Nur Gott kann mich richten

Man kann Özgür Yildirim manches vorhalten, aber gewiss nicht, dass er in seinem neuen Film „Nur Gott kann mich richten“ subtil erzählt. Volles Rohr ist seine kolportagehafte Story aus der Unterwelt Frankfurts, oft hanebüchen konstruiert, von Momenten überraschender Emotionalität durchzogen, blutig, brutal und brachial, und zusammengenommen ein altmodisches Stück Kintopp.

Webseite: www.ngkmr.de

Deutschland 2017
Regie, Buch: Özgür Yildirim
Darsteller: Moritz Bleibtreu, Kida Khodr Ramadan, Edin Hasanovic, Birgit Minichmayr, Peter Simonischek
Länge: 99 Minuten
Verleih: Constantin
Kinostart: 25. Januar 2018

FILMKRITIK:

Fünf Jahre saß Ricky (Moritz Bleibtreu) nach einem missglückten Überfall im Knast, jetzt wird er entlassen und träumt von einem anderen Leben, fern der Kriminalität. Sein Traum ist es, eine Bar zu eröffnen, irgendwo im Süden, fern seiner Frankfurter Heimat. Dort hat sich sein Kumpel Latif (Kida Khodr Ramadan) den Wunsch nach Selbstständigkeit schon erfüllt und betreibt eine Schischa-Bar. Doch genug Geld, um Ricky beim Startkapital auszuhelfen, hat auch er nicht, dafür aber einen Vorschlag: Ein paar Albaner haben ihm ein Angebot gemacht, ein todsicheres Ding: Einen Überfall soll Latif fingieren und zum Schein 2,5 Kilo Heroin stehlen, eine leichte, ungefährliche Sache angeblich.
 
Skeptisch willigt Ricky ein, mitzumachen und holt auch noch seinen Bruder Rafael (Edin Hasanovic) ins Boot, der sich eigentlich von Ricky fernhalten wollte. Der gemeinsame Vater (Peter Simonischek) ist das einzige Verbindungsglied zwischen den Brüdern, die bald unfreiwillig aufeinander angewiesen sind. Denn wie nicht anders zu erwarten, geht der Plan schief, das Heroin ist weg und die Albaner wollen Rache. Zu allem Überfluss mischt sich auch noch die Polizistin Diana (Birgit Minichmayr) ein, die das Heroin findet und selbst verticken will, denn ihre Tochter braucht dringend eine Herzoperation.
 
Schon wenn in der ersten Szene der halbnackte Moritz Bleibtreu vor einem Altar zu sehen ist, die Kamera seinen über und über tätowierten Körper abfilmt, als wäre er Robert de Niro in „Cape Fear“, merkt man, wo Özgür Yildirims filmische Vorbilder liegen. Das amerikanische Genrekino kennt er in- und auswendig, vor allem Gangsterfilme vom „Paten“ über „Carlito's Way“ bis „State of Grace“, Klassiker, die er inhaltlich und/oder stilistisch oft bis ins Detail zitiert bzw. kopiert.
 
Es hat schon etwas Sympathisches, wie unverfroren sich Yildirim bei seinen Vorbildern bedient, wie er Versatzstücke nimmt und sie zu etwas Eigenem vermischt, etwas wildem, ungestümen. Nicht immer logisch geht es dabei zu, seine Figuren bleiben meist Chiffren, sind mit grobem Strich charakterisiert und definieren sich allesamt über eine klare Definition: Zu Geld kommen ist dabei das verbindende Glied, das sie alle antreibt, von Gott dagegen ist wenig zu sehen.
 
Auch wenn der Titel eine religiös überhöhte Geschichte verspricht, Bleibtreus Figur in ein, zwei Szenen ein wenig über Schicksal und Bestimmung räsoniert: Allzu ernst kann man all das nicht nennen. Zu sehr ist Yildirim an Rasanz interessiert, an einem schier atemlosen erzählen, welches nur selten zur Ruhe kommt. Dann gelingen ihm – gerade in den Begegnungen von Moritz Bleibtreu und Peter Simonischek – tatsächlich bemerkenswert emotionale, berührende Momente. Viel lieber lässt er es jedoch krachen, reiht Klischees und Genremuster aneinander, die zwar lange nicht so brillant gefilmt sind, wie die unübersehbaren amerikanischen Vorbilder, aber auf ihre eigene Art, irgendwo zwischen Unverfrorenheit und Unbedarftheit, einen ganz eigenen Charme entwickeln.
 
Michael Meyns