Oktober November

So elegant wie sensibel ist der neue Film von Götz Spielmann, der schon mit REVANCHE (2008) im deutschen Kino für Furore sorgte. Dies ist nun eine österreichische Familiengeschichte um zwei Schwestern, die sich über die Krankheit ihres Vaters einander nähern. Wer nun aber glaubt, dies sei ein schwer bekömmlicher Film, der irrt sich. Denn Götz Spielmann macht daraus eine mit leichter Hand inszenierte Geschichte: untheatralisch und mit sparsamen Dialogen ist OKTOBER NOVEMBER ein zwar gewichtiger, aber keinesfalls kopflastiger Film von schöner Wahrhaftigkeit.

Webseite: www.mfa-film.de

Österreich 2013
Buch und Regie: Götz Spielmann
Darsteller: Nora von Waldstätten, Ursula Strauss, Peter Simonischek, Sebastian Koch, Johannes Zeller
Kamera: Martin Gschlacht
Länge: 114 Minuten
Verleih: MFA+
Kinostart: 12. Juni 2014

FILMKRITIK:

Sonja ist ein Film- und Fernsehstar. Sie ist schön, erfolgreich und beliebt, aber es scheint, als ob etwas oder jemand in ihrem Leben fehlt. Ernst und distanziert – so wirkt Sonja, die zurückgezogen in Berlin lebt und nach Drehschluss ihres neuen TV-Films sofort in ihre Heimat Österreich reist, um sich gemeinsam mit ihrer Schwester um den erkrankten Vater zu kümmern. Sonja ist die ätherische Künstlerin.
 
Verena lebt mit Ehemann, Kind und Vater in dem riesigen ehemaligen Gasthaus ihrer Familie mitten in den österreichischen Alpen. Sie kocht, backt, putzt und wirtschaftet von früh bis spät, und nebenbei hat sie noch Zeit für einen heimlichen Liebhaber, den Landarzt Andreas. Eine patente Frau und liebevolle Mutter, die ein kleines Geheimnis hat und ein paar unerfüllte Sehnsüche. Sie ist die Bodenständige.
 
Als der Vater, nicht ganz unerwartet, von einem Herzinfarkt niedergestreckt wird und bald darauf aus dem Krankenhaus nach Hause zurückkehrt, übernimmt Andreas erst die Lebensrettung und später die ärztliche Versorgung. Die beiden ungleichen Schwestern übernehmen die Pflege des Vaters, rücken dichter zusammen, lernen sich neu kennen. Es ist Herbst, die Blätter färben sich, Konflikte kommen zum Vorschein, kleine und große Geheimnisse werden gelüftet, und ein alter Mann findet seinen Frieden.
 
Sie alle sprechen vieles an und wenig aus. Man versteht sie, obwohl sie nur das Nötigste reden – banale Wörter, wie sie in allen Familien dieser Erde ständig gesagt werden und hinter denen sich so oft Verletzungen und Wunden verstecken. Subtil und raffiniert geht es ums Innenleben der Familie, um Anpassung, Ausbrüche und Leidenschaften. Schließlich verblasst alles andere – schwesterliche Rivalitäten, kleine Fluchten und Versteckspiele – vor dem Unabänderlichen. „Schön ist drüben. Man braucht sich nicht fürchten“, sagt der Vater. Angesichts seines Todes schließt der alte, sture Brummelkopf Frieden mit der Welt.
 
Götz Spielmann erzählt geradeheraus und fein, ohne Brimborium und ohne auch nur annähernd auf die Tränendrüsen zu drücken, von der Einsamkeit des Einzelnen und vom Leben in der Familie, das niemals ohne Verletzungen verläuft. Aus seinen Schauspielern macht er große, subtile Menschendarsteller mit Menschengesichtern, die scheinbar wenig preisgeben und dennoch alles sagen. Nora von Waldstätten spielt die Sonja als fragiles Persönchen, dem die Einsamkeit aus allen Poren strahlt. Sie ist eine erfolgreiche Frau, die sich für ihre Umwelt eine Maske zugelegt hat: Souverän wirkt sie, als wolle sie sich selbst disziplinieren. Und sie weint nur, wenn sie unbeobachtet ist, so wie ihre Schwester. Verena wird gespielt von der wunderbaren Ursula Strauss, die im Gegensatz zu Sonja den Dialekt der Berge noch nicht verlernt hat. Sie ist die vernünftige Mutter eines entzückenden Sohnes und die Ehefrau eines anrührend einfach gestrickten Mannes. Ein wenig fühlt sie sich als Landpomeranze und ist doch, wie Sonja, viel mehr als das Produkt ihrer Umwelt: taff, vernünftig und dennoch unzufrieden, geplagt von unerfüllten Sehnsüchten. Großartig sind sie beide – die scheinbar stabile Hausfrau mit ihrem heimlichen Lover und die elfenhafte Künstlerin in ihrer ständigen Suche nach dem, was sie eigentlich will. Vielleicht sucht sie die Anerkennung des Vaters, den Peter Simonischek ganz großartig zunächst als brummigen Bauern und später als beinahe liebenswerten Philosophen anlegt. Sebastian Koch spielt den Arzt mit sehr viel Ruhe und Gelassenheit, mit klarem Blick fürs Wesentliche.
 
Die Atmosphäre des großen, leeren Gasthauses gibt der Handlung und den Personen den passenden Rahmen, der jede Tragik erstickt, und zwar nicht ohne leisen Humor, wie übrigens der gesamte Film. Zeigen, nicht sagen – show, don’t tell – das ist eine der Grundlagen für eine gelungene Filmgeschichte, und dieses Mittel beherrscht Götz Spielmann perfekt. Verena kocht in der riesigen Wirtshausküche, in der ein kleiner Kühlschrank wie verloren steht, und die Familie isst gemeinsam an einem der zahllosen Tische im leeren Gastraum, wo Sohn Hannes auf seinen Rollerblades herumkurvt. Spätestens mit diesem Film reiht sich Götz Spielmann ein in die Schar der zurzeit herausragenden österreichischen Filmschöpfer wie Michael Haneke, Barbara Albert und Ulrich Seidl, die sich trauen, jenseits des Mainstreams außergewöhnliche Geschichten zu erzählen. Felix austria!
 
Gaby Sikorski