Oslo, 31. August

Ein Tag, eine Stadt, ein (unaufhaltsames) Schicksal: Am Ende des Sommers irrt Anders nach langem Aufenthalt in einer Entzugsklinik durch Oslo, auf der Spur ungelebter Möglichkeiten und schwindender Perspektiven. Joachim Trier, dessen furioses Debüt „Auf Anfang [:reprise]“ eine ebenso uneingeschränkte Empfehlung ist, gelingt mit seiner zeitgemäßen Adaption des Romans „Le feu follet“, den Louis Malle 1963 ebenfalls verfilmte, ein melancholisches Generationenporträt, welches die von vielen jungen Erwachsenen empfundene Verlorenheit angesichts scheinbar unendlicher Möglichkeiten präzise einfängt.

Webseite: www.peripherfilm.de

Norwegen 2011
Regie: Joachim Trier.
Mit Anders Danielsen Lie, Hans Olav Brenner, Ingrid Olava u.a.
Länge: 96 Min.
Verleih: Peripher
Kinostart: 4.4.2013

PRESSESTIMMEN:

"Eine radikale, beklemmende Studie in Agonie und Fatalismus, die im Kern ein melancholischer Film über die Vergänglichkeit der Jugend in Zeiten einer verlängerten Adoleszenz ist. – Sehenswert."
film-dienst

"Ein Tag im Leben eines Verlorenen: Joachim Trier wagt in seinem intensiven Drama „Oslo, 31. August“ ein existenzielles Vexierspiel. Großartiges Kino aus Norwegen."
DER TAGESSPIEGEL

„’Oslo, 31. August’ balanciert hoch verdichtet und stilistisch klar zwischen Sprachlosigkeit und Sprache, Menschenporträt und Stadtlandschaft. Es ist ein stiller Film ohne Empörung, ohne Weinerlichkeit. Ein freundlicher Film ohne Hoffnung, ein heller Film über die Verzweiflung."
BERLINER ZEITUNG

FILMKRITIK:

In Fragmenten eröffnet „Oslo, 31. August“ mit subjektiven Kommentaren der Einwohner einen persönlichen Blick auf die norwegische Hauptstadt, deren Veränderungen über die Zeit und was es bedeutet, in ihr gelebt zu haben; kulminierend im Bild einer Hochhaussprengung. Der Zusammenbruch des Gebäudes markiert den semantischen Übergang zum implodierenden Lebensentwurf von Anders (Anders Danielsen Lie), der gerade dabei ist, wieder in die Metropole zurückzukehren und, nach der langen Behandlung seiner Heroinabhängigkeit in einer Klinik auf dem Land, ein Vorstellungsgespräch wahrzunehmen.

Doch schon zu Beginn, nach einer distanzierten Liebesnacht und einem dilettantischen Suizidversuch, wird klar, dass Anders Rückkehr ins Leben zum Scheitern verurteilt sein wird. Zurück in Oslo macht der 34jährige sich auf die Suche nach den Überresten seiner früheren Existenz und sucht alte Freunde auf, deren Dasein in Anders Abwesenheit nicht stehen geblieben ist: Thomas (Hans Olav Brenner), früher ein Lebemann und Schwerenöter, hat sich recht gut in der wohltemperierten Bürgerlichkeit mit Frau und Kind eingerichtet – die Zeiten der Exzesse sind vorbei und einer Routine gewichen, die zwar nichts mehr mit Euphorie zu tun hat, dafür aber, so Thomas, mit Erwachsensein. In langen Gesprächen diskutieren sie diesen Standpunkt, den Anders für sich nicht akzeptieren kann und an den er keine Anschlussmöglichkeiten findet. Der Kompromiss scheint ihm faul, wie ein Einknicken oder eine Kapitulation, auch wenn er selbst keine Utopie dagegen setzen kann.

Anfänglich bemüht er sich noch, um eine Wiedereingliederung in die Gesellschaft, doch schon im Vorstellungsgespräch, das einige pointierte Seitenhiebe auf die Medienwissenschaft bietet, wird offenbar, dass der „lückenlose Lebenslauf“ eine implizite Forderung der Leistungsgesellschaft darstellt, und was soll Anders über die verlorenen Jahre sagen? Wie erklärt man sein Aussetzen des Funktionierens, vor allem wenn doch scheinbar alle Möglichkeiten zum erfolgreichen Selbstentwurf gegeben sind? Anders ist wie seine Freunde und der von Joachim Trier gewählte Generationenausschnitt abgesichert und gutbürgerlich – dennoch sind ihre Ängste und Krisen symptomatisch und existenziell.

Insofern macht es vollkommen Sinn, den 1931 verfassten Roman einer Aktualisierung zuzuführen, auch wenn gerade nicht ein großer Krieg oder eine große Katastrophe die jungen Menschen in Triers Hommage heimsucht, sondern der Druck eines unbedingten Glücks, einer maximalen Ausschöpfung des eigenen Potentials.

Anders irrlichtert fortan durch die Stadt und seine letzte Reise erleben wir in poetischen, soghaften Bildern, die zwar eine schwere Depression zeigen, aber dennoch ein starkes Gefühl von Teilnahme und Empathie entstehen lassen. Seine Entrückung wiederum, von der Teilhabe am Alltäglichen, verläuft sanft und leise, bis schließlich nur noch die leeren Orte zurückbleiben, als stumme Zeugen einer verloschenen Existenz.

„Oslo, 31. August“ unterstreicht erneut das enorme Talent des Filmemachers Joachim Trier, von dem man auch in Zukunft noch viel hören wird und entwirft einen sensibles, aber nie sentimentales Porträt einer zeitgenössischen Krise. 

Silvia Bahl