Nurejew – The White Crow

In seiner dritten Regiearbeit erzählt der britische Schauspiel-Star Ralph Fiennes („Der englische Patient“) die wahre Geschichte des sowjetischen Ballett-Stars Rudolf Nureyev. Nach einem Gastspiel in Frankreich weigert sich der Tänzer nach Moskau zurückzukehren. Am Pariser Flughafen Le Bourget kommt es am 16. Juni 1961 zu einer spektakulären Flucht. Nureyev entkommt seinen Aufpassern vom KGB und bittet die Flughafen-Polizei um politisches Asyl. Statt linearer Erzählform entwickelt sich das Biopic über den exzentrischen Ballett-Egomanen mit Rückblenden. Jungstar Louis Hofmann gibt mit gewohnter Leinwandpräsenz den deutschen Lover. Beim dramatischen Flucht-Finale auf dem Flugplatz erreicht Fiennes fast Hitchcock-Qualitäten. So ambitioniert gemacht, können Künstler-Biopics sich sehen lassen!

Webseite: www.alamodefilm.de

GB 2019
Regie: Ralph Fiennes
Darsteller: Oleg Ivenko, Ralph Fiennes, Louis Hofmann, Adèle Exarchopoulos
Filmlänge: 122 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 26.9.2019

FILMKRITIK:

„Das ist ein Angriff auf die Sowjetunion!“ – „Nein, es ist nur Tanz.“ Mit einer heftigen Diskussion über die Flucht des Tanz-Stars Rudolf Nureyev in den Westen beginnt das Biopic. Der KGB-Offizier zetert, Ballett-Meister Alexander Pushkin (Ralph Fiennes) gibt sich zerknirscht, dass sein Schützling seine Heimat und auch ihn so schmählich verlassen hat. Der Mentor gab große Stücke auf das ehrgeizige Talent, dessen Gattin war derweil von anderen Qualitäten des jungen Heißsporns begeistert: Halb zog sie ihn, halb sank er hin. Platonischer verläuft die Beziehung zur jungen Pariserin Clara Saint (Adèle Exarchopoulos), die mit dem Sohn des Kulturministers verlobt ist und dem Russen die Wege in die feine Gesellschaft öffnet. Wie seine sexuelle Orientierung tatsächlich aussieht, wird Rudi erst durch den deutschen Tänzer Teja (Louis Hofmann) richtig klar. Auch das dürfte eine Rolle gespielt haben bei der Entscheidung zur Flucht in den freizügigeren Westen.
 
Lineare Erzählstränge sind nicht die Sache des renommierten Bühnen- und Filmautors David Hare, der einst für „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ und „Der Vorleser“ mit Oscar-Nominierungen gewürdigt wurde. Wie so oft adaptiert Hare für sein Drehbuch eine Romanvorlage, diesmal „Rudolf Nureyev: The Life“ der Tanz-Expertin Julie Kavanagh. Einmal mehr lässt der Brite die Handlung vergnügt auf mehreren Zeitachsen spielen. Da gibt es die Geburt in der sibirischen Eisenbahn. Dicht gefolgt vom begeisterten Besuch in Paris. Und wieder zurück zum ehrgeizigen Tanz-Training als Teenager. Solches Hakenschlagen der Handlung mag nicht zwingend nötig sein, ein bisschen überambitioniert und allemal gewöhnungsbedürftig. Dramaturgische Pirouetten freilich passen zur Choreografie eines Ballett-Biopics allemal besser als eine konventionelle Chronologie der biederen Art.  
 
Im Unterschied zur gängigen Denkmalpflege bei Biografien, verzichtet Ralph Fiennes auf Weichzeichner und zeigt den Tanz-Star mit reichlich Ecken und Kanten. Die Grenze vom Exzentriker zum Egomanen wird von Nureyev regelmäßig überschritten. Da serviert er denkbar rüde seine Freundin im vornehmen Restaurant ab, weil er sich vom Kellner nicht angemessen behandelt fühlt. Altgediente Funktionäre, die ihn beim Training sehen wollen, wirft er, ganz selbstherrliche Diva, zum Entsetzen seines Trainers aus dem Saal. Sogar beim KGB-Bewacher riskiert Rudi gerne eine große Lippe. Das Publikum freilich liegt ihm zu Füßen. Wenngleich andere Tänzer technisch besser sind als Nureyev, ist dessen Charisma auf der Bühne konkurrenzlos. Mit dem ukrainischen Oleg Ivenko fand Fiennes einen Hauptdarsteller, der dem Ballett-Star nicht nur optisch recht ähnlich sieht, sondern zudem mit tänzerischem Können und Leinwandpräsenz zu überzeugen weiß. Und dabei dessen Zerrissenheit eindrucksvoll zelebriert.
 
Mit Original-Schauplätzen vom Pariser Louvre bis zur Eremitage in Sankt Petersburg bietet Fiennes imposante Kulissen. Mit dem Showdown in der nachgebauten Flughafen-Halle von Le Bourget gelingt ihm ein suspense-starkes Finale, das durchaus Hitchcock-Qualitäten bietet.
 
Dieter Oßwald