Ohne Dich

Die Liebe, das Leben, der Tod, und die grausame aber auch tröstliche Gewissheit: das Leben geht weiter. Ein wechselvoller Beziehungs- und Schicksalsreigen über eine krebskranke Hebamme, gespielt von Katja Riemann. Ihr Schicksal hat Alexandre Powelz in seinem Langfilmdebüt mit jenem von zwei weiteren Frauen verknüpft – der Putzfrau der Hebamme und der jungen Motte, die ungewollt schwanger wurde. Sie alle nehmen ihre persönlichen Konflikte, Hoffnungen und Schmerzmomente mit hinein in ihre teils noch nicht einmal klar definierten Beziehungen. Dargeboten ist das durchaus gekonnt, wirkt in seiner Konstruiertheit mitunter aber auch etwas künstlich.

Webseite: www.ohnedich-film.de

Deutschland 2014
Regie: Alexandre Powelz
Mit: Katja Riemann, Charly Hübner, Helen Woigk, Arne Gottschling, Meral Perin, Sarah Horvath, Bijan Zamani, Rolf Hoppe, Anna Böger u.v.m.
90 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 4.9.2014

FILMKRITIK:

Was tun, wenn das Leben nicht so läuft wie erhofft? Die Hebamme Rosa (Katja Riemann) hat in ihrem Kampf gegen den Krebs einen Rückschlag erlitten und will nicht mehr. Während sie sich abzufinden scheint mit ihrer Krankheit und ans Sterben denkt, macht sich nun ihr Mann Marcel (Charly Hübner), von Beruf Psychotherapeut, entsprechende Sorgen. So wie er bis zuletzt für seine Frau da sein will, unter anderem auch nach Behandlungsmethoden im Ausland für sie forscht, engagiert sich Rosa weiter in ihrem Beruf (man könnte es auch Flucht nennen). So kommt sie in Kontakt mit Motte (Helen Woigk), einer jungen Frau, die bei einem zumindest bildtechnisch romantischen Nacht-und-Nebel-Stelldichein auf einem Karussell von einem Jungen geschwängert wurde, der von sich selbst nicht so recht weiss, ob er nun schwul, bi oder hetero ist. Die Putzfrau wiederum ist fast schon hysterisch in einen jüngeren Mann verknallt und will nicht einsehen, dass der sie für eine Jüngere sitzen lässt.
 
Genau hinschauen sollte, wer den Handlungsort Stuttgart kennt. Markante Plätze und vertraute Einkaufspassagen sind da ebenso zu entdecken wie der phantastische Blick von der Adresse des Hebammen-Therapeuten-Paares in einer schicken Wohngegend über die im Kessel liegende Innenstadt. Auch Comedy-Star Michael Gaedt, Stuttgarter Original und Mitglied der „Kleinen Tierschau“, hat einen Kurzauftritt mit Zigarette.
 
Alexandre Powelz, der auch das Drehbuch zu diesem Melodram geschrieben hat, lässt also gegensätzliche Schicksale und Lebensentwürfe aufeinanderprallen. Man wird indes den Eindruck nicht los, dass die Geschichten der beiden weiblichen Nebenfiguren nur deshalb so gewählt wurden, um die Schwere von Rosas Konflikt etwas abzumildern. Das vehemente Festhalten der Putzfrau an einer für den Zuschauer offensichtlich unmöglichen Partnerschaft bekommt da fast schon etwas Belustigendes, aus Mottes tagträumerischem Leben spricht die Unentschlossenheit einer sich nach Liebe sehnenden jungen Frau, die ihren Platz in der Gesellschaft noch nicht gefunden zu haben scheint, in ihrem ausrangierten Eisenbahnwaggon aber in einer höchst fotogenen Kulisse haust.
 
Powelz gelingt es aber trotzdem, die Verbindungen und Übergänge der einzelnen Episoden zueinander flüssig zu gestalten und dabei auch einen gewissen Spannungsbogen aufzubauen. Hier der stets mögliche Tod von Rosa, da die bevorstehende Geburt von Motte – so steuert der Film langsam, aber mit Gewissheit auf seinen Höhepunkt zu und weiss am Ende gar mit einer verwandtschaftlichen Verbindung zu einer weiteren Nebenfigur aufzuwarten, die einen aufgrund der Konstruiertheit des Plots zwar wundert, letztlich aber auch nicht mehr sonderlich überrascht.
 
Seine schönsten Momente hat „Ohne Dich“ während eines Ausflugs von Rosa und ihrem Mann aufs Land, wo am Fuss der Schwäbischen Alb ihr 82-jähriger Vater lebt und Sokrates zitierend über seine angstfreie Einstellung zum Tod spricht. Hier lässt ein Tänzchen für einen Moment die großen Sorgen des Ehepaars vergessen. Der Tod und das Leben, sie liegen in diesem Kapitel des Films ganz besonders dicht beisammen.
 
Thomas Volkmann