Outside The Box

Mit dem rigorosen Gefängnisdrama "Picco" hat Philip Koch ein bemerkenswert mutiges Debüt geliefert. Nach diesem Coup folgt nun der zweite Streich des Regie-Talents: Vier Unternehmensberater sollen in der Wildnis ihre Teamqualitäten unter Beweis stellen. Aus dem gruppendynamischen Überlebenstraining wird bald blutiger Ernst: Eine als Rollenspiel geplante Entführung verläuft etwas anders als geplant. Die fröhlich fiese Farce über Leistungsdruck, Konkurrenzwahn, Raffgier und Hackordnungen überzeugt durch originelle Einfälle, ein hübsches, visuelles Konzept sowie ein starkes Ensemble – die "Zeit der Kannibalen" lässt grüßen.

Webseite: www.wildbunch-germany.de

D 2015
Regie: Philip Koch
Darsteller: Volker Bruch, Stefan Konarske, Lavinia Wilson, Hanns Zischler, Frederick Lau, Samuel Finzi, Kida Khodr Ramadan, Stefano Cassetti, Georgina Sinicorni  
Filmlänge: 84 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: Januar 2016

FILMKRITIK:

Das erste Opfer ist eine Kröte. In Großaufnahme plattgefahren auf einer Straße – der Spezialeffekt sieht derart überzeugend aus, dass der Abspann eigens darauf hinweist, dass keine Tiere zu Schaden kamen! Die Menschen-Opfer sitzen derweil im komfortablen Luxusbus. Noch ahnen die vier Unternehmensberater nicht, was es mit dem neuartigen Team-Event in Südtirol auf sich haben wird. Großspurig plappern Frederick, Michael, Marco und Yvonne die üblichen Business-Phrasen in die Handys und hoffen auf Aufstiegschancen nach diesem Ausflug. Wie als höhnischer Kommentar tönt als Soundtrack dazu der Revolutionsklassiker "Bella Ciao". Mitten im Wald wird das Quartett ausgesetzt. Ein Drill-Sergeant in Uniform nimmt, nach ruppiger Begrüßung, den Managern ihre Handys ab und steckt sie in Overalls, die mit Mini-Kameras bestückt sind. Übertragen werden die Bilder in eine Zentrale, wo ein Psychologe das Verhalten auswertet. Weil das Consultant-Unternehmen auf Image-Gewinn durch die neuen, knallharten Auswahlmethoden hofft, sind auch Medienvertreten zu der Veranstaltung geladen. Sie verfolgen die etwas andere "Big Brother"-Show im Nebenraum, bestens versorgt mit einer überdimensionierten Hightech-Kaffeemaschine.
 
Unruhe bei den Teilnehmern und Beobachtern kommt auf, als plötzlich ein maskiertes Pärchen mit Gewehren auftaucht, die Kandidaten kidnappt und Lösegeld verlangt. Ursprünglich gehörte die Entführungsaktion zum Rollenspiel-Programm, unter verschärftem Stress sollten die Bewerber ihre Führungsqualitäten beweisen. Die beiden als Kidnapper engagierten Schauspieler entwickeln allerdings plötzlich ganz eigene Pläne. Spielst du noch oder schießt du schon? Während die verdutzten Manager noch schwanken zwischen Kichern und Panik, starrt der Psychologe am Regiepult entsetzt auf die Übertragungsbilder. Falls seine penibel geplante Aktion aus dem Ruder läuft, hilft nur noch ein kühner Plan B. Blöd nur, dass die Medien anwesend sind und der leicht cholerische Patriarch des Unternehmens von alledem nichts mitbekommen darf.    
 
Mit dem grotesken Habgier-Lehrstück "Zeit der Kannibalen" wurde der Ball erfolgreich ins Spiel gebracht, nun kickt ihn Philip Koch gekonnt weiter. Bei ihm ist für die gnadenlosen Karrieristen schnell Schluss mit dem lustigen Luxusquartier, ausgesetzt in der Wildnis und mit Kameras überwacht, müssen die Business-Haie auf ihrem Aufsteiger-Ausflug jeden Ego-Trip als Teamwork tarnen, um die Konkurrenz wegzubeißen. Als die Gruppe ernsthaft in Bedrängnis gerät, fallen die Masken freilich sehr schnell: Die Heuchler zeigen, outside the box, ihr wahres Gesicht, derweil ein chronischer Versager immerhin zum kleinen Helden mutiert. Als clevere Idee erweist sich dabei, die Dramaturgie durch ein tollpatschiges Entführer-Duo aufzulockern. Ob diese als Kidnapper angeheuerten Schauspieler tatsächlich mit scharfen Waffen schießen würden? So hysterisch und finanzklamm, wie sie sind, scheint alles möglich. Für alle Beteiligen, inklusive Publikum, eine ziemlich unvorhersehbare Situation mit reichlich Spannungspotenzial.
 
Angeregt wurde diese Groteske durch eine wahre Geschichte, bei der ein sehr bekanntes Unternehmen tatsächlich seine Mitarbeiter beim Team-Training entführen lassen wollte. So realistisch also die Vorlage, so echt klingen die Phrasen, mit denen die Manager unaufhörlich ihr Angeber-Stroh dreschen. Solche Leute reden wirklich ständig solches Zeug – in dieser Komprimiertheit sehr zur Gaudi im Kinosaal. Nicht minder komisch fällt die, gleichfalls an die Assessment-Wirklichkeit angelehnte Inszenierung der vorgeführten Rollenspiele aus. Für die eitle Personalabteilung der Weisheit letzter Schluss, für die meisten Zuschauer eher der letzte Stuss. Und was die Entwürdigung anlangt, durchaus übertragbar auf Bewerbungssituationen auch auf viel niedrigerer Ebene.
 
Visuell holt Jungfilmer Koch einiges heraus aus seiner Tiroler Wald-Kulisse. Die starken Bilder korrespondieren mit einem überzeugenden Ensemble. Hanns Zischler gibt sichtlich vergnügt den Patriarchen, der sanft zu verführerischen Frauen und sehr hart zu kleinen Hunden sein darf. Samuel Finzi und Freddie "Victoria" Lau beweisen bei ihren langen Szenen am Regiepult, dass man auch erfolgreich gegen eine Wand spielen kann. Derweil Lavinia Wilson als verruchtes Luder genüsslich dem Affen Zucker geben darf.
 
Für "Picco"-Macher Philip Koch ist der Titel durchaus programmatisch: Ein Regisseur jenseits der üblichen Schubladen. Auf sein nächstes Werk, das die Nazi-Diktatur aus Sicht von Kinderaugen betrachtet, darf man gespannt sein.
 
Dieter Oßwald