Paris um jeden Preis

Paris gilt als die Modehauptstadt der Welt. Genau aus diesem Grund fühlt sich die gebürtige Marokkanerin Maya dort sichtlich wohl. Sie ist ein Fashionjunkie und die „Vogue“ fast schon ihre heilige Schrift. Doch dann wird sie nach 20 Jahren unerwartet in ihre Heimat abgeschoben. In ihrem Regiedebüt lässt Hauptdarstellerin Reem Kherici („OSS 17 – Er selbst ist sich genug“) zwei Welten auf unterhaltsame Art aufeinander prallen. Als die Tochter italienischer und tunesischer Eltern kennt sie die Geschichte ihrer Hauptfigur nur zu gut. Diesen authentischen und ehrlichen Blick verarbeitete sie zu einer gelungenen Culture-Clash-Komödie, die zudem so manchen Seitenhieb auf den skurrilen Modebetrieb bereithält.

Webseite: www.parisumjedenpreis.de

OT: Paris à tout prix
F 2013
Regie: Reem Kherici
Drehbuch: Reem Kherici, Morgan Spillemaecker, Philippe Lacheau
Darsteller: Reem Kherici, Cécile Cassel, Tarek Boudali, Philippe Lacheau, Salim Kechiouche, Stéphane Rousseau
Laufzeit: 93 Minuten
Verleih: Polyband, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 22.5.2014

FILMKRITIK:

Bei Paris fällt den meisten neben den üblichen Wahrzeichen und romantischen Postkartenansichten vermutlich ein Ort ein, an dem Mode und Glamour zuhause sind. Die Hauptstadt der Haute Couture repräsentiert Stil, Eleganz und Luxus. Genau das ist es auch, was die junge Designerin Maya (Reem Kherici) an Paris so liebt. Dabei liegen ihre Wurzeln eigentlich ganz woanders. Vor über 20 Jahren kam sie wie so viele andere aus Marokko nach Frankreich, wo sie aufgewachsen ist und ihre Jugend verbracht hat. Somit fühlt sich Maya durch und durch als Pariserin. Umso mehr schockiert es sie, als bei einer harmlosen Verkehrskontrolle ihr ganzes Leben schlagartig auf den Kopf gestellt wird. Die Behörden entdecken, dass ihre Aufenthaltserlaubnis längst abgelaufen ist. Ehe sich Maya der Konsequenzen genau bewusst wird, sitzt sie bereits im Flugzeug Richtung Marokko. Dort angekommen betritt sie eine ihr vollkommen fremde, unbekannte Welt.
 
Ab da begibt sich „Paris um jeden Preis“ auf den Pfad einer lebendigen und durchaus turbulenten Culture-Clash-Komödie. Wenn die scheinbar emanzipierte Maya auf ihre Familie trifft, sind Missverständnisse und Konflikte vorprogrammiert. Die Idee, eine eigentlich gut integrierte Migrantin ohne Vorwarnung auf den eigenen Migrationshintergrund treffen zu lassen, ist dabei so einfach wie genial. Und es zeigt sich, dass nicht nur zwischen Menschen aus unterschiedlichen Kulturen falsche Vorstellungen über den jeweils anderen existieren können. So glaubt Maya tatsächlich, dass ihre Familie den eigenen Garten als Toilette nutzt. Ihr Bild der marokkanischen Gesellschaft ist vorsintflutlich, was der Film mehr als einmal für charmante Verwicklungen nutzt. Ganz nebenbei werden hierüber Vorurteile enttarnt und ad absurdum geführt. Schon dafür muss man Regisseurin und Hauptdarstellerin Reem Kherici (bekannt aus der Bond-Persiflage „OSS 17 – Er selbst ist sich genug“) dankbar sein.
 
Kherici, die auch das Drehbuch schrieb, gibt mit dieser unterhaltsamen Familienkomödie ihr Regiedebüt. Als Halb-Tunesierin weiß sie nur zu gut, wie Maya sich mitunter fühlen muss und welche Berührungsängste in solchen Situationen unbeabsichtigt entstehen können. Auch der Spagat zwischen zwei Kulturen ist ihr keineswegs fremd. Diese Kenntnis um ein nur allzu oft von politischer Korrektheit zugepflastertes Sujet lässt ihre Geschichte bei allen komödiantischen Spitzen durchaus plausibel und authentisch erscheinen. Daneben wirft ihr Film aber auch einen ironischen Blick auf die oftmals oberflächliche Modebranche. So ist der von Stéphane Rousseau mit sichtlicher Freude verkörperte Designer erkennbar als Karikatur angelegt und die Welt der Haute Couture als große Manege der Eitelkeiten. Der Kontrast zum einfachen Leben in Mayas Heimat Marokko könnte überdies kaum größer sein.
 
Wenngleich nicht alle Einfälle zünden und gerade der Anfang der Geschichte etwas zu bemüht auf die nächstbeste Pointe zielt, bleibt „Paris um jeden Paris“ als überaus kurzweilige Culture-Clash-Komödie mit sehr viel französischen und arabischem Charme in Erinnerung. Kherici gelingt es, dass uns diese Maya trotz ihrer zunächst eher Tussi-haften Attitüde schnell ans Herz wächst. Angekommen in Marokko erkundet man zusammen mit ihr ein unbekanntes Land und eine fremde Kultur. Dieser simple Kniff des Drehbuchs schafft unweigerlich eine große Nähe und Empathie. Und so folgt man bereitwillig Mayas Reise in die eigene Vergangenheit – zu den Wurzeln, die schon so lange auf ihre Entdeckung warten.
 
Marcus Wessel