Only God Forgives

Der neue, in Cannes durchaus kontrovers diskutierte Film von „Drive“-Regisseur Nicolas Winding Refn ist wieder ein stilistisches Meisterwerk, das formvollendete Set-Ausstattung und schlichte Schönheit mit Szenen expliziter Gewalt im Rotlichtviertel von Bangkok kontrastiert. Ryan Gosling spielt einmal mehr den stillen Rächer – diesmal gepeinigt von Ödipus-Komplex, Masturbationsfantasien und Thaibox-erprobten Polizisten. Ein bedrohlicher und brutaler Faustschlag von einem Film.

Webseite: www.24bilder.net

USA 2013
Regie & Buch: Nicolas Winding Refn
Darsteller: Ryan Gosling, Kristin Scott Thomas, Vithaya Pansringarm, Tom Burke, u.a.
Länge: 90 Minuten
Verleih: Tiberius Film, Vertrieb: 24Bilder
Start: 18.7.2013

PRESSESTIMMEN:

"Blutiger Kunstkino-Horror… Ein verstörender, fiebriger Höllentrip von einem Film."
KulturSPIEGEL

"Ein brutales Meisterwerk. …ungenießbar. Aber genau deshalb einer der sehenswertesten Filme des Jahres."
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

„Only God Forgives“ spielt zwar in Bangkok, doch diese Szene ist wie aus einem Westernfilm: Julian (Ryan Gosling) steht in der Tür einer klapprigen Bretterbude, seine beiden Partner etwas versetzt auf der anderen Seite des Weges. Sie schweigen, blicken skeptisch um sich, Hunde stromern durch die verlassene Kulisse wie rollende Büsche. Dann wird er auf einem Tuk-Tuk serviert, einem dieser thailändischen Motorrad-Taxis, aber es könnte auch ein Pferdekutsche sein: der Mann, der Julians Bruder in einem Stundenhotel massakriert hat und jetzt das nächste Opfer tödlicher Blutrache werden soll. „Why did you kill my brother?“ wispert Ryan Gosling mit dem Revolver in der Hand. Ob er den winselnden Mann nun tötet oder nicht – die Spirale der endlosen Gewalt ist längst im vollen Gange.

Der neue Film von Nicolas Winding Refn dekonstruiert nicht nur das Momentum der Rache: Es geht auch um Karaoke, als befreiende Form des Singens. Um harte Drogen, die in großen Mengen in die Unterwelt geschleust werden sollen. Um Prostituierte, die für kurze Zeit aus dem grellen Rotlicht entfliehen. Und um einen wortkargen Helden, der der Macht seiner Mutter und einem handfesten Ödipus-Komplex ausgesetzt wird. Kristin Scott Thomas, hier mit langem, wasserstoffblondem Haar, spielt diese Mutter mit beängstigender und fieser Boshaftigkeit. Ob gut, böse, gerecht: Wer hier eigentlich zu den rechtschaffenden Figuren gehört und welche zu den moralisch fragwürdigen, weiß man bereits nach den ersten zehn Minuten nicht mehr. Nur Gott vergibt. Hier muss man lange nach ihm suchen.

Regisseur Nicolas Winding Refn operiert nach „Walhalla Rising“ und „Drive“ einmal mehr in Topform: Mit skandinavischer Stilsicherheit komponiert der Däne millimetergenaue Bilder, die stets die kühle Schönheit in ihrer Perfektion zeigen. Ob lange Bordellflure in rotem Licht, das üppige Arrangement eines gedeckten Tisches in einem Luxus-Restaurant oder eine verschwitzte Thai-Boxhalle – jede fotografisch außergewöhnliche Ausstattung wird mit Szenen maximaler Gewaltdarstellung seziert. Kamen diese Szenen in „Drive“ noch überraschend, wird hier das Gemetzel, auch aus Rücksicht vor dem Publikum, sorgsam angekündigt: „Egal, was gleich passiert, vergesst nicht, eure Augen zu schließen“, sagt Polizeiboss Chang (Vithaya Pansringarm) auf Thai zu den anwesenden Prostituierten im Raum, kurz bevor er einen Drogenkurier mit ein paar ziemlich spitzen Messern bearbeiten wird.

Trotz des vielen Blutes ist auch „Only God Forgives“ ein Film von nahezu meditativer Langsamkeit, der Dank des sphärischen Scores von Cliff Martinez (schrieb auch die Filmmusik zu „Drive“) und des unübersehbaren Einflusses von David Lynch und „Mullholland Drive“ vor allem eines bewirkt: zeitlupenartige Szenen zu entwerfen, die trotz ihrer Unbeweglichkeit jene größtmögliche Bedrohung und Gefahr ausstrahlen, dass man nur schwer ruhig auf dem Kinositz verharren kann.

David Siems

Für seinen düster durchgestylten Krimi „Drive“ wurde der Exil-Däne Nicolas Winding Refn vor zwei Jahren in Cannes gefeiert und als Bester Regisseur ausgezeichnet. Für seinen jüngsten Streich gab es diesmal statt Palmen vor allem ein Buh-Konzert. Denn die Gewalt in seinem Rache-Drama „Only God Forgives“ fällt reichlich deftig aus. Die Schlachtplatte reicht von heißem Fett ins Gesicht über durchtrennte Arme bis zu ausgestochenen Augen. Visuell wirkt der Stil eher nachgeäfft als originell. Wenig Story, viel Blut –des Dänen neue Kleider.

Wie in "Drive" gibt Ryan Gosling den übercoolen Helden, der seinen florierenden Drogenhandel als Boxclub-Betreiber in Bangkok tarnt. Als sein Bruder ermordet wird, schwört er blutige Rache. Dabei kommt er einem rabiaten Polizeichef in die Quere, der die Auge-um-Auge-Ordnung gerne höchstpersönlich mit seinem Schwert herstellt. Zugleich bedrängt ihn die eilends angereiste Mutter (Kristin Scott Thomas), endlich tätig zu werden. Dass der ermordete Sohn ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt und getötet hat, stört die resolute Mama wenig: "Er hatte wohl seine Gründe" sagt sie schnippisch und wirft dem Sohn vor, immer eifersüchtig auf den erstgeborenen Bruder gewesen zu sein, "nicht zuletzt, weil er einen viel größeren Schwanz hatte". Sexsymbol Gosling als Muttersöhnchen mit Penisneid? Das könnte heiter werden, doch Refn ist immun gegen jede Selbstironie und lässt seinen Helden als angestrengt affig dreinblickenden Roboter verkommen und macht ihn so zur Parodie und unfreiwilligen Lachnummer. Unterdessen gibt Mutti bei der Unterwelt den Polizistenmord in Auftrag. Kaum hat der Cop den fiesen Anschlag überlebt, hetzt dieser zum gnadenlosen Gegenangriff. Die Killer werden übelst gefoltert und anschließend dahingerafft. Immerhin werden die anwesenden Damen gewarnt und aufgefordert, ihre Augen zu schließen – was auch den eher sensiblen Zuschauern bei diesen sadistischen Splatter-Einlagen dringend zu empfehlen ist. Vor dem großen Showdown stärkt sich der brutale Gesetzeshüter schnell noch mit ein paar gesungenen Schnulzen in der Karaoke-Bar – was von Refn nach eigenem Bekunden weniger komisch als durchaus ernst gemeint ist! (Vom finalen Schicksal von Mutti ganz zu schweigen, das hier nicht verraten werden soll, in Cannes jedoch für unbeabsichtigte Heiterkeit sorgte).

So gockelhaft seine Figuren durch die Handlung stolzieren, so sichtlich bemüht fällt die Inszenierung aus. Die stilistischen Anleihen bei Lynch und Tarantino geraten, ebenso wie die "Hamlet"-Anklänge, zum bloßen Selbstzweck und erinnern eher an die manierierte Koksnasen-Ästhetik von Parfüm-Reklame als an visuelle Originalität. Mehr als Kunstgewerbe hat der als Kultfilmer gefeierte Däne kaum zu bieten, selbst handwerklich bleiben Macken: Da wird das so bedeutende Rächerschwert des Polizisten wie aus dem Nichts hinter dem Rücken hervorgezogen, derweil beim brutalen Boxkampf keiner der Beteiligten auch nur eine Schramme zeigt und der verprügelte Held erst am Ende seine üppigen Blessuren nachliefert. Als unfreiwillig komische Satire hat dieser Brutalo-Ödipussi freilich allemal Unterhaltungswert und auch wer Mutproben im Kino mag, kommt auf seine Kosten – sofern er die Augen bei den Folterszenen, entgegen der polizeilichen Aufforderung, nicht schließt.

Dieter Oßwald