Persischstunden

„Erfindung einer Sprache“ nennt sich eine 2008 vom für seine Drehbücher bekannten Wolfgang Kohlhaase aufgeschriebene und bereits als Hörspiel umgesetzte Erzählung. Der US-kanadische Regisseur Vadim Perelman hat sie als Kammerspiel für die Leinwand adaptiert, Lars Eidinger brilliert darin als Kommandant der Küche eines Übergangslagers, der sich von einem Gefangenen die persische Sprache Farsi beibringen lässt, weil er nach dem Krieg in den Iran auswandern und ein Restaurant eröffnen will. Was der Hauptsturmführer nicht weiß: die Wörter, die er lernt, sind eine reine Phantasiesprache. Ob die Sache gut gehen wird, daraus zieht „Persischstunden“ seine Spannung.

Website: www.alamodefilm.de/kino/detail/persischstunden.html

Deutschland/Weißrussland 2020
Regie: Vadim Perelman
Drehbuch: Ilja Zofin (nach einer Novelle von Wolfgang Kohlhaase)
Darsteller: Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay, Leonie Benesch, Alexander Beyer, David Schütter, Luisa-Celine Gaffron
Länge: 127 Minuten
Verleih: Alamode Film
Kinostart: 24.9.2020

FILMKRITIK:

Die Story im Grunde ist simpel, der Stoff explosiv, von seiner Wirkung ein Schelmenstück, die Hintergrundkulisse jedoch nicht frei von Beklemmung. Als der junge Belgier Gilles 1942 zusammen mit anderen Juden von der SS verhaftet und in ein Übergangslager gebracht wird, bietet sich ihm durch ein kurz zuvor in seinen Besitz gelangtes persisches Buch eine ungeahnte Chance. Hauptsturmführer Klaus Koch (Lars Eidinger), zuständig für die Lagerküche, sucht jemanden, der ihm Farsi beibringen kann. Gilles ist da quasi der Sechser im Lotto, sich in einer Notlüge als Perser auszugeben, Reza zu nennen und der Sprachlehrer zu werden, eine Win-Win-Situation für beide. Dass der junge Häftling zudem in der Schreibstube für die Erfassung der Namen aller neu eintreffenden Gefangenen zuständig ist, hilft ihm bei seinem durchaus irrsinnigen Auftrag. Denn bis Kriegsende, so stellt es sich der SS-Mann Klaus Koch vor, soll sein Wortschatz 2000 Wörter und Begriffe umfassen. Wort für Wort muss Gilles eine Sprache erfinden, die er nicht beherrscht.

Dass der Schwindel auffliegen könnte, daraus zieht die Geschichte ihre Spannung. Der Alltag des Vernichtungshorrors schwingt in der kammerspielartigen und in akkuraten Bildern gestalteten Verfilmung als Hintergrundrauschen mit. Die Bedrohung für den „Sprachenschwindler“ erhöht sich nicht allein nur dadurch, dass sein durchaus kreatives Spiel auffliegen könnte, sondern auch aus der Missgunst diensteifriger und ideologisch eingestellter Soldaten und Lagermitarbeiterinnen, die in Nebenrollen aus Hass, Eifersucht und purer Rachlust an der Spannungsschraube mitdrehen.

„Persischstunden“ ist zuvorderst ein starkes Schauspielerduell zweier ungleicher Figuren in einem besonderen Abhängigkeitsverhältnis. Auf der einen Seite Lars Eidinger als charmanter, sich in seiner Funktion als Küchenbeauftragter von den Gräueltaten des Regimes distanzierender, mehr und mehr auch menschliche Züge offenlegende Befehlshaber, der dennoch aber unberechenbare und gefährliche Züge durchscheinen lässt, sollte man ihm krumm kommen. Indem er eine ihm fremde Sprache lernt, verwandelt er sich mehr und mehr in einen anderen Menschen. Auf der anderen Seite der mehrsprachige Argentinier Nahuel Pérez Biscayart (unter anderem Rollen in Maria Schraders „Vor der Morgenröte“ und Frieder Wittichs „Becks letzter Sommer“), der zunächst den Mut für die mehr als gewagte Täuschungsaktion aufbringt, gleichzeitig aber von Angst und Zwiespalt erfüllt ist, sollte sein Spiel durchschaut werden. Stimmlich und mimisch lösen beide ihre Aufgaben bravourös, wobei Eidinger hart an der Grenze zum Overacting agiert und die Konstruiertheit des für Gilles erdachten Überlebensplanes offenlegt.

Tatsächlich geht es in „Persischstunden“ aber nicht nur um das Überleben eines dem Tod geweihten jüdischen Kriegsgefangenen, sondern auch um das spätere Überleben eines Täters, der sich bereits zu Kriegszeiten dazu entschlossen hat, sein Vaterland zu verlassen und selbst zum Immigranten zu werden – und der sehr genau weiß, dass er ohne Kenntnis der Sprache im ihm fremden Land seiner Träume keine Chance haben wird, um sich eine Existenz aufzubauen. Auch der 1963 in Kiew geborene Regisseur Vadim Perelman (sein Spielfilmdebüt „Haus aus Sand und Nebel“ mit Ben Kingsley war 2003 für den Oscar nominiert) hat diese Erfahrung gemacht, als er mit seiner Mutter nach Kanada emigrierte.

Als es nach der Filmpremiere im Rahmen eines Berlinale-Specials bei den 70. Internationalen Filmfestspielen im Februar um die Einordnung des Stoffes ging, der natürlich unübersehbar ein Holocaust-Drama ist, den Schrecken jedoch banalisiert und Lageralltag und Soldatengespräche als dekoratives Beiwerk beimengt, hat Lars Eidinger gesagt: „Das kann jemand von außen besser als ein deutscher Regisseur.“ Vor allem schlägt Perelman mit diesem Film und seiner eigenen Biografie auch eine Brücke in die Gegenwart.

Thomas Volkmann