Nowhere Boy

Liverpool und die „Fab Four“. Das eine scheint nicht ohne das andere denkbar. In ihrem Spielfilmdebüt zeichnet die britische Regisseurin Sam Taylor-Wood die Jungendjahre des späteren Beatles-Frontmannes John Lennon nach. Aufgewachsen bei seiner konservativen Tante sucht das Musikgenie nach der eigenen Identität und lernt auf diesem Wege seine progressive Mutter und den Rock’n’Roll kennen. Auch Nicht-Beatles-Fans sollten einen Blick auf diese mitreißende Coming-of-Age-Geschichte riskieren, der endlich auch hierzulande die verdiente Kinoauswertung zuteil wird. Ein wirklich begeisternder Film!

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Nowhere Boy
UK/KAN 2009
Regie: Sam Taylor-Wood
Drehbuch: Matt Greenhalgh
Kamera: Seamus McGarvey
Darsteller: Aaron Johnson, Kristin Scott-Thomas, Anne-Marie Duff, Thomas Sangster
Laufzeit: 98 Minuten
Kinostart: 9.12.2010
Verleih: Senator Film
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Liverpool. Die Hafenstadt im Nordwesten Englands ist untrennbar mit der bis heute erfolgreichsten Musikband aller Zeiten verbunden, den Beatles. Bevor jedoch Songs wie „Yesterday“ und „Strawberry Fields Forever“ von hier aus ihren weltweiten Siegeszug antraten, lag vor George, Paul, Ringo und John ein beschwerlicher Weg. Während sich Iain Softleys „Backbeat“ leidenschaftlich den Anfangsjahren der Fab Four widmete, blickt der ebenfalls britische „Nowhere Boy“ noch weiter zurück. In ihrem Spielfilmdebüt erzählt Regisseurin Sam Taylor-Wood von der Jugend John Lennons, seiner musikalischen Sozialisation und der ersten Begegnung mit einem gewissen Paul McCartney.

John (Aaron Johnson) wächst wohlbehütet und in durchaus bürgerlichen Verhältnissen bei seiner Tante Mimi (Kristin Scott-Thomas) auf, die ihn mit liebevoller Strenge zu Disziplin und Anstand erzieht. Von seiner leiblichen Mutter Julia (Anne-Marie Duff) sind ihm lange Jahre nur Erinnerungen geblieben, seitdem sie und sein Vater Alf sich einst getrennt hatten. Da war John gerade einmal fünf Jahre alt. Eher beiläufig erfährt er eines Tages, dass Julia entgegen seinem Glauben immer noch ganz in der Nähe wohnt. Er baut den Kontakt zu ihr wieder auf, was seiner Tante zunächst sichtlich missfällt. Es ist Julia, die den jungen John in eine, für ihn bis dahin unbekannte Welt einführt, ihn mit dem Virus des Rock’n’Roll infiziert und seine spätere musikalische Entwicklung maßgeblich prägt.

Der Film lässt mit viel Hingabe und Liebe zum Detail das England der späten fünfziger Jahre wiederauferstehen. Die Arbeiterstadt Liverpool erscheint nicht nur ungemein lebendig, es werden auch die Gegensätze und Brüche zwischen der eher proletarisch beeinflussten Pop- und Rock’n’Roll-Musik und des ebenfalls aus den USA importierten Jazz deutlich. Anders als seine späteren Bandkollegen stammt John Lennon nämlich nicht aus dem Milieu der Working Class. Er genießt eine gute Ausbildung, was er allerdings nicht immer zu schätzen weiß. Seine Jugend beinhaltet neben den typischen rebellischen Phasen auch immer wieder eine tiefe Sehnsucht nach familiärer Sicherheit und Geborgenheit. Beides lässt sich im Spannungsfeld zweier vollkommen unterschiedlicher Lebensentwürfe – auf der einen Seite den seiner disziplinierten Tante, auf der anderen den seiner freigeistigen, liberalen Mutter – bisweilen recht schwer vereinbaren.

„Nowhere Boy“, der Titel deutet es bereits an, beschreibt den späteren Superstar als einen Jungen, der lange Zeit nicht so recht weiß, wo er eigentlich hingehört und welchen Weg er gehen soll. Erst die Musik bewirkt einen sinn- und identitätsstiftenden Wandel. Dabei erweist sich Taylor-Woods Film vornehmlich als feinfühliges Coming-of-Age-Stück. Der von Aaron Johnson bravourös gespielte junge John Lennon steht hier im Vordergrund und nicht seine erst später entwickelte Star-Persona. Diese wird in den Auftritten mit seiner ersten Band, den „Quarrymen“, allenfalls angedeutet. Und doch versäumt es „Nowhere Boy“ nicht, seine Geschichte einer mitunter schizophrenen Adoleszenz mit viel erstklassiger Rock’n’Roll-Musik zu unterlegen. Am Ende verlässt ein gereifter John seine Heimatstadt Richtung Hamburg. Die weiteren Kapitel in seinem Leben dürften hinlänglich bekannt sein.

Marcus Wessel

John Lennon wird noch heute als Spitzenmusiker, als Poet, als Rebell, als Beatles-Musiker, als Opfer eines Irren hoch verehrt. Umso besser, dass es jetzt einen Film über die Vor-Beatles-Zeit, über seine Kindheit und Jugend gibt.

Julia ist Johns Mutter, Mimi, deren Schwester, die Tante. Schon als Fünfjähriger kam er zu Mimi und ihrem Mann George – warum auch immer. Julia wohnte mit ihrem Bobby nicht weit weg, doch Verbindung gab es keine.

Erst als Jugendlicher traf John wieder auf seine Mutter. Sie war eine lebenslustige, hypernervöse, unstete, vergnügungsanfällige Frau. Julia war es auch, die John mit der Rock-Musik bekannt machte, eine Entwicklung, die Folgen haben sollte.

Mimi war eine eher strenge Erzieherin, die aus John einen brauchbaren, standfesten, bürgerlichen Mann machen wollte.

Zwischen diesen beiden Frauen, diesen beiden extremen Polen spielten sich Johns Kinder- und vor allem Jugendjahre ab.

Der Film schildert Johns Rebellentum und Poetentum, seine Begegnung mit der Musik, seine ersten Song-Versuche, das Treffen mit Paul McCartney und George Harrison, die die Gründung der (ersten) Band „Quarrymen“, den unglücklichen Tod Julias, den Plan, sich nach Hamburg zu begeben und die Beatles zu gründen.

Eine ganz schön lebendige und sehr detailgetreue, ausführliche Persönlichkeits- und Epochenzeichnung. Wie John Lennon wurde, was er schließlich war, ist durch diesen formal gelungenen Film zu ahnen. Beatles- und Lennon-Fans werden zufrieden sein. Doch auch für Nichtfans ist „Nowhere Boy“ durchaus nicht uninteressant.

Kristin Scott Thomas spielt die Mimi: Spitze. Anne-Marie Duff die Julia: Spitze. Aaron Johnson die Titelfigur: Spitze.

Thomas Engel