Pauls Schulweg

Der Dokumentarfilm erzählt Pauls erstes halbes Schuljahr von der Zuckertüte bis zum Halbjahreszeugnis, das in diesem Fall nicht aus Noten besteht, sondern ein freundschaftliches Gespräch mit der Lehrerin ist. Das Besondere des Films ist nicht nur dieser eigenwillige, kluge und sensible Junge, sondern auch die Jenaplan-Schule in Weimar, in die er eingeschult wird.
Der Film erzählt Begebenheiten aus dieser ersten Schulerfahrung, wobei die Kamera den Kindern als ein ruhiger Begleiter sehr nahe kommt. Die abgelauschten Dialoge unter den Kindern sind die Highlights des Films, der sich ansonsten unaufdringlich aber deutlich in die Debatte einmischt um das, was die richtige Schulform heute sein könnte oder sollte. Und Jenaplan macht dabei eine gute Figur.

Webseite: www.pauls-schulweg.de

Deutschland 2013 – Dokumentation
Regie: Wolfgang Andrä
Länge: 87 Min
Verleih: 1meter60 Filme
Start: 4. Juli 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Scheissschneemänner“ murmelt Paul und versucht zum wiederholten Mal, die untere Kugel des Schneemanns in der vorgezeichneten Größe zwischen die Linien zu malen, was ihm nur sehr ungenügend gelingt. – Obwohl es Bewertungen wie „ungenügend“ oder „mangelhaft“ in Pauls Schule nicht gibt und seine Lehrerin ihm sehr wohlwollend Hinweise gibt, ist Paul äußerst genervt.

Wer kann sich schon noch an seine ersten eigenen Schritte erinnern, die mehr mit Hinfallen als mit Vorwärtskommen zu tun hatten, oder an diese ersten Schreibübungen, bei denen man mühsam eine einigermaßen rundköpfige 2 zu malen versuchte oder gar ein großes G! Dabei hatte das mit Denken noch gar nichts zu tun. Aber im Denken ist dieser Paul schneller als andere und deshalb oft ungeduldig.

Aber dafür hat die Jenaplanschule – jenes Modell, nachdem Pauls Grundschule in Weimar unterrichtet – eine Lösung: bereits nach einem halben Jahr wird ihm die Möglichkeit angeboten, eine Klassenstufe weiter nach oben zu steigen mit den schwereren Rechenaufgaben. Denn dieses Schulkonzept, das bereits 1929 von dem Erziehungswissenschaftler Peter Petersen entwickelt wurde, verspricht, jedes Kind entsprechend seiner Anlagen und Fähigkeiten zu fördern. Außerdem hat die soziale Gemeinschaft einen ganz großen Stellenwert. Am Ende des Films wird der Kommentator Pauls nächstes Problem diagnostizieren: wenn er „nach oben“ steigt verliert er die Gemeinschaft seiner „Stammguppe“, in die er im ersten halben Jahr so mühsam hineingewachsen war.

Überhaupt ist der Kommentar, der die vielfältigen Bilder und O -Töne bewertet und in Zusammenhänge einordnet, die ich lieber selbst entdeckt hätte, das größte Problem des Films. Er manifestiert eine „Übergeschichte“ , in der versucht wird, die Suche nach dem „besten Freund“ zum Hauptinhalt von Pauls ersten Schulerfahrungen zu machen. Die ständigen Nachfragen des Filmers nach Pauls bestem Freund – Ob er denn nun endlich einen habe und wie der hieße und warum gerade der nicht mit ins Kino kommen wolle und ob Paul deswegen nicht doch sehr traurig sei? – nehmen dem Film viel von seiner ansonsten einfühlsamen und nicht wertenden Haltung.

Hier merkt man, dass zwischen dem Dreh und der Fertigstellung eine Menge Zeit vergangen ist (10 Jahre), nach der die Filmemacher aus der Sichtung des „alten“ Materials heraus  i h r e  Geschichte gefunden haben, die aber nicht unbedingt Pauls Geschichte gewesen zu sein scheint. Es gibt eine Dissonanz zwischen der Ursprünglichkeit und Direktheit dieses Jungen, der sich fast ohne Scheu der Kamera anvertraut, und dieser „erwachsenen“ Story, die sehr reflektiert erscheint. Die wohlwollende Distanz der Eltern (die Filmemacher), die auf die zurückliegende Entwicklung ihres Kindes schauen, nimmt dem Film viel von seiner Unmittelbarkeit.

Sympathisch ist, wie der Film zwar mit der Schuleinführung Pauls beginnt, bei der die 6 Jährigen nicht nur hinter ihrer viel zu großen und zu schweren Zuckertüte verschwinden, sondern auch im Gewimmel der vielen Erwachsenen untergehen, die das Großereignis unbedingt abfilmen müssen. Danach aber verläßt er die klischierten Bilder und bleibt mit seiner ruhigen Kamera sehr nah an seinen jungen Protagonisten. Die Momente, in denen die Kinder ganz bei sich und unter sich sind, wo sie sich leise über eine Aufgabe besprechen, sich gegenseitig helfen oder auch mal anfeinden, gehören zu den schönsten des Films. Hier wird der manchmal undeutliche O-Ton mit Untertiteln unterstützt und gibt so diesen zauberhaften Dialogen eine zusätzliche Bühne.

Auch die wenigen Momente, in denen Paul über die Anwesenheit der Kamera reflektiert, sind erhellend. Wenn die Filmemacher sich selbst problematisieren, beispielsweise als sie bei einer Prügelei entscheiden mussten zwischen Kamera draufhalten oder verantwortlich in die Situation eingreifen, werden sie hinter dem Film ganz unmittelbar spürbar, – ich hätte mir mehr von diesem Zwiespalt im Fluss des Films gewünscht. Denn oft fehlt ihm die kritische Distanz zu seinen Protagonisten und Themen. Gleichzeitig kann er sich schwer entscheiden zwischen einer Dokumentation über ein Schulmodell oder ein besonders begabtes und eben auch schwieriges Kind.

Durch die sensible Kamera, die über ein halbes Jahr so selbstverständlich im Schulalltag und im Familienleben von Paul anwesend war, dass sie bald nicht mehr bemerkt wurde, gelingt dem Film dennoch etwas ganz Besonderes: ein warmer, genauer und sehr naher Blick in einen Abschnitt von Kindheit, den man zu kennen glaubt und der doch von so großen emotionalen und geistigen Herausforderungen geprägt ist, dass man mit großer Achtung und ganz neu auf diese kleinen großen Menschlein zu schauen lernt.

Caren Pfeil