Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel

Zwischen Film und Game bewegt sich Florian Schnells Debütfilm „Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel“, der die klassische Geschichte eines Nerds erzählt, der sich besser in den virtuellen Welten eines Computerspiels auskennt, als in der Realität. Mit seinen aufwändigen Animationen und pointierter Verknüpfung von Spiel und Realität ist Schnell ein ungewöhnlicher, origineller Film gelungen.

Webseite: www.littledream-entertainment.com

Deutschland 2016
Regie: Florian Schnell
Buch: Jan Cronauer. Florian Schnell
Darsteller: Mala Emde, Moritz Jahn, Ugur Ekeroglu, Florence Kasumba, Henning Peker, Daniele Rizzo, Hannes Wegener
Länge: 87 Minuten
Verleih: Little Dream Entertainment
Kinostart: 23. Februar 2017

FILMKRITIK:

Laut seinem Ausweis heißt er Jan (Moritz Jahn), ist 17 Jahre alt, Schüler und Sohn, doch seine wahre Identität ist Fenris. Als diese schwer bewaffnete Kreatur verbringt Jan viel Zeit im Fantasy-Spiel Schlacht um Utgard und bereitet sich mit größerer Begeisterung auf ein bald anstehendes Turnier vor, als seine Zeit in Hausaufgaben zu investieren.
 
Doch dann erlebt Jan die größte Katastrophe, die einem Gamer wie ihm widerfahren kann: Aus unerfindlichen Gründen stürzt sein Computer ab und als er wieder hochgefahren ist, ist sein Avater verschwunden. All die Wochen und Monate, die er sich hoch gekämpft hat, scheinen verloren und so schwänzt Jan die Schule und fährt zur Softwarefirma, um der Sache auf den Grund zu gehen.
 
In der Lobby des Unternehmens trifft er auf ein unbekanntes Wesen: Ein Mädchen! Diese Karo (Mala Emde) scheint ein ähnliches Problem zu haben wie Jan, auch ihre virtuelle Figur ist plötzlich verschwunden und so formt sich eine Notgemeinschaft, die vor einer schwierigen Aufgabe steht. Denn wie es scheint, hat die zumindest im Spiel mächtige Figur des Loki ihre Computer gehakt, um sich den Sieg beim anstehenden Turnier zu sichern.
 
Während Loki nun dem unfreiwilligen Duo die reale Polizei auf den Weg hetzt, versuchen Jan und Karo in der wirklichen und der virtuellen Welt herauszufinden, wo Loki, bzw. sein menschlicher Besitzer lebt. Keine einfache Aufgabe, zumal Jan im Umgang mit einem Mädchen noch wenig Erfahrungen hat, auch wenn er sich schnell zu Karo hingezogen fühlt.
 
Zunehmend spielt sich das Leben in virtuellen Welten ab, verstecken sich Menschen hinter Avataren, Kunstfiguren, die schöner, mächtiger, einfach besser sein sollen, als ihre reale Persönlichkeit. Besonders die so genannten MMORPGs, Massive Multiplayer Online Role-Playing Games, auf Deutsch Massen-Online-Rollenspiel, erfreuen sich dabei größter Beliebtheit, verschlingen allerdings auch Unmengen Zeit. Denn nur wer mit seiner virtuellen Figur viel Zeit in der Onlinewelt verbringt, dabei Aufgaben, so genante Quests, erfüllt, gewinnt an Erfahrungspunkten und steigt auf. Dass diese virtuellen Figuren, die Avatare, dabei zu einem Auswuchs der eigenen Persönlichkeit werden ist offensichtlich, wobei die Gefahr, virtuelle und reale Welt zu verwechseln wohl eher die Medien zu kulturkritischen Texten beflügelt. – Oder eben die Phantasie von Drehbuchautoren und Regisseuren.
 
Einen so aufwändigen Film wie „Offline – Das Leben ist kein Bonuslevel“ als Diplomfilm an der Filmhochschule Baden-Württemberg vorzulegen, sagt einiges über die Ambition von Florian Schnell aus. Kein schweres Thema hat er gewählt, kein historisches Drama, aber dennoch ganz am Puls der Zeit. Vom ersten Moment an wird ein leicht fantastischer Ton etabliert, bewegt sich Jan auch in der realen Welt, als würde er die virtuellen Welten seines Spiels durchschreiten. Eingeblendete Anzeigen, die über seine Bewaffnungen oder seine Kraftpunkte informieren, lassen zusätzlich Realität und Computerwelt verschwimmen.
 
Das alles wäre jedoch nicht mehr als eine nette Spielerei, wenn die menschlichen Figuren nicht so lebensnah gezeichnet wären. Denn auch wenn Mala Emde und Moritz Jahn Gamer und Nerds sind, mit ihren Eigenarten und Macken, sind sie doch nie überzeichnet oder gar eine Karikatur. Voller Unsicherheit und damit echter Emotionalität agieren sie und werden gerade dadurch zu überzeugenden menschlichen Charakteren. Am Ende spielt sich das Leben eben doch nicht in der virtuellen Welt ab, sondern in der Realität.
 
Michael Meyns