Papillon

Die 1973-er Romanverfilmung „Papillon“ gilt als ein essenzieller Klassiker unter den Gefängnisfilmen. Im Remake bzw. der Neuadaption des dänischen Regisseurs Michael Noer („Der Nordwesten“) treten statt Steve McQueen und Dustin Hoffman nun Charlie Hunnam („Crimson Peak“) und Rami Malek („Mr. Robot“) als Henri „Papillon“ Charrière und Louis Dega auf. Herausgekommen ist ein fein gespieltes, erzählerisch etwas uneinheitliches, sehr atmosphärisches Drama, das insbesondere von der Ausgestaltung der Strafkolonie in Französisch-Guayana lebt.

Webseite: constantin-film.de/en/kino/papillon

Serbien, Montenegro, Malta, USA 2017
Regie: Michael Noer
Drehbuch: Aaron Guzikowski nach dem Roman von Henri Charrière
Darsteller: Charlie Hunnam, Rami Malek, Tommy Flanagan, Eve Hewson, Michael Socha, Roland Møller, Brian Vernel, Nina Senicar
Laufzeit: 133 Min.
Verleih: Constantin Film
Kinostart: 26. Juli 2018
 

FILMKRITIK:

Michael Noers Neufassung folgt der Struktur des Originalskripts von Lorenzo Semple Jr. und Dalton Trumbo, das wiederum auf dem (mehr oder minder) autobiographischen Roman „Papillon“ von Henri Charrière basiert. Das vom „Prisoners“-Autor Aaron Guzikowski geschriebene Remake fällt sehr vorlagengetreu aus, weshalb manche Kinogänger*innen sicher wieder unken, es handele sich um eine „unnötige“ Wiederverfilmung. Ein fast kunstfeindlicher Vorwurf, der bei „Papillon“ noch weniger fruchtet als sonst. Wieso soll – nach über 45 Jahren – kein zeitgemäßes Update eines bis heute interessanten Stoffs her? Zumal Noers Fassung ganz eigene Qualitäten entwickelt.

Der Plot nimmt die von blindem Vertrauen geprägte Freundschaft zwischen Henri und Louis in den Blick, ihre Fluchtversuche und (vor allem Henris) Sehnsucht nach Freiheit sowie den Verrat durch Dritte.

Im Frankreich der 1930er Jahre wird der Dieb Henri „Papillon“ Charrière unschuldig wegen Totschlags zu lebenslanger Haft verurteilt. Auf der Überfahrt in die Strafkolonie St. Laurent in Französisch-Guayana geht er einen Deal mit dem Fälscher Louis Dega ein: Der Anpacker Henri hält dem hageren Brillenträger die Mitinsassen vom Leib, dafür unterstützt der stets zahlungskräftige Louis den Helfer bei seinen Ausbruchsvorhaben.

Im Verlauf der mehrjährigen Haftzeit schuften Henri und Louis beim Arbeitsdienst und müssen die Schikanen des Gefängnisleiters Barrot (Yorick van Wageningen) aushalten. Eine felsenfeste Freundschaft gedeiht, was Michael Noer anhand einiger Schlüsselmomente und smarter inszenatorischer Kniffe erzählt. Anfangs tauchen die unterschiedlichen Männer immer im gleichen Bild auf, fast symbiotisch als Vervollständigung des jeweils Anderen, später verstehen sie sich ohne alle Worte.

Dramaturgisch läuft die kompetent inszenierte Neufassung weniger rund als das Original. Manche Passagen erhalten unverhältnismäßig viel Zeit, andere erscheinen hastig ausgeführt. So wird Henris Leid in der Isolationshaft besonders lang ausgeführt, wohingegen ein anschließender Fluchtversuch in aller Schnelle abläuft. Auch die Zeichnung des sadistischen Oberwärters Barrot, der nach Art eines „Fitzcarraldo“ im weißen Sommeranzug im Busch residiert, wirkt abgehackt.

Der dritte Protagonist ist das von Meer und Dschungel umgebene Straflager selbst. Die erdige Location lebt von ihrer Patina, die Michael Noer unaufdringlich-effektiv in Szene setzt. Die von Hagen Bogdanski („Das Leben der Anderen“) geführte Kamera rückt nah ans Geschehen ran, Musik kommt maßvoll zum Einsatz. Im spartanischen Schlafraum hängen Fledermäuse an der Decke, die Sonne knallt den Sträflingen auf die ausgefransten Strohhüte, nach Regenfällen waten die Männer im Matsch. Harte Zwangsarbeit und Gewalt dominieren ihren Alltag, die Hackordnung wird ständig neu ausgefochten. Und wenn einer zu sehr aus der Reihe tanzt, wird er vor versammelter Mannschaft enthauptet.

Am Ende wiegt die stimmige atmosphärische Umsetzung die narrativen Ungereimtheiten auf – und die Neuauflage mündet in eine emotionale Schlussszene, die dem Original in nichts nachsteht: „Papillon!!!“

Christian Horn