Pina

Die smarte Schwester von „Avatar“ heißt „Pina“. Wim Wenders wollte James Cameron kreativ Paroli bieten – der Coup von Kunst-David gegen Kommerz-Goliath gelingt tatsächlich. Wo sich der Ex-„Titantic“-Kapitän mit schnellen Schnitten um die technologischen Probleme flüssiger Bewegungen in der dritten Dimension mogelt, haben die Menschen bei Wenders in den 3D-Bildern das Laufen gelernt. Mehr noch: sie tanzen. Und das tun sie so, als wäre man als Zuschauer mittendrin. Dem spektakulären Sog in das akrobatische Geschehen kaum man sich kaum entziehen. Der weltweit erste 3D-Arthaus-Film gerät zum großen Wurf mit traumhaften Bildern und emotionaler Stärke der nachhaltigen Art. Nach „Buena Vista Social Club“ dürfte die nächste Oscar-Chance für den Kino-Pionier Wenders fällig werden. Frei nach Kafka: „Im Kino gewesen. Getanzt!“

Webseite: www.pina-derfilm.de

Deutschland / Frankreich 2011
Regie und Drehbuch: Wim Wenders
Darsteller: Ensemble Tanztheater Wuppertal Pina Bausch
Laufzeit: 100 Minuten
Kinostart: 24.2.1011
Verleih: NFP, Vertrieb: Warner Bros.

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Regie-Legende trifft auf Tanz-Ikone. Ursprünglich wollte Wenders die Choreografin Pina Bausch und ihr Wuppertaler Ensemble bei einer Welt-Tournee begleiten. Doch sein Star verstarb überraschend im Sommer 2009, wenige Tage vor Drehbeginn. Das Konzept musste geändert werden, es entstand „ein Film für Pina Bausch“, wie das Kinoplakat programmatisch betont. Live und mit Publikum wurden die drei Inszenierungen „Le Sacre du Printemps“, „Vollmond“, „Café Müller“ auf der Wuppertaler Bühne mitgefilmt, für den frühen Klassiker „Kontakthof“ setzt Wenders die drei unterschiedlich besetzten Versionen mit dem Ensemble des Tanztheaters, mit Damen und Herren ab 65 sowie mit Teenagern ab 14 zu einem verblüffenden Gesamtkunstwerk zusammen – alle Choreografien wurden noch gemeinsam mit Pina Bausch für den Film ausgewählt.

Als Intermezzi zwischen diesen Tänzen lässt Wenders das Ensemble mit persönlichen Erinnerungen an ihre Regisseurin zu Wort kommen („Du musst verrückter werden“ gehört zu ihren typisch knappen Anweisungen) und schickt sie mit kurzen Soloauftritten tanzend in die Stadt: Vor die Schwebebahn, in die Wälder des Bergischen Lands (samt Flusspferd!), in Industrieanlagen, an Steinbrüche oder ins Hallenbad. Was Wenders dabei, gleichsam schwerelos, an architektonisch durchkomponierten Bildern zaubert, lässt einen Bauklötze staunen. Nicht minder imposant wirkt die akrobatische Leichtigkeit, mit der sich die Tänzer und Tänzerinnen durch den Raum bewegen: Menschliche Schwebenbahnen in Wuppertal sozusagen.

Wer verkopft verkrampftes Kunst-Knäckebrot befürchtet, wird schnell eines Besseren belehrt. „Pina“ bietet eine ebenso unterhaltsame wie überwältigende Entdeckungsreise in eine faszinierende Tanzwelt, bei der es immer wieder um die Frage geht: „Wonach sehnen wir uns?“. Eingefleischte Hardcore-Fans werden ebenso begeistert sein wie Ballett-Muffel, Vorkenntnisse sind nicht erforderlich für dieses Vergnügen. Die Stücke der Bausch sind so listig wie lustig, so nachdenklich wie sinnlich verspielt.

Wenders, den mit Bausch eine langjährige Freundschaft verband, hat Herz und Seele dieser Ausnahmekünstlerin mit viel Empathie und Leidenschaft eingefangen und lässt ihre Enzyklopädie der Bewegung und der Emotion in nie gesehener Räumlichkeit mit einzigartigen Perspektiven auf der Leinwand lebendig werden. Die Bilder von Wenders sind, wen wundert’s, ein Traum. Sein 3D gerät zur unheimlich schönen Begegnung der dritten Art, zum grandioser Rausch der Tiefe.

Bleibt als Wermutstropfen nur, dass der Film in etlichen Arthauskinos nicht in 3D laufen wird, sondern in der 2D-Version. „Nur wenige dieser Kinos sind mitgezogen“, sagt Wenders, „vielleicht auch zurecht, da es fraglich ist, welche Filme sie in der nächsten Zeit bekommen, wie viele Filme da überhaupt nachkommen, die anders erzählt sind als Blockbuster.“ 

Dieter Oßwald

.