Paranoid Park

„Nobody is ever really ready for Paranoid Park” heisst es über die Skater-Anlage in Portland, in der die ganz harten Jungs und Mädchen abhängen. Dennoch zieht es Alex wie magisch an den verrufenen Ort – bis er auf einem nächtlichen Ausflug dorthin zum Verursacher eines tödlichen Unfalls wird. In hypnotisch schönen Bilder von Christopher Doyle erzählt Gus Van Sant ein weiteres mal von der Leere, der Verzweiflung und dem Zauber amerikanischer Teenager.

Webseite: www.peripherfilm.de

Frankreich/USA 2007
Regie: Gus Van Sant
Buch: Gus Van Sant nach einem Roman von Blake Nelson
Kamera: Christopher Doyle, Kathi Li
Darsteller: Gabe Nevins, Daniel Liu, Taylor Momsen, Jake Miller, Lauren McKinney
Länge: 85 min.
Verleih: Peripher
Kinostart: 15.5.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Das Bild, das einem von PARANOID PARK im Gedächtnis bleibt, erinnert an die endlosen Schulflure aus ELEPHANT. Mehrfach zeigt der Film eine Betonröhre von 3-4 m Durchmesser, in der Teenager selbstvergessen die Wände hoch skaten. Eine Art Tunnel, an dessen Ende blendend weißes Licht hereinscheint. Doch das Licht ist außer Reichweite, denn die Öffnung ist mit einem Gitter versehen. Die Bewegung der Skater ist keine Bewegung in eine Richtung, sondern ein jugendlich-autistisches Um-sich-selbst-Kreisen.

 

Das entspricht ungefähr dem Zustand in dem sich der 16-jährige Alex befindet. Man vertrödelt die Tage, trifft sich zum Skaten und in der Shopping Mall, daheim trennen sich gerade die Eltern und die Freundin Jennifer will endlich Sex d.h. eine feste Beziehung. Normales Teenager-Kuddelmuddel, das allerdings zur Bedeutungslosigkeit verblasst, wenn Alex an jene Nacht denkt, in der er einen Ausflug zu der berühmt-berüchtigten Skateranlage Paranoid Park unternommen hat, in der die elternlosen Kids, die Drifter und Outlaws von Portland, Oregon skaten. Dort „surft“ er das erste Mal Frachtzüge, und als er versucht, einem Security Guard zu entkommen, verursacht er einen tödlichen Unfall. Alex beschließt, den Unfall zu verheimlichen, aber seine Gedanken kreisen ständig um das Ereignis.

Der Film übernimmt die Bewegungen von Alex Gedanken, springt chronologisch vor und zurück, erzählt Nebensächliches zuerst, lässt Personen unvermittelt auf- und wieder abtauchen, geht die kriminalistischen Details des Vorher und Nachher genau durch und nähert sich nur langsam dem traumatischen Kern. Handlung als das, was passiert, wird zerstückelt und ersetzt durch den viel langsameren und mühsameren Prozess von Erinnern, Verdrängen und Verarbeiten. Von den Sprüngen und Spiralbewegungen von Alex Erinnerung geht eine hypnotische Wirkung aus, die durch eine schwerelos gleitende Kamera noch verstärkt wird. Neben 35 mm setzen Wong Kar-Wais Hauskameramann Christopher Doyles und Kathi Li dabei die grobkörnige Rückblendensästhetik von Super 8 ein.  Ein sagenhaft anspruchsvoll ausgetüftelter Soundtrack, der Musik von Nino Rota, Beethoven und Elliott Smith mit Alltagsgeräuschen verbindet, unterlegt die faszinierend schönen Bilder mit einem fast durchgehenden Klangteppich.

PARANOID PARK ist tatsächlich so ‚schön’, dass er dem jugendlich-autistischen Um-sich-selbst-Kreisen, das er beschreibt, gefährlich nahe kommt. Aber immer wieder verweist der Film auch über die eigene Ästhetik hinaus. Zum einen ist da eine spürbare Nähe zu den Protagonisten. Van Sant versteht und kennt die Teenager seiner Heimatstadt und ihre Welt der Malls und Dates. Einzelne Szenen, wie die in der Alex’ kleiner Bruder in einem unglaublich langweiligen Monolog seine Lieblingsszene aus NAPOLEON DYNAMITE rezitiert, werden so zu Miniaturen in denen vom Pickel bis zum Tonfall alles stimmt. Zum anderen knüpft Van Sant mit PARANOID PARK, mit einem Kopfnicken in Richtung internationales Arthouse Kino, an klassische amerikanische Außenseitererzählungen an.

Hendrike Bake

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Alex und Jared sind Skater. Sie besuchen noch die High School, in der freien Zeit widmen sie sich ihrem Hobby. Die Ehe von Alex’ Eltern ist nicht mehr in Ordnung, daher findet sich der Junge äußerlich wie innerlich oft auf sich allein gestellt.

Der Paranoid Park, eigentlich Eastside Park, ist eine Sportanlage, die sich die Skater selbst gebaut haben. Der Nachteil: Es treibt sich allerhand Gesindel herum. Deshalb zögern Jared und Alex zunächst, dort mitzumachen. Schließlich tun sie es doch. Halb aus Langeweile springen sie auf einen Güterzug auf. Da taucht ein Security-Beamter auf, will die beiden verjagen. Alex versetzt dem Mann mit dem Skateboard einen Schlag. Der Getroffene fällt auf die Schiene. Ein Zug naht. Erfaßt ihn. Der Mann wird sterben.

Alex ist nun mit dieser tragischen Schuld allein. Es gibt in der Schule zwar Ermittlungen, doch sie führen zu nichts. Alex irrt umher, sucht die Einsamkeit, gibt seiner hübschen Jennifer, die das nicht begreifen kann, den Laufpaß, weiß nicht, wohin dies alles führen wird.

Gottlob gibt ihm seine Schulkameradin Macy den Rat, alles aus sich herauszuschreiben. Alex tut dies. Es kann ihm momentane Erleichterung verschaffen. Aber sein Dilemma zwischen normalem Leben und Schuldbewusstsein, zwischen Erwachsenwerden und verzweifelter Suche ist damit noch lange nicht aus der Welt.

Gus Van Sant ist Schriftsteller, Maler, Filmemacher. Er drehte große Produktionen, die etwa in Cannes Preise erhielten. Dann wieder wendet er sich von Zeit zu Zeit dem Indie-Film zu, es entstehen kleine Filme, die sich durch psychologische Sonderheiten oder Feinheiten auszeichnen. Ein solcher Streifen ist Paranoid Park. Formal einfach, mit 8mm-Skateboard-
Aufnahmen durchmischt, liegt der Schwerpunkt ausgiebig auf Alex’ Verhalten in diesem schwierig-unglücklichen Lebensabschnitt. 

Das ist mit viel Realitätsgefühl und psychologischer Empfindsamkeit gemacht. Dass dies gelang, daran hat der junge Schauspieler Gabe Nevins, der die Hauptfigur verkörpert, großen Anteil.

Gekonnte Veranschaulichung des Seelenzustandes und des Verhaltens eines jungen Schülers in einer unglücklich-tragischen Lebensphase.

Thomas Engel