Peter Lindbergh – Women Stories

Seit Jahrzehnten zählt der deutsche Fotograf Peter Lindbergh zu den Größen der Modeszene und machte unzählige Models zu Stars. Seit Jahrzehnten ist auch der französische Regisseur Jean-Michel Vecchiet mit Lindbergh befreundet und nutzte die Nähe nun zu einer Dokumentation, vielmehr einer Hommage an den Freund, die als „Peter Lindbergh – Women Stories“ bei der Berlinale Premiere feierte.

Webseite: dcmworld.com

Dokumentation
Deutschland 2019
Regie: Jean-Michel Vecchiet
Länge: 103 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 30. Mai 2019

FILMKRITIK:

Viele berühmte Fotos hat der 1944 im heute polnischen Lissa geborene Peter Lindbergh im Laufe seiner langen, illustren Karriere geschossen, aber keins ist so bekannt wie eine Aufnahme von 1989: Die damals noch sehr jungen, noch nicht weltberühmten Models Linda Evangelista, Naomi Campbell, Tatjana Patitz, Cindy Crawford und Christy Turlington sind zu sehen, nicht aufwendig geschminkt und in teuren Roben gekleidet, sondern fast natürlich, fast als sie selbst, auf einer New Yorker Straße stehend. Als die Geburtsstunde der Ära der Supermodels gilt dieses Foto, das, so erzählt es Naomi Campbell, in kürzester Zeit entstand: Nach langem Ausschlafen habe man sich getroffen, zwei, drei Stunden nur, dann war die Aufnahmesession vorbei und eine Legende geboren.
 
Spontanität ist eines der Merkmale von Peter Lindbergh, der ganz im Mittelpunkt dieser ihm gewidmeten Biographie steht, aber doch kaum zu Wort kommt. Nicht weil er nicht wollte oder weil Regisseur Jean-Michel Vecchiet sich nicht für seine Aussagen interessiert, sondern weil Lindbergh wenig über sich sagt, schon gar nichts psychologisches, analytisches. So ist es Vecchiet überlassen, einen Zugang zu Lindbergh – der eigentlich Brodbeck heißt – zu finden, einen Interpretationsansatz, so dieser denn nötig ist.
 
In den späten Kriegstagen geboren, ein typisches Flüchtlingskind mit einem Vater, der aus der Kriegsgefangenschaft zurückkehrte. Bald zog es Lindbergh aus dem engen Deutschland hinaus in die Welt, er reiste, lebte und wollte berühmt werden. Eher zufällig scheint er zur Modefotografie gekommen zu sein, so erzählt es seine Schwester, die zusammen mit etlichen anderen Frauen, die Lindberghs Leben prägten und begleiteten, zu Wort kommt.
 
Das Vecchiet seit Jahren mit Lindbergh befreundet ist, ist wie so oft größte Stärke und Schwäche eines biographischen Films. Schwäche, weil die Nähe zu kompletter Kritiklosigkeit führt, das Leben Lindberghs als einziger Höhepunkt geschildert wird, sein Charakter praktisch ohne Makel. Stärke aber auch, weil nur die Nähe zwischen Autor und Subjekt es Vecchiet ermöglicht hat, offenbar unbegrenzten Zugang zu Lindbergh und seinen Fotoarchiven zu bekommen.
 
Im Lauf der Jahre hat Vecchiet Lindbergh augenscheinlich immer wieder bei Fotoaufnahmen begleitet und beobachtet und so faszinierende Einblicke in den Arbeitsprozess bekommen. Gerade wenn Lindbergh seine Starmodells nicht in abgeschirmten Sets inszeniert, sondern im Wusel der Großstadt, seine unwirklich schönen Subjekte, egal ob Models, Schauspielerinnen oder Musiker mit der Normalität einer Metropole wie New York konfrontiert, entstehen aufregende Kontraste.
 
Vor allem aber schneidet Vecchiet aus Lindberghs Fotos eine oft mitreißende Bildcollage, in der er Textfragmente, Fotos und Filmaufnahmen zu einer impressionistischen Annäherung verknüpft. Manches Mal droht er sich zwar in Schnittgewittern zu verlieren, übertreibt den Einsatz pathetischer Musik, doch meist gelingt Vecchiet mit diesem ungewöhnlichen Ansatz eine ganz eigene Form und ein spannender Film über einen großen Fotografen.
 
Michael Meyns