Parchim International

Ein internationales Luftkreuz mitten in der mecklenburgischen Einöde? – das klingt merkwürdig, aber auch ziemlich interessant. Und richtig: Die beiden Filmemacher Stefan Eberlein und Manuel Fenn haben den chinesischen Investor Jonathan Pang sieben Jahre lang begleitet und erzählen die Geschichte eines skurrilen Projektes und seines Schöpfers als tragikomische Farce über Kapitalismus und Globalisierung.
Auch wenn der Film thematisch wohl nur ein spezielles Publikum anspricht, ist er doch so liebenswert, humorvoll und spannend, dass sich das Anschauen lohnt.

Webseite: www.parchim-international.com

Deutschland 2015 – Dokumentarfilm
Regie: Stefan Eberlein, Manuel Fenn
Drehbuch: Stefan Eberlein
Kamera: Manuel Fenn
Länge: 90 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 19. Mai 2016
 

FILMKRITIK:

Mecklenburg-Vorpommern hat die größte deutsche Insel, eine prachtvolle Seenlandschaft  und die meisten Sonnenstunden im Lande. Seit einigen Jahren gibt es eine weitere Attraktion: das zukünftig wichtigste Frachtluftkreuz zwischen Europa und Asien, aber vielleicht wird auch ein Passagierflughafen daraus oder eine Spielbank. Oder so. Jedenfalls was ganz Großes, zumindest wenn es nach Jonathan Pang geht. Denn dieser Mann aus dem fernen China hat den heruntergekommenen Flughafen gekauft und will Parchim zum Zentrum seines weltumspannenden Imperiums machen. Mit Arbeitsplätzen für Tausende, vielleicht sogar für Millionen von Menschen. Dafür reist Jonathan Pang seit 2007 rund um die Welt, hält flammende Reden bei Präsentationen seines Großprojekts und lädt ab und an andere Investoren nach Parchim ein, wo er versucht, Interesse für seine Ideen zu wecken. Für den bisher eher spärlichen Erfolg mitverantwortlich ist vermutlich auch der triste Anblick des künftigen Machtzentrums. Denn Parchim war und ist ein verschlafenes Nest, und genauso verpennt ist der Flughafen, wo Häschen über die selten benutzten Start- und Landebahnen hoppeln und wo die Signallampe auf dem ollen Tower quietscht. Eine Wellblechidylle, die nur selten von Fluglärm gestört wird.
 
Zu Beginn liegt der Verdacht nahe, dass dieser Großinvestor Pang eine Art Schlangenölverkäufer ist, also – freundlich gesagt – ein Gauner von der netteren Sorte. Jonathan Pang entwickelt zudem erschütternd oft neue Ideen, mit denen er seinen Flughafen zu einer Art eierlegender Wollmilchsau entwickeln will. Die wenigen Mitarbeiter sind eher wortkarg, wenn sie sich zu ihrem Arbeitgeber äußern, sie haben das Warten gelernt und wissen nie, wann er wieder einmal auftauchen wird, aber sie werden durchaus auch in Entscheidungsprozesse mit eingebunden. Eine entscheidende Rolle für Parchim und den Film spielt Pangs deutscher Geschäftsführer Werner Knan, der anfangs ebenfalls beinahe einen zwielichtigen Eindruck hinterlässt, aber im Verlauf zum zweiten Helden der Geschichte wird.
 
Denn was Stefan Eberlein und Manuel Fenn hier gelingt, ist ebenso unerwartet wie spannend: Was anfänglich wie eine Provinzposse aussieht, in der ein drolliges Menschlein seine Idee vom weltumspannenden Kapitalismus entwickelt und damit eine ganze Kleinstadt auf Trab bringen will, wird zu einer dichten Story, die immer tragikomischer von einem Vollblutgeschäftsmann inmitten des Globalitätswahns erzählt, der deutlich idealistischer ist als sein Umfeld und sich von Rückschlägen wenig beeindrucken lässt. Das ist dann immer noch grotesk, aber merkwürdigerweise wird dieser Jonathan Pang immer sympathischer, und dasselbe gilt für seine Gefolgsleute. Doch bei aller Freude über die herrlichen, manchmal beglückend komischen Bilder vom Flughafen Parchim im Wandel der Jahreszeiten und der Jahre, in denen sich erschütternd wenig Neues ergibt, bleibt die große Frage, wie der kleine Film sein Publikum finden könnte. Andererseits wäre es schade, ihn ganz und gar der TV-Versendung zu überlassen … Hier wäre dann, so wie in Parchim, eine gute Portion asiatischer Gelassenheit zusammen mit Geduld und viel Optimismus von Vorteil, denn der hübsche kleine Film hat durchaus eine Chance verdient.
 
Gaby Sikorski