Palermo Shooting

Wenders ist wieder da. Zum einen, angekommen in seiner Heimat – nach 12 Jahren drehte er erstmals wieder in Deutschland, um von seiner Geburtsstadt Düsseldorf aus Palermo zu erkunden. Zum andern hat Wenders zu sich selbst gefunden, liefert einen sehr persönlichen Autorenfilm mit unverkennbarer Handschrift: Visuell erfrischend, weil ohne „Vor-Bilder“. Inhaltlich nachhaltig, weil er sich Fragen widmet, die zu den elementaren des Lebens gehören: Was ist wirklich? Was ist noch wahr? Es geht um Träume. Die Zeit. Den Tod. Natürlich auch um Liebe. Campino von den „Toten Hosen“ spielt den erfolgreichen Fotografen Finn, der in eine Sinnkrise stürzt. Ex-„Easy Rider“ Dennis Hopper gibt den Gevatter Tod, der den Helden zu neuer Lust am Leben verführt: Starke Bilder, schöne Schauplätze und viel Musik vom Feinsten!
Für den Kinoeinastz hat Wenders die Version von Cannes um 20 Minuten gekürzt, die inneren Monologe des Helden gestrichen.

Webseite: www.senator.de

D 2008
Regie; Drehbuch, Produktion: Wim Wenders
Koautor: Norman Ohler
Kamera: Franz Lustig
Schnitt: Peter Przygodda, Oli Weiss
Darsteller: Campino, Giovanna Mezzogiorno, Dennis Hopper, Inge Busch, Jana Pallaske, Axel Sichrovsky, Udo Samel, Lou Reed
Länge: 108 Minuten
Bildformat: 1: 1,85
Verleih: Senator Film Verleih
Start: 20.November 2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Im Zentrum der Geschichte steht Finn (Campino), ein Düsseldorfer Star-Fotograf, der in allen Hochglanz-Magazinen der Welt erscheint und um den sich die Galerien reißen. Der Preis für seinen Erfolg ist ein rastloses Leben an der Oberfläche. Seine Droge ist die dauernde Musik auf dem Knopfhörer. Als er in letzter Sekunde mit seinem schicken Cabrio einem Geisterfahrer ausweichen kann, bekommt Finns schöne Fassade ganz plötzlich ganz gravierende Risse. Den Tod vor Augen will er sein Leben neu ordnen und reist dazu nach Palermo. 

Wie einem Engel begegnet Finn zufällig der schönen Flavia (Giovanna Mezzogiorno), einer geheimnisvollen Restauratorin, die ein imposantes Todes-Fresko restauriert und die dem Lebensmüden mit Leichtigkeit zu neuer Liebesenergie verhilft. Dann wäre da noch ein mysteriöser Schütze, der den Helden ständig verfolgt und ihn mit Pfeilen nach dem Leben trachtet. Es ist der Tod persönlich, dem Ex-„Easy Rider“ Dennis Hopper in einem formal furiosen Finale mit einer imposanten Vorstellung geradezu zärtliches Leben einhaucht. „Ohne mich würdet ihr Sterblichen das Leben doch gar nicht wertschätzen“ sagt er da, oder: „Der Tod ist ein Pfeil aus der Zukunft, der auf dich zugeflogen kommt.“ So manche sarkastische Edelfeder in Cannes verspottete Dialoge wie diese als prätentiös und manieriert – als wären ganz ähnliche Texte nicht auch in den besten Songs zu hören. 

Musik spielt in Wenders Welt schon immer eine große Rolle, diesmal wird sie zum elementaren Bestandteil des erzählerischen Konzepts. Neben den Dialogen, die wie Songtexte klingen, hört Finn fast ständig über seine Knopfhörer Musik. Das Spektrum reicht von Nick Cave und Portishead über Calexico und Thom bis zu Lou Reed, der sich die Ehre mit einem kleinen Gesangsauftritt gibt. Der Filmscore wurde von Irmin Schmidt, dem Kopf der legendären CAN geschrieben, die einst schon bei „Alice in den Städten“ einen Song beisteuerte. 

Dass mit Rockstar Campino ein Amateur die Hauptrolle spielt, gehört gleichfalls zum Konzept. „Die ‚Toten Hosen’ haben ein paar Songs gemacht, die mich weggerissen haben“, sagt Wenders. „Wenn im Westfalenstadion zwanzigtausend Leute den Song ‚Wofür man lebt’ mitsingen, wird man fast eifersüchtig. Warum kann man nicht im Kino einen Film machen darüber, ‚wofür man lebt’.“ Anders als bei seiner läppischen Leistung in „Langer Samstag“, gelingt Campino seine Sache diesmal durchaus überzeugend. Klar, dass er trotz „Dreigroschenoper“-Erfahrung mit Brandauer längst kein Profi ist. Aber gerade diese Zögerlichkeit, mit der er auftritt, passt bestens zu seiner Figur des Finn, der ja gleichfalls immer unsicherer durch das Leben stolpert. 

Mit diabolischer Zerbrechlichkeit gibt Dennis Hopper den Tod, Haare und Augenbrauen abrasiert, ein Schädel wie ein Totenkopf. „Ich bin es leid, immer den Bösen zu spielen“, sagt er selbstironisch. Seine überragende Leistung würdigen selbst die eingefleischten Wenders-Hasser, ebenso wie die visuelle Qualität. Zum dritten Mal ist Franz Lustig das Auge von Wenders. Und wiederum gelingen ihm, ob mit 35mm in Düsseldorf oder der S-16 Handkamera in Palermo, Bilder der grandiosen Art. Wie schon in Cannes wird Wenders wieder die Feuilletons spalten – aber polarisieren ist ja nicht das Schlechteste fürs Kino Und wie sagt Udo Samel als Schäfer im Film einmal so schön: „Man muss einfach alles ernst nehmen, bloß sich selber nicht.“

Dieter Oßwald

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Finn ist ein Düsseldorfer Fotograf, der „in“ ist. Er ist erfolgreich, berühmt, arbeitet in einem feudalen Atelier, hat eine gute Mannschaft zur Verfügung, bekommt von überall her Aufträge, schafft vor allem mit digitaler Hilfe bemerkenswerte Bilder, zum Beispiel Stadtpanoramen. Doch er ist auch gestresst, gehetzt, ruhelos. Ständig klingelt das Handy, immer will einer etwas. Mit seiner Freundin ist es aus. 

Auf einer nächtlichen Heimfahrt kommt er durch einen Geisterfahrer beinahe ums Leben. Die erste Begegnung mit dem Tod. Sein Bewusstsein diesem, aber auch dem Leben gegenüber wird schärfer. Auf dem Rhein sieht er ein Schiff mit dem Namen Palermo. Eines seiner Lieblingsmodels, die schwangere Milla Jovovich, bittet um ein Shooting. Dazu begibt Finn sich nach Palermo.

Er durchstreift die Altstadt, macht die Aufnahmen mit seinem Model, fotografiert laufend schöne Motive. Er träumt, nimmt sich zum ersten Mal Zeit und gewinnt ein neues Verhältnis zu dieser, hört ununterbrochen Musik, träumt wieder. Er begegnet der Restauratorin Flavia, die er lieben wird. Dann stößt er auf das gewaltige, ihn auf vieldeutige Weise faszinierende Bild „Der Triumph des Todes“ aus dem 15. Jahrhundert – und hat schließlich eine weitere Begegnung mit dem Tod, mit dem ein vielsagendes Gespräch zustande kommt.

Filme können mehr als nur ihre Plots zu transportieren – sich auf ein Lebensgefühl, auf Rätsel, auf Geheimnisse oder Fragestellungen einlassen, sagt Wim Wenders. Und dieser Maxime ist er in „Palermo Shooting“ gefolgt. Es kommt hier weniger auf die Handlung und eine fortlaufende Geschichte an als auf die Auseinandersetzung mit vielen Gedanken, mit den Texten der den Film begleitenden Songs, mit den Bildern der verfallenden Altstadt von Palermo, mit den beiden zentralen existentiellen Themen, nämlich der Liebe und dem Tod. Dabei verlautet Bedenkenswertes. Das Schlussgespräch mit dem Tod ist ein Glanzpunkt.

Erstaunlich, mit welcher (durchgehenden) Präsenz der Musiker Campino (Tote Hosen) die Rolle des Finn meistert. Alle Achtung. Und Dennis Hopper als Tod ist inhaltlich wie darstellerisch ein Volltreffer. Diskret und zurückhaltend, aber gut gegenwärtig Giovanna Mezzogiorno als Flavia.

Ein vielsagender und in manchem durchaus meisterhafter Film. 

Thomas Engel