Pause

In ihrem unaufdringlichen eindringlichen Film konzentriert sich die Regisseurin Tonia Mishiali auf das Dasein einer Hausfrau, deren Existenz sich in eine Sackgasse der Alltagstristesse verlaufen hat. Mit minimalistischen Mitteln evoziert sie die Beklemmung einer toten Ehe und einem Heim, das zum sterilen Gefängnis eines verlebten Lebens verkommen ist. Hauptdarstellerin Stela Fyrogeni, auf die sich das Geschehen voll und ganz konzentriert, meistert die tragende Rolle einer mit festgefahrenen Strukturen ringenden Frau mit einer Verletzlichkeit und stummen Wut, die lange nachwirkt.

Webseite: www.cineleusis.com

Griechenland 2018
Regie: Tonia Mishiali
Darsteller: Stela Gyrogeni, Andreas Vasiliou, Popi Avraam
Filmlänge: 96 Min.
Verleih: Olymp Film / Cineleusis Filmverleih
Kinostart neu: 18.6.2020

FILMKRITIK:

Eine Pause bezeichnet bekanntermaßen eine Unterbrechung, die ein Vorher und ein Nachher impliziert. Doch was, wenn das Vorher unerheblich war und das vorstellbare Nachher jeden Sinn schluckt? Für Elpida steht schon seit Langem die Zeit still, ihr Gesicht ist zu einer in Verlorenheit versunkenen, schweigenden Maske erstarrt. Beim Krankenhausbesuch zählt ihr der Herr Doktor die unangenehmen Begleiterscheinungen der Menopause auf, in die auch sie nun kommt. „Nichts Besorgniserregendes“ konstatiert er schließlich angesichts ihrer verzweifelten Erstarrung.

Elpida ist gefangen in ihrem sehr bescheidenen Ehefrauendasein, das primär aus Haushalt und unregelmäßigen Besuchen einer Malschule besteht. Nun ist sie auch noch Gefangene ihres alternden Körpers. Widerwillig registriert sie ihre ergrauenden Haaransätze im Spiegel, wäscht mit sichtlicher Abneigung diesen Körper, in dem trotz der ärztlichen Diagnose noch viel unerfülltes Begehren steckt. Ein Begehren, das ihr der eigenbrötlerische Macho-Gatte Kosta nicht stillt. Er bemerkt kaum ihre Anwesenheit oder scheint sie sogar gar zu ignorieren. Seine Aufmerksamkeiten und Liebesbekundungen verteilt er lieber an den enervierend piependen Wellensittich. Besonders nervenzehrend sind die frisch verliebten Nachbarn, die nachts gut vernehmbar Liebe machen und die nicht wahrgenommene Elpida, die sich nach Berührungen verzehrt, in den Irrsinn treiben.

Es ist ein farbloses Leben, das Elpida lebt. In ihren Tagträumen leistet sie sich Eskapaden, zu denen sie in der Realität keinen Mut aufbringt. Anstatt also Kosta das Fernsehkabel während des Fußballspiels zu zerschneiden, schaltet sie befangen ihr eigenes Gerät aus, als ihre Kopfhörer kaputtgehen. Jede Mahlzeit wird schweigend eingenommen, die Luft ist zum Zerreißen gespannt.

Als Kosta eines Tages ohne ihre Einwilligung ihr eigenes schäbiges kleines Auto verkauft, platzt ihr für einen Moment endlich der Kragen. Mit Fäusten hämmert sie auf ihn ein und macht ihrem erstickten Kummer Luft. Doch es ist nur ein kurzer Ausbruch, dem sie schnell wieder klein beigibt. Sie trägt den Machtkampf schließlich lieber im Stillen aus, unbemerkt. Ihre angestaute Wut bricht statt sich Bahn, indem sie ihrem Mann die falschen Blutdrucktabletten unterjubelt oder heimlich Knoblauch ins Essen mischt, gegen den er allergisch ist. Derweil ufern auch ihre Tagträume allmählich aus und Elpida hat immer mehr Aussetzer, bei denen ihr die Unterscheidung von Schein und Sein zunehmend schwerer fällt. Bis sie endlich eine Entscheidung fällt!

Mit viel atmosphärischem Fingerspitzengefühl fokussiert sich Regisseurin Tonia Mishiali auf ihre unglückliche Protagonistin, an der sie musterhaft zeigt, wie viel Mut und Kraft erforderlich sind, um existenzielle Stillstände und tiefsitzende, routinierte Alltagsgewohnheiten – so schrecklich sie objektiv auch sein mögen – im Einzelfall zu überwinden. Sehr leicht kann man sich selbst in dieses stagnierende Leben projizieren, das hier gezeigt wird: ein Leben in Ausflucht, in dem jede Konfrontation gemieden wird. In nüchterner Bebilderung schildert Mishiali diesen stillen Kampf, der vor allem ein Kampf mit sich selbst und den eigenen Lähmungen ist. Mit behutsamer Zurückhaltung beobachtet sie die großartig spielende Stela Fyrogeni, auf deren Gesicht sich all die unterdrückten Emotionen im Widerstreit abzeichnen: Empörung, Frustration, sexuelles Verlangen und die Angst vor dem Unbekannten, das sie erwarten könnte, sollte sie endlich den Mut aufbringen, den man ihr als Zuschauer wünscht, und mit beherztem Schritt in ein neues Leben gehen.

Nathanael Brohammer