Phoenix

Immer weiter zurück in die deutsche Vergangenheit bewegt sich Christian Petzold, der nach dem in der DDR spielenden "Barbara" mit seinem neuen Film "Phoenix" nun auf die unmittelbare Nachkriegszeit blickt. Was er dort über das deutsche Selbstverständnis, den Umgang mit Nazi-Vergangenheit und Holocaust zu erzählen hat ist spannend, doch um dies zu erzählen, bedient sich Petzold einer oft kaum glaubwürdigen Geschichte.

Webseite: www.phoenix-der-film.de

Deutschland 2014
Regie: Christian Petzold
Buch: Christian Petzold, Harun Farocki
Darsteller: Nina Hoss, Roland Zehrfeld, Nina Kunzendorf, Michael Maertens, Imogen Kogge, Kirsten Block
Länge: 98 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 25. September
 

FILMKRITIK:

Kurz nach Ende des Zweiten Weltkriegs: Die jüdische Sängerin Nelly (Nina Hoss) hat zwar die nationalsozialistischen Konzentrationslager überlebt, jedoch schwere psychische und physische Folgen davon getragen: Ihre Seele ist verwundet, ihr Gesicht entstellt. Ihre Freundin Lene (Nina Kunzendorf) bringt sie zu einem Arzt, der ihr Gesicht rekonstruiert, doch er warnt Nelly: So wie vor dem Krieg wird sie nicht mehr aussehen.
 
Zurück in einer nicht benannten Stadt, das Gesicht noch wund, blaue Flecken um die Augen, ein Pflaster auf der Nase, plant Lene ihre baldige Emigration nach Palästina, doch Nelly hat Anderes im Sinn: Johnny (Ronald Zehrfeld), ihren Mann, für den sie selbst während des Kriegs aus dem sicheren Exil nach Deutschland zurückkehrte. Doch als sie Johnny in einem Amüsierbetrieb namens Phoenix wieder findet, erkennt er sie nicht wieder. Dennoch glaubt er in der für ihn fremden Frau etwas zu erkennen, das ihn auf eine Idee bringt: Esther – wie Nelly sich gegenüber Johnny nennt – soll in die Rolle seiner Frau schlüpfen, sich ihr Wesen, ihre Gestik aneignen, um so Johnny zu Nellys Erbe zu verhelfen.
 
Mit auf dem Schwarzmarkt aufgetriebenen Kleidern und Schuhen stattet Johnny Esther/ Nelly aus, trainiert sie und scheint doch nicht zu ahnen, wen er vor sich hat. Nelly wiederum spielt das Spiel mit und versucht die für sie wichtigste Frage zu beantworten: Hat Johnny sie wirklich bis zuletzt geliebt oder war es doch er, der sie an die Nazis verraten hat?
 
Christian Petzold war nie ein Regisseur des Realismus. Optisch waren Filme wie "Gespenster" oder "Yella" zwar deutlich in der Gegenwart verankert, doch die Geschichten, die Petzold erzählte, um psychologische Muster aufzuzeigen, verwendeten Genrestrukturen, waren oft extrem konstruiert oder bedienten sich des Übernatürlichen. Im besten Fall entstand zwischen realistischem Stil und einer manierierter Story eine fruchtbare Spannung, in der die scheinbar wieder erkennbare Welt, in der die Filme angesiedelt waren, mit narrativen und filmischen Mitteln überhöht wurde.
 
Schon in seinem letzten Film "Barbara" wendete Petzold dieses Prinzip auf ein historisches Setting an und geht nun noch weiter in die deutsche Vergangenheit zurück. Stilistisch ist er dabei so realistisch wie nie: Zum ersten Mal in Breitwand gedreht, wirkt "Phoenix" oft wie ein klassisches Trümmerdrama, voller Ruinen, alliierter Soldaten und dem schwierigen Überleben in der Nachkriegszeit. Auf diese realistische Fassade presst Petzold nun eine Geschichte, die oft geradezu kolportagehafte Züge hat. Weder das Nelly nach ein paar Wochen wieder in alter Schönheit erstrahlt, noch das Johnny seine Frau nicht wieder erkennt wirkt besonders glaubhaft, doch all diese Drehbuchwendungen sind für das notwendig, was Petzold erzählen will: Von der Fassade, die in der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufgebaut wurde, um die Verbrechen des Holocausts zu ignorieren wird erzählt, vom schwierigen Verhältnis der Deutschen zu den jüdischen Überlebenden und nicht zuletzt vom männlichen Blick auf die Frau.
 
Überdeutlich bedient sich Petzold hier der Struktur von Hitchcocks Klassiker "Vertigo", lässt Zehrfelds Johnny sich eine nur scheinbar "neue" Nelly kreieren, so wie einst James Stewarts Figur (die John hieß!), die scheinbar vor seinen Augen gestorbene Madeleine wiederauferstehen ließ. Was Petzold aus dieser Konstruktion rausholt, ist fraglos spannend, in Hinsicht auf die Illusionsmaschine Kino, aber auch auf den Schleier der Illusion, mit dem Deutschland lange Zeit die eigene Vergangenheit, die eigenen Verbrechen ummäntelte. Doch so sehr ächzt und knarrt das dramaturgische Konstrukt, das Petzold aufbauen muss, um das zu erzählen was er will, dass ein merkwürdiges Gefühl zurückbleibt: So brillant Petzolds Filme sein können, wenn sie in zeitgenössischen Kontexten angesiedelt sind, so sehr beißt sich Petzolds konstruiertes, manieriertes Erzählen mit einem historischen Sujet wie hier der deutschen Nachkriegszeit. So ist "Phoenix" ein ambitionierter und spannender Film, der aber auch die Grenzen des Petzoldschen Stils aufzeigt.
 
Michael Meyns