Palmyra

Digitale Produktionsweisen machen es möglich, mit einfachsten Mitteln einen Film zu produzieren, der sich im Kino als großer Erfolg erweisen kann, zumal wenn er ein aktuelles Thema adressiert: „Palmyra“ von Hans Puttnies entwickelt entlang eigener Reiseaufnahmen, die vor der Zerstörung der Antiken Stadt durch den IS entstanden sind, einen filmischen Essay, der zum Nachdenken über das europäische Verhältnis zum Orient anregt und die vielfältigen historischen Fäden aufrollt, die sich um jene Schnittstelle der Kulturen im Nahen Osten gelegt haben.

Webseite: www.kairosfilm.de

Deutschland 2017
Regie: Hans Puttnies
Länge: 90 Min.
Verleih: Kairos Filmverleih
Kinostart: 6. September 2018

FILMKRITIK:

Die syrische Stadt Palmyra geriet vor einigen Jahren in die Schlagzeilen, als der IS in einem medienwirksamen Akt ihre antiken Bauten sprengte und damit einen Teil des UNESCO-Weltkulturerbes unwiederbringlich zerstörte. Viel Empörung richtete sich gegen eine solche in der westlichen Öffentlichkeit barbarisch genannte Tat, die jedoch von den Islamisten als gezielte Provokation verübt wurde. Der Medienkulturwissenschaftler Hans Puttnies nimmt die Aufnahmen seiner eigenen Reise nach Palmyra vor zehn Jahren zum Ausgangspunkt, um über die Politik der Bilder nachzudenken, die sich seit Jahrhunderten um die Ruinen entwickelt hat.
 
Dabei hinterfragt er nicht nur die vermeintliche Objektivität der Geschichtswissenschaft, sondern auch unsere kulturellen Vorstellungen des Orients, die seit jeher von kolonialistischen Fantasien und Fehlannahmen geleitet werden.
 
Palmyra bediente schon lange vor ihrer endgültigen Zerstörung den Mythos der untergegangenen Stadt und weckte, ähnlich wie die Suche nach dem legendären Atlantis, Forscherdrang und Projektionen der Archäologen und Entdecker.
 
Als Teil des römischen Reiches und Hauptstadt einer Grenzprovinz wurde sie als Handelsweg für Orientgüter wohlhabend. Sie beherbergte Tempeleinrichtungen von einzigartiger kultureller Vielfalt, über deren Zweck wenig gesichertes Wissen verfügbar ist, da kaum Textzeugnisse vorhanden sind – vielleicht auch, weil die Mehrdeutigkeit der visuellen Kultur der Heterogenität der Praktiken und Glaubensvorstellungen eher entgegenkam.
 
Puttnies zeigt in seinen Kommentaren zu den Aufnahmen der weitläufigen Anlage inmitten der Wüste seine eigene archäologische Faszination, bricht diese jedoch stets kritisch mit einem Verweis auf die Jetztzeit. Denn die Antike bildet nur den geringsten Teil der Historie, noch dazu einen europäisch geprägten.
 
Was etwa ist mit der einheimischen Bevölkerung, die durch den Krieg jetzt größtenteils zur Flucht gezwungen wurde? Nach dem ersten Weltkrieg fiel Syrien unter ein französisches Protektorat, das die über Jahrhunderte gewachsene arabische Bevölkerung um die Tempelbauten kurzerhand zwangsumsiedelte, um Ausgrabungen für den Louvre zu ermöglichen. Noch heute leben die Menschen in dieser nahe gelegenen Siedlung namens Tadmor und es stellte sich heraus, dass das Assad-Regime ausgerechnet hier das größte Foltergefängnis des Landes untergebracht hatte, in dem schätzungsweise 20.000 Menschen zu Tode kamen.
 
Die Aktionen des IS, der jene Anlage mit allen Archiven genauso in die Luft sprengte wie die nahe gelegene antike Stadt wird so als trauriger Beweis einer sich fortschreibenden Spirale der Gewalt begreifbar.
 
Puttnies kontextualisiert die verschiedenen Zeitschichten, die jeweils ihre eigenen aufgeladenen Bilder produziert haben, und macht mit einfachen filmischen Mitteln deutlich, wie ein so fantasmatischer Ort in unseren kulturellen Vorstellungen entsteht und durch die Wissenschaften beglaubigt wird. Dabei verlässt er sich auf die indexikalische Kraft von Fotografie und Film, die sich den Sehnsuchtsbildern der eurozentristischen Kunstgeschichte in aufklärerischer Weise entgegenstellen.
 
Vielleicht wäre es für das Projekt, das letztlich nur mit drei Personen entstand, förderlich gewesen, die Produktion etwas größer aufzustellen, um vom amateurhaften Reportage-Charakter zu einer ausgefeilteren Ästhetik zu finden. Dem informativen Charakter des Films tut dies jedoch keinen Abbruch und Puttnies assembliert sein vielfältiges Material in sieben Kapiteln durch seinen hellsichtigen Kommentar, dessen kulturwissenschaftliche Perspektive heute mehr denn je in aktuellen Debatten gebraucht wird.
 
Silvia Bahl