————————————————————————————-

Der Literaturprofessor von der Mühlen arbeitet an einem Roman. Thema ist die Geschichte eines deutsch-deutschen Schicksals, wie es wegen des diktatorischen Charakters des DDR-Regimes viele gab.

Malchow, DDR, 1980. Anne Kaden, eigentlich mit Alexander zusammen, rettet den russischen Deserteur Juri, versteckt ihn einige Monate und verliebt sich in ihn. Juri will sich nach Westdeutschland schleusen lassen. Anne soll mitkommen, doch an jenem Tag hat ihr Baby Inga hohes Fieber. Sie lässt es deshalb bei ihren Eltern zurück. Vermutlich unterschreiben diese nach Annes Flucht ein sie selbst entlastendes Dokument.

Zwischen Alexander, Juri und Anne kommt es zu Schwierigkeiten. Vor allem aber kann die junge Frau den Verlust ihres Kindes nicht verwinden – auch weil mit ihren Eltern jede Verbindung abgerissen ist und weil sie, statt bei ihrem Kind zu bleiben, sich für die Flucht entschied. Sie verliert deshalb langsam den Verstand.

Ein Vierteljahrhundert später begibt sich von der Mühlen nach Malchow. Durch seine Recherchen wird Inga, inzwischen bei ihren Großeltern erwachsen geworden, auf ihr Schicksal, auf die Vergangenheit, auf das Tun Juris und ihrer Mutter aufmerksam. Gemeinsam mit dem Professor reist Inga in den Westen an jene Orte, wo sich das Leben Annes, Alexanders und Juris abspielte. Jetzt werden die einzelnen Puzzle-Teile erkennbar. Inga muss ein neues Leben beginnen, denn neben ihrer Mutter hat auch von der Mühlen sie enttäuscht, der sie im Grunde gerne für sich gewonnen hätte. (Er: Ich würde dich gerne küssen, aber ich traue mich nicht, Sie: Schade.)

Ein historisch plausibles, emotionales, von Drehbuch und Regie her sorgfältig untermauertes, gut montiertes und gefilmtes Drama, das wie viele andere dieser Art beweist, welches Unheil politische Zwangsregime anrichten.

Ein Glücksfall, dass Anna Maria Mühe sowie Ulrich Matthes die Rollen der Anne/Inga und des Literaturprofessors spielen. Sie sind beide wie die Geschichte selbst erlebenswert.

Thomas Engel