Oben ist es still

Der Eröffnungsfilm Panorama Special der 63. Berlinale 2013. Die Verfilmung des niederländischen Romans von Gerbrand Bakker erzählt die Geschichte eines einsamen Bauern, der mit Mitte 50 auf einem kleinen Bauernhof mit seinem alten Vater lebt und den Entschluss fasst, ein eigenes Leben zu leben.
Wer zu den mehr als 70.000 Lesern gehört, die sich Gerbrand Bakkers aus dem niederländischen übersetzten Debütroman „Oben ist es still“ aus dem Jahr 2006 zu Gemüte geführt haben, wird in der filmischen Umsetzung durch Nanouk Leopold einige Handlungsstränge vermissen. Besonders auffällig ist der Verzicht auf das Dialogische. Bei Leopold ist der schweigsame Mittfünfziger Helmer ein einsamer Bauer, der sich langsam erst klar darüber wird, wer er wirklich ist und was er fühlt. Wie teilweise schon in früheren Filmen arbeitet die Regisseurin ihre Position über die Mimik, Gestik und Körperlichkeit heraus. Dabei macht gerade das Spiel mit dem Unausgesprochenen den Reiz dieses ruhigen Dramas aus.

Webseite: www.salzgeber.de

Originaltitel: Boven is het stil
Niederlande/Deutschland 2013
Regie: Nanouk Leopold
Darsteller: Jeroen Willems, Henri Garcin, Martijn Lakemeier, Wim Opbrouck, Lies Visschedijk
Länge: 93 Minuten
Verleih: Edition Salzgeber
Kinostart: 13.6.2013

PRESSESTIMMEN:

"In nüchternen Bildern und mit einem überragenden Gespür für Räume und Körper erzählt der Film von der allmählichen Selbstfindung eines Mannes, dem der Zugang zu sich und der Welt lange verstellt war. – Sehenswert."
film-dienst

FILMKRITIK:

Vom Wind bewegte Halme im weißen Gegenlicht, kreischende Vögel – die ersten Bilder beschwören eine Ruhe auf dem Lande herauf, und stehen doch für eine Atmosphäre voller Leben. Helmer (Jeroen Willems) ist dabei, seinen gebrechlichen Vater (Henri Garcin), der partout nicht sterben will, ins obere Stockwerk des kleinen Bauernhauses zu verfrachten. Man spürt das distanzierte Verhältnis der beiden zueinander, die Last auf den Schultern des Sohnes, der seinen alten Herrn gerne aus dem Blickfeld hätte.

Dass Helmer nie hatte Bauer auf dem Hof mit seinen rund 50 Kühen, ein paar Schafen und zwei Eseln werden wollen, das erschließt sich erst nach und nach aus den wenigen Wortfetzen, die Nanouk Leopold ins Drehbuch übernommen hat. Die Geschichte von Helmers in den Jahren vor der Übernahme des Hofes verunglücktem Zwillingsbruder ist bei ihr nur angedeutet. Man spürt aber, wie dieser traumatische Tod Helmer in ein Leben drängte, das dieser nie so haben wollte. „Als er starb, wäre ich selbst fast gestorben“, sagt Helmer, der in einem der raren Momente mit dem Vater eine schwierige Kindheit einräumt. Das Unwohlsein, das Helmer an den Tag legt, rührt aber auch daher, dass er sich oft selbst nicht klar über seine wahren Gefühle ist. Begegnungen meidet er daher so gut es geht, ist unsicher selbst im Kontakt und der Konversation mit Menschen wie etwa dem Milchfahrer, der dem Bauernhof Kraft seines Amtes ja zwangsläufig immer wieder einen Besuch abstattet.

Leben in die Bude kommt, als eines Tages der erst 18-jährige Knecht Henk (Martijn Lakemeier) auf dem Hof Einzug hält. Dass es sich bei ihm um den Sohn der ehemaligen Verlobten des verstorbenen Bruders aus deren Ehe mit einem anderen Bauern handelt, ist bei Nanouk Leopold kein Thema. Im Roman lässt sich über diesen Handlungsstrang erklären, warum Henk in Helmer eine Art Ersatzvater sieht, dieser jedoch nicht genau weiß, wie er dies zu deuten hat. Henk jedenfalls sucht sichtbar nach Wärme und scheut sich nicht, im Dunkel der Nacht in Helmers Bett zu steigen. Ob sexuelle Absichten dahinter stecken, dies bleibt wie so vieles andere offen und der Interpretation des Betrachters überlassen.

Anders als in ihrem letzten Film, dem hochgelobten „Brownian Movement“ mit Sandra Hüller, in dem lange statische Einstellungen dominieren, setzen Nanouk Leopold und ihr auch hier wieder tätiger Kameramann Frank van den Eeden nun auf den Einsatz einer sich langsam bewegenden Handkamera unter Beibehaltung langer unterkühlter Einstellungen in meist kalten Räumen oder vor kargen Hintergründen. Die Einsamkeit der Figuren und ihre Unsicherheit auf zwischenmenschliche Kontakte und Gefühle wird dadurch verstärkt. Daneben erzählt der Blick auf die je nach Generation muskulösen bis bereits vom Schwinden der Kräfte gezeichneten Körper vom harten Leben in der Landwirtschaft und der Vergänglichkeit.

Wie die Figuren ticken und was sie denken, lässt sich am ehesten also über Blicke und Gesten ablesen. Die Aura des Geheimnisvollen aber bleibt bis zum Schluss bestehen, wenn Helmer für sich erkannt hat, wie er sein Leben nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden des Knechtes weiter gestalten wird. Nanouk Leopold jedenfalls verstärkt durch ihre inhaltliche wie formale Reduktion das Gefühl, den Zuschauer auf eine Entdeckungsreise in die verwundete Seele eines sensiblen Menschen mitzunehmen, der erst erkennen muss, wer er wirklich ist und dass es ihm möglich ist, tatsächlich auch lieben zu können. Jeroen Willems liefert als Helmer eine großartige schauspielerische Leistung als wandelbarer Charakterdarsteller ab. Im Dezember 2012 ist er im Alter von 50 Jahren überraschend nach einem Herzanfall verstorben.

Thomas Volkmann

Helmer ist ein etwa 50jähriger niederländischer Bauer. Ursprünglich wollte er es gar nicht sein, doch sein Bruder starb, und so musste er den Hof übernehmen.

Sein Vater ist noch da, krank zwar, aber da. Helmer pflegt ihn, wäscht ihn, bettet ihn. Irgendwann verlegt er das Zimmer des Alten in das oberste Stockwerk des Hauses.
Warum? Genau weiß man es nicht, wahrscheinlich will er sein eigenes Leben haben. Bald sagt der Vater, er möchte sterben.

Die Tage sind eintönig, grau. Helmer lebt auf die denkbar einfachste Art. Die Kühe müssen gefüttert und gemolken werden. Nur selten schaut die Freundin des verstorbenen Bruders mit den Kindern herein. Helmer hat sich derart in sich zurückgezogen, dass er sogar den Milchfahrer, der täglich vorbeikommt, halb versteckt und nur aus der Ferne beobachtet. Ab und zu macht der Milchfahrer einen vergeblichen schüchternen Annäherungsversuch. Später geschieht dasselbe von dem Knecht Henk aus, den Helmer als Hilfskraft anheuert. Sogar Tränen sind die Folge.

Im Allgemeinen gibt`s im Kino Komödien, Krimis, Actionfilme, Märchen, Liebesdramen, Beziehungstragödien und vieles andere mehr. Hier ist ein anderer Film (mit einem besonders schönen Titel), die Kehrseite des Genannten, gestützt auf einen Erfolgsroman und auf eine unerbittliche, ziselierte Weise dargestellt. Ein feinfühliges, schwerblütiges, durchaus nicht unrealistisches Lebensbild. Man muss auch das bewusst zur Kenntnis nehmen können.

Einfach mitzuverfolgen und durchzuhalten ist das nicht. Kein pures Vergnügungskino. Aber eine psychologische (depressive) Lebenswirklichkeit, wie sie millionenfach besteht.
Filmisch ist das von der Regisseurin Nanouk Leopold professionell durchgezogen – und von Jeroen Willems (Helmer) absolut phantastisch gespielt. Die übrigen drei (Vater, Milchfahrer, Knecht) arbeiten ihm gut zu.

Ein hartes, aber durchaus realistisches Lebensbild.

Thomas Engel