Nur Fliegen ist schöner

Wer träumt nicht davon, aus dem Alltag auszubrechen, sich aufzumachen in die Natur, in die Freiheit? Weg zu fliegen, weg zu fahren. Oder: weg zu paddeln – so wie der etwas steife 50jährige Michel in dieser liebevollen französischen Komödie. Im Kopf macht er sich öfter auf zu kleinen Fluchten, aber so wirklich traut er sich nicht. Bis er sich eines Tages, halb geschubst von seiner Frau, mit einem Kayak auf einen neuen Fluss des Lebens begibt. Wirklich weit kommt er nicht  – und doch viel weiter, als er sich je erträumt hat. Autor, Regisseur und Hauptdarsteller Bruno Podalydès erzählt eine charmante Geschichte vom Ausbruch aus den Zwängen, ganz unaufgeregt und doch sehr witzig, ganz schräg und doch wahrhaftig und liebenswert. Viel charmanter können Fluchten aus dem Alltag nicht sein.

Webseite: www.nurfliegenistschoener-derfilm.de

OT: Comme un avion
Frankreich 2015
Regie: Bruno Podalydès
Darsteller: Bruno Podalydès, Agnès Jaoui, Vimala Pons, Sandrine Kiberlain, Denis Podalydès, Noémi Lvovsky, Pierre Arditi
Länge: 105 Minuten
Verleih: Prokino, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 19.5.2016
 

Pressestimmen:

"Es mag ein Klischee sein, aber wir wiederholen uns da gern: Filme wie 'Nur Fliegen ist schöner' können nur die Franzosen… Magisch und so schwebend leicht wie ein Libellenflügel."
Stern

"Federleicht, dennoch tiefgründig. Voller bildlichem Einfallsreichtum und herrlichem Scherz."
The Hollywood Reporter

"Ein verzaubernder Trip jenseits der ausgelatschten Pfade, voller schöner Begegnungen."
L'Express

FILMKRITIK:

 
Alles beginnt ganz harmlos: Michel ist irgendwo in den Fünfzigern, halbwegs glücklich verheiratet, Programmierer in einer kleinen Technikfirma. Er ist ein bißchen zu steif, ein bißchen zu pedantisch, ein bißchen zu korrekt. Er träumt vom Fliegen, aber mit Bodenhaftung. Lieber nimmt er all die gesammelten Flugzeugmodelle in die Hand, als dass er sich über den Fluggutschein seiner Freunde zu seinem Geburtstag freut. Als er eines Tages auf die Konstruktionspläne eines Selbstbau-Kayaks stößt, weiß er: hier kann er sich seine kleinen Träume selbst basteln. Aber natürlich nur auf dem Trockenen, auf dem sicheren heimischen Terrain.

Seine Frau kennt ihn natürlich, und so ist sie es schließlich, die ihn ins Wasser schubst mit seinem Boot. Aber so einfach ist das natürlich nicht für einen Mann von heute, so ein Ausflug nach Outdoor muss geplant sein und mit dem gesammelten Marken-Hightech-Equipment dieser Welt ausgestattet werden. So – ganz symbolisch überladen mit zuviel Ballast – macht er sich auf ins trügerische Wasser eines Flusses, von dem er nicht weiß, wohin er ihn führen wird. Was auch ganz gut ist, denn freiwillig hätte er sich auf all das, was ihn dann auf seiner Reise erwartet, wohl nicht eingelassen. Und vor allem: auf all die Menschen, die ihm begegnen: schräge, verrückte, trauernde, witzige, schimpfende, liebende. Auf Menschen, die ihm am Ende ein Lächeln auf die Lippen zaubern.

Eine Reise, die ein Leben verändert, kleine Fluchten, die auf neue Wege führen, sind ein beliebter Filmtopos. Umso erstaunlicher, wie erfrischend Bruno Podalydès als Autor, Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person diese alte Geschichte neu erzählt. Ganz harmlos, ganz unaufgeregt führt er uns ein ins Leben seiner Hauptperson, um uns dann im Verlauf der Reise immer enger zu binden an diesen Mann, der eigentlich ein bißchen zu linkisch ist, zu pedantisch, und der uns doch ans Herz wächst, so dass man auf einmal mit ihm in seinem Boot sitzt und die Welt aus seiner Sicht sieht.

Bruno Podalydès als sein eigener Hauptdarsteller ist wahrlich kein Held, doch irgendwann muss man ihn gern haben – so wie die Frauen, die ihm begegnen, dies tun. Und man darf herzlich lachen über ihn, wenn er unbeholfen und unsicher seine Schritte in die Natur wagt und all die technischen Raffinessen der Outdoor-Industrie sich meist als ziemlich tückisch erweisen.

Neben ihm agieren Frankreichs Frauenstars Sandrine Kiberlain und Agnés Jaoui, und sie sind in ihrer Selbstsicherheit allein schon ein Statement. Fast scheint es, als ob Männer um 50 das schwache Geschlecht sind. Aber nur fast.

„Nur Fliegen ist schöner" – oder "Süße Fluchten“, wie der Film anfangs in Deutschland heißen sollte – erzählt eine Geschichte vom Ausbruch aus dem Alltag, aber er ist keine botschaftsgetränkte Selbsthilfegeschichte, sondern eine feine Komödie über den Lauf des Lebens und darüber, was wir daraus machen, manchmal leise, manchmal herzhaft, immer liebevoll-charmant. Entstanden ist so ein Wohlfühlfilm der anderen Art, nicht auf Hochglanz inszeniert, sondern angenehm schräg, immer ein bißchen neben der Spur. In dieses Kayak sollte man unbedingt einsteigen!

Hermann Thieken

 

Eine charmante, herzerfrischende melancholische Komödie aus Frankreich über kleine Fluchten aus dem Alltag: Der introvertierte Grafiker Michel träumt zwar vom Fliegen und davon, ein Pilot zu sein, hat dann aber doch Angst davor, es auch zu tun. Als er zufällig entdeckt, dass Kajak-Boote ähnlich konstruiert sind wie ein Flugzeugrumpf, ist er Feuer und Flamme – und unternimmt eine Kajak-Tour auf einem Fluss, auf der er eine Reihe von Bekanntschaften macht und schließlich erfährt, dass das Leben mehr zu bieten hat als bislang geglaubt. Die Hauptrolle des Michel in dieser poetischen französischen Komödie mit gelegentlichem Slapstick hat sich Regisseur und Autor Bruno Podalydès gleich selbst geschnappt.

Wenn er auf dem Motorrad sitzt, wird vor dem Start erst einmal die gesamte Technik gecheckt. Sein Kleiderschrank gleicht einem Museum für Spielzeugflugzeuge. Als Frau und Freunde ihn an seinem 50. Geburtstag mit einem Gutschein für ein Flugwochenende überraschen, fühlt sich Michel, obwohl er lange schon davon träumt, ein Pilot zu sein, mehr ertappt als berührt. Als er entdeckt, dass Kajak-Boote in ihrer Konstruktionsweise einem Flugzeug ohne Flügel gleichen, ist der melancholisch wirkende Grafiker fasziniert. Er bestellt sich ein solches Boot und will damit einen Fluss bis zum Meer befahren. Perfektionistisch veranlagt wie er ist, stellt er sich seine Ausrüstung zusammen, bis hin zum Zigarillo im wasserdichten Etui. Weit kommt er allerdings nicht.
 
Bruno Podalydès, der auch das Drehbuch schrieb und Regie führt, ist in der Hauptrolle als Michel ein mal neurotischer, mal exzentrischer Träumer, der es bisher versäumt hat, seine Träume tatsächlich auch zu leben. Doch die Einsamkeit scheint nicht sein Ding. Kaum trifft er Menschen, sucht er deren Kontakt – und kann sich kaum mehr losreissen. Was er erlebt, sind absurde und witzige, aber auch höchst charmante Momente, gänzlich frei von Klamauk oder bemühtem Slapstick, stattdessen von einer warmherzigen und märchenhaften, leicht surrealen Poesie beflügelt und Dialogen voller Wortwitz – letzterer nicht nur bei der Suche nach Palindromen wie eben in Kajak. Auch überzeugt die bie bis in die Nebenrollen großartig besetzte Schar der Mitwirkenden, angefangen bei Sandrine Kiberlain über Agnès Jaoui bis hin zu Vimala Pons. Einen originellen Cameo-Auftritt hat zudem ein Angler am Flussufer, von dem Michel meint, es sei Pierre Arditi. Und ja: genau der ist es dann auch.
 
Podalydès vermeidet es, das manchmal allzu Offensichtliche geschehen zu lassen. Da mag das Boot noch so sehr schaukeln – den Gefallen, dass der gemütliche Held das Gleichgewicht verlieren könnte, macht einem die Geschichte nicht. Im Gegenteil: die Menschen in diesem Film mögen alle ihre kleinen oder großen Macken haben, insgesamt  scheinen sie doch alle im Lot und zufrieden mit der Situation, in der sie sich befinden.
 
Und noch ein Zug ist genial an der Form der Inszenierung: anders als Robert Redford, der jüngst als Weltumsegler in „All is lost“ mit dem Überleben kämpfte und in „Picknick mit Bären“ Selbstfindung auf klamaukhafte Weise betrieb, gefällt Podalydès durch seine an ein gemütliches Bärchen erinnernde Art und die in Selbstgesprächen direkte Adressierung an den Zuschauer. Man ist ihm stets so nahe, als säße man mit in seinem Boot – und lässt sich wie er treiben. Schön und passend dazu die Chansons von unter anderem George Moustaki.
 
Thomas Volkmann