Paris Calligrammes

Die Strahlkraft von Paris hat abgenommen, in den 60er Jahren gab es jedoch keine andere Stadt, die für tatsächliche oder angehende Künstler und Intellektuelle zu anziehend war, wie die französische Hauptstadt. Hier verbrachte auch Ulrike Ottinger einige Jahre über die sie nun ein Doppelporträt gedreht hat: „Paris Calligrammes“ erzählt von ihr und von der Stadt, die sie inspirierte.

Website: www.realfictionfilme.de

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie: Ulrike Ottinger
Länge: 130 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 5. März 2020

FILMKRITIK:

78 Jahre wird Ulrike Ottinger im Juni, ein Alter also, indem verdiente Künstlerinnen mit Preisen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet werden. Bei der Berlinale erhielt Ottinger die Berlinale-Kamera, schon im letzten Jahr widmete sich eine Ausstellung im Berliner Haus der Kulturen der Welt ihren prägenden Jahren in Paris. „Paris Calligrammes“ hieß die Ausstellung, ein Begleitbuch und nun auch ein Film, der gleichermaßen Autobiographie ist wie Porträt der wohl aufregendsten Dekade einer der aufregendsten Städte schlechthin.

1962 zog es die damals 20jährige Ottinger aus der bayerischen Provinz nach Paris, wo sie sich mit Verve in das kulturelle Leben stürzte. Eine frühe Anlaufstelle war das vom deutschen Emigranten Fritz Picard gegründete Buchgeschäft „Librairie Calligrammes“, das nicht nur diesem Film seinen Namen gibt, sondern auch intellektuelle Inspirationsquelle für Ottinger war. Eine enorme Fundgrube muss das Geschäft gewesen sein, voll von Literatur aus allen Ländern und Quellen, nicht zuletzt aber von in Paris lebenden Juden, deren Bibliotheken zurückblieben, als ihre Besitzer deportiert wurden. Von den Nazis, aber auch von französischen Kollaborateuren, Maurice Papon etwa, der auch in den 60er Jahren noch aktiv war und die Verfolgung der Algerier in Paris verantwortete, die für die Unabhängigkeit ihrer Heimat kämpften und in einer der schwärzesten Stunden der französischen Nachkriegsgeschichte zu Hunderten ermordet wurden.

Auch davon erzählt Ottinger in ihrem kollageartigen Film, den sie mit ihren eigenen Fotos aus den 60ern, vor allem aber viel Archivmaterial bebildert. Ganz subjektiv bleibt sie dabei, ist einzige Erzählerin, die ganz bewusst ihr älteres Ich zurückblicken lässt auf die Erlebnisse und Erfahrungen der Jüngeren.

War man in den 60ern jung, neugierig und auch nur ein wenig an Kultur und Philosophie interessiert, muss man in Paris wohl früher oder später den Größen der Zeit begegnet sein: Sartre und Beauvoir, die im Café de Flore Hof hielten und schrieben, Künstlern wie Chagall oder Cocteau, deutschen Migranten wie Adolf Loos. Unterschiedlichste Gruppen und Strömungen trafen aufeinander, Dadaisten auf Situationisten, Alt-Marxisten auf französische Anhänger Heideggers.

Bis 1969 dauerte Ulrike Ottingers Aufenthalt in Paris, eine prägende Zeit ebenso für die angehende Künstlerin und Filmemacherin wie für die Stadt selbst. Zwischen Studentenunruhen und der legendären Cinématheque Francais unter Henri Langloi, zwischen Montmartre und dem Quartier Latin, zwischen Jazzclubs und dem Louvre bewegte sich Ottinger in den 60er Jahren und bewegt sie sich nun auch in ihrem ebenso persönlichen wie allgemeingültigen (Selbst-)Porträt „Paris Calligrammes.“

Michael Meyns