On the Milky Road

Nach seiner Filmbiografie über den argentinischen Fussballer Maradona war es um den vielfach preisgekrönten serbischen Regisseur Emir Kusturica fast zehn Jahre still. Nun entfesselt der fabulierende Geschichtenerzähler mit überbordendem Einfallsreichtum erneut die furiose Bilderflut eines modernen Märchens. Bizarr, burlesk und von balkanischer Beschwingtheit übernimmt er als Milchmann, der im Bürgerkrieg des ehemaligen Jugoslawien die Fronten durchbricht, gleich selbst die Hauptrolle. Dabei verliebt er sich in eine rätselhafte italienische Schönheit. Die „liaison dangereuse“ mit der wunderbaren Schauspielerin Monica Belluci beschert dem Paar auf der Flucht vor schwer bewaffneten Soldaten eine Fülle von Abenteuern.

Webseite: www.facebook.com/OnTheMilkyRoad.DerFilm

Serbien, USA, Großbritannien 2016
Regie & Drehbuch: Emir Kusturica
Darsteller: Monica Belluci, Emir Kusturica, Sloboda Mićalović, Sergej Trifunovic, Predrag 'Miki' Manojlovic, Maria Darkina, Bajram Severdzan, Ratka Radmanovic, Novak Bilbija
Länge: 125 Minuten
Verleih: Weltkino
Kinostart: 7.9.2017

FILMKRITIK:

Jeden Tag aufs Neue durchbricht der liebenswürdige Musiker und Lebemann Kosta (Emir Kusturica) die Frontlinien, um den Soldaten von einem Bauernhof frische Milch zu bringen. Traumatisiert von der Ermordung seines Vaters, macht er sich trotzdem mit seinem treuen Esel auf den gefährlichen Weg. Auf dem Hof trifft er stets die energische Milena (Sloboda Mićalović). Die ehemalige, athletische Turnerin, hat bereits ein Auge auf ihn geworfen. Doch als Kostja die rätselhafte italienische Schönheit (Monica Belluci) sieht, ist es um ihn geschehen. Leider ist die mysteriöse Frau bereits vergeben.
 
Sie soll Milenas Bruder, Žaga (Predrag Manojlović), einen wilden Kriegshelden, heiraten. Schon wird die Doppelhochzeit vorbereitet. Aber ihre leidenschaftliche und verbotene Liebe durchkreuzt freilich alle Pläne. Was Kosta nicht ahnt, seiner Angebeteten ist auch ein rachsüchtiger Nato-General verfallen. Er hat für sie seine Frau umgebracht. Der Eifersüchtige schickt nach dem Waffenstillstand eine Spezialeinheit los, um das Objekt seiner Begierde wieder zu ihm zu bringen, egal ob tot oder lebendig.  Hals über Kopf flieht das Liebespaar vor seinen Häschern.

Mitreißend erzählt der preisgekrönte Regisseur Emir Kusturica von der Liebe in Zeiten des Balkankrieges im ehemaligen Vielvölkerstaat Jugoslawien. Sein buntes, oft schrilles und zuweilen wunderbar sentimentales Werk umspannt die letzten Tagen der jüngsten Balkankriege bis fast in die Gegenwart, und es ist, wie bei ihm üblich, Melodram und Slapstick, Heimatfilm und Musikvideo, Abenteuerfilm und romantisches Märchen zugleich. Erneut inszeniert der 62jährige, der in Prag die Filmschule besuchte, die trunkene Feier dieses besonderen balkanischen Wesens, in enger Verbundenheit mit der pittoresken Landschaft, magischen Tieren dazu beschwingte Polka und mutige Frauen.
 
Und so strahlt seine Fabel über die Liebe trotz allem düsteren Hintergrund Lebensfreude aus, die einfach ansteckt. Ein selbstverliebtes Huhn, in Blut badende Gänse, explodierende Schafe, zahme Wanderfalken und eine Milch trinkende Schlange, die Menschenleben rettet – es ist ein reichlich verrücktes Bestiarium, das sein neues Epos, angefüllt mit magischen Realismus, bevölkert. Wieder einmal ein bildlicher Sieg des Autorenkinos über das Mainstream-Hollywood. Nicht umsonst steht der Wahlserbe und zweimalige Gewinner der Goldenen Palme von Cannes in einer Reihe mit ehemaligen Outlaws der Filmkunst wie Aki Kaurismäki, Pedro Almodóvar und Jim Jarmusch.
 
Und so überwältigt auch sein einstiges Meisterwerk „Underground“, der vielstündige ausladende Bilderreigen über Krieg und Zerstörung, über Opportunisten und Kriegsgewinnler, mit seiner überbordenden Phantasie, nach zwanzig Jahren noch immer. „Ich bewundere nichts mehr als Viscontis Kunst des vollendet durchkomponierten Bildes, doch beim Drehen entscheide ich mich im Zweifelsfall stets für die Beweglichkeit der Kamera“, gesteht der poetische Querkopf und Rebell. Das bewies bereits seine Komödie „Schwarze Katze, weisser Kater“, ein anarchischer Befreiungsschlag strotzend vor Hoffnung, für die er einst in Venedig, als bester Regisseur ausgezeichnet wurde.
 
Auch das 53jährige Ex-Model Monica Belluci aus Umbrien ist dem europäischen Kino grundsätzlich treu geblieben. Selbst für weniger ernste Projekte wie „Asterix“-Verfilmungen ist sie sich nicht zu schade. „Ich bin eine alte Seele und die USA ist mir einfach zu jung“, bekennt sie. Selbstbewusst geht die Italienerin auch mit ihrer Figur um: Bellucci versteckt ihre Kurven nicht. Und ebenso stolz wie sie sich mit ihrer Weiblichkeit präsentiert, verhält sie sich auch in Bezug auf ihr Alter. Im Bond-Streifen „Spectre“, trat sie als das bisher älteste Bond-Girl vor die Kamera. Eins ist sicher: Sex-Appeal kennt bei ihr kein Verfallsdatum. Spielend schafft es die Mutter zweier Töchter sämtliche Filmdiven ihres Heimatlandes von Anna Magnani über Sophia Loren bis hin Monica Vitti in einer Person zu verkörpern. Selbst heute beschwört sie den Geist des längst vergangenen Italien mit seinem „Dolce Vita“.
 
Luitgard Koch