Once Upon A Time in Anatolia

Der neue Film vom türkischen Bild-Meister Nuri Bilge Ceylan: Die nächtliche Suche eines Trupps aus Polizei, Justiz und einem Arzt nach einer Leiche wird zur Odyssee, weil der geständige Mörder den Tatort in der hügeligen Steppe nicht mehr findet. Die epische Erzählung lässt Zeit für Kontemplation in Bild und Gespräch, bevor der Arzt nach erfolgreicher Mission ins Zentrum eines Dramas gerät. Der geniale Fotograf Nuri Bilge Ceylan breitet mit immer wieder faszinierenden Bildern eine zeitweise spröde, aber auch schwindelnd abgründige Geschichte aus.

Webseite: www.kinostar.com

OT: Bir Zamanlar Anadolu’da
Türkei, 2011
Regie: Nuri Bilge Ceylan
Darsteller: Muhammet Uzuner, Yilmaz Erdogan, Taner Birsel, Ahmet Mümtaz Taylan
Länge: 157 Min.
Verleih: Kinostar
Kinostart: 19. Januar 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Aus der Tiefe einer trockenen, hügeligen Landschaft nähern sich in der Abenddämmerung die Lichter von Autos. Drinnen bespricht man Qualitäten des Büffel-Joghurts, eine lästige Prostata zwingt die Männer zu einigen Pausen. Der Staatsanwalt “Clark” (Gable) Nusret und Doktor Cemal bestimmen das Gespräch, der Fahrer in Polizeidiensten erkundigt sich nach einem Medikament für seine Frau, im Fond eingequetscht döst ein dürrer Mann. Dabei geht es um ihn, den geständigen Mörder, der die Kolonne zur Leiche führen soll. Doch in der hereinbrechenden Nacht sieht ein Brunnen aus wie der andere. Scheinwerfer tauchen Felder und Steppen in ein unwirkliches Licht. Mit viel, aber nicht endloser Geduld fährt man weiter, ein Gewitter zieht auf, zwei Ortskundige streiten über den Weg.

Auf dieser seltsamen Suche kommentiert Doktor Cemal, der später die Leiche untersuchen soll, als geschätzte moralische Instanz das Geschehen und philosophiert. Seine Gedanken beschäftigen sich wie schon Ceylans erster Erfolg „Uzak“ (Großer Preis der Jury Cannes 2003), mit Tradition und Moderne. Die nur oberflächlich unergiebige Odyssee legt ihre Perlen beiläufig aus. Ein Blitz beleuchtet antike Statuen, die Szenerie still beobachtend. Eine Orange rollt in ein kleines Tal, ein merkwürdiges Symbol im düsteren Umfeld des Todes.

In seiner scheinbar nur einfach „epischen“ Länge ist „Once upon a time in Anatolia“ durchaus raffiniert strukturiert: Das „Warten auf Godot“, die fast absurde Suche nach einer Leiche, wird von einer Übernachtung auf einem Hof unterbrochen. Lokalpolitik und die tragische Geschichte einer Frau korrespondieren mit der betörend schönen Tochter des Dorfvorstandes. Die erfolgreiche Fortsetzung der Suche am Morgen bekommt nach einer komischen Episode um die Leiche, die nicht in den Kofferraum passt, im Finale, fast im Epilog, die psychologischen Abgründe einiger Beteiligten nachgereicht. Ein paar – wiederum bewusst beiläufige und musikalisch unbetonte – Szenen sowie eine Leichenschau bringen das – immer noch gemächliche – Handeln in einen schwindelnden Zwiespalt zwischen Recht und Moral. Am Ende ergibt sich eine moralische Volte, die den ganzen Film von den letzten Bildern her im Kopf noch einmal wendet.

„Once upon a time in Anatolia“ – das klingt nach Sergio Leones „Once upon a time in the west“ („Spiel mir das Lied vom Tod“), ist aber von einem Western oder Eastern weit entfernt. Es hört sich an wie ein Krimi und funktioniert ganz anders. Ceylans erstaunlicher Film entschleunigt – unendlich im Vergleich zu CSI und Co. Er verlangsamt auf den Rhythmus des Lebens, so dass man in diesem Kammerspiel-Road-Movie fast den einzelnen Herzschlag spürt. Am ehesten fühlt sich der neue Film vom türkischen Bild-Meister Nuri Bilge Ceylan an wie Sean Penns „Das Versprechen“, bei dem sich Jack Nicholson in die Umgebung des Täters hineinlebt. Die Handlung erscheint in der ersten Hälfte bodenständig banal, aber immer wieder zeigen einzelne Einstellungen mit in extremer Tiefe und Weite wie gemalten Dörfern und Bergen die große Kompositionskunst des Fotografen und Regisseurs Nuri Bilge Ceylan. Der zeitweise spröde wirkende Film lohnt das geduldige Zuschauen: Eine intensive Stimmung gräbt sich tief in den Zuschauer ein, vielschichtig und nachhaltig wie das Werk selbst, das 2011 in Cannes ex-aequo mit „Le gamin au vélo“ den Grand-Prix erhielt.

Günter H. Jekubzik

In der Nähe eines anatolischen Dorfes. Ein Mann wurde ermordet. In dunkelster Nacht, um die Angelegenheit schnell zu erledigen, fahren in drei Autos die Polizei, das Militär sowie Staatsanwalt und Arzt zum Tatort. Zwei verdächtige Gefangene sind ebenfalls dabei.

Die Tatverdächtigen waren zur Tatzeit offenbar betrunken, also können sie sich nicht mehr genau an den Ort des Geschehens erinnern. Stundenlang wird deshalb hin- und hergefahren und gesucht. Ohne Erfolg.

Die Männer sind erschöpft, wollen eine Pause einlegen und etwas essen. Also wird mitten in der Nacht ins nächste Dorf zum Bürgermeister gefahren und ausgiebig gespeist und getrunken. Dazu Palaver ohne Ende.

Dann geht es weiter. Der Tatort wird schließlich gefunden. Der Ermordete ist vergraben. Wieder Palaver, behördlicher Bericht über den Tathergang und Fundort, Transport in die Klinik, Obduktion – und Mysteriöses, Verstecktes, nicht offenbar Gemachtes im Verhältnis zwischen dem Staatsanwalt und dem Arzt.

Der bekannte türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan weiß genau, wie er seine Landsleute zu nehmen hat und was er macht. Er passt sich den Verhältnissen in der Osttürkei an: dem ungewohnten langsamen Rhythmus der Menschen; der ausschließlichen Männerwelt; dem endlosen pseudodialektischen Palavern; der scheinbaren Zeitlosigkeit; der minutiösen Bürokratie.

Sicher ist auch, dass der Film eine gezielte satirische Seite hat. Das Verhalten des türkischen Durchschnittsmenschen wird offensichtlich persifliert und der Unterschied zu anderen Regionen angedeutet. Wenn wir so weitermachen, wird einmal gesagt, kommen wir nie in den Europäische Union.

Es ist ein stiller, eigenwilliger, für ein „normales“, schnelles Sehen ungewohnt langsamer (Cannes-)Film, der jedoch keineswegs ohne Wirkung bleibt. Nach und nach dringt man in das ein, was hier gesagt werden wollte.

Thomas Engel