Platzspitzbaby

„Der Film über die Zürcher Drogenhölle macht richtig, was das Schweizer Kino oft falsch macht”, schwärmt selbst die sonst so nüchterne Neue Züricher Zeitung – und das Publikum schwärmt kräftig mit! Über 300.000 Eidgenossen besuchten bislang die Kinos, machten einen Sensationserfolg aus dieser Verfilmung eines autobiografischen Bestsellers. Erzählt wird von der elfjährigen Mia und ihrer heroinabhängigen Mutter, die im Alltag völlig überfordert ist. Für das sensible Kind bleibt nur die Flucht in eine Fantasiewelt. Ein eindringliches, exzellent gespieltes Drama, das die Zuschauer mit voller Wucht in seinen Bann zieht: Rigoroses Arthaus-Kino mit „Systemsprenger“-Potenzial.

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Schweiz 2020
Regie: Pierre Monnard
Darsteller: Luna Mwezi, Sarah Spale, Anouk Petri, Jerry Hoffmann
Filmlänge: 100 Minuten
Verleih: Alpenrepublik
Kinostart: 3. Dezember 2020

FILMKRITIK:

„I wanna go home“ singen die Beach Boys aus dem Walkman der elfjährigen Mia (Luna Mwezi). Das Mädchen irrt verstört durch den titelgebenden Platzspitz-Park in Zürich, jenen Ort, der in den 1980er und 1990er Jahren als weltweit größte offene Drogenszene berüchtigt war. Schließlich findet sie die heroinabhängige Mutter Sandrine (Sarah Spale), die in einen heftigen Streit mit ihrem Ehemann André (Jerry Hoffmann) verwickelt ist. Verschüchtert flüchtet Mia in das Auto, Trost findet sie einmal mehr bei einem fiktiven Freund Buddy.

Szenenwechsel: Die Behörden haben den Drogenpark am 14.Februar 1995 geräumt, erklärt eine eingeblendete Schrifttafel: „Die Abhängigen wurden in ihre Heimatgemeinden zurückgeschafft. Gemeinden, die teilweise völlig überfordert waren. Überfordert mit den Süchtigen. Und mit deren Kindern.“ Sandrine und ihre Tochter haben sich in der neuen Wohnung im Züricher Oberland eingerichtet. „34“ steht in bunten Magnet-Buchstaben auf dem Kühlschrank, die stolze Bilanz jener Tage, seit denen die Mutter clean ist. Geordnete Verhältnisse sind freilich weit entfernt. Seit der Scheidung ist Sandrine als allein erziehende Mutter überfordert. Als mit Serge plötzlich ein alter Freund auftaucht, ahnt Mia nichts Gutes. Tatsächlich eskaliert die Lage. Die suchtkranke Mutter wird rückfällig. Nur mit viel Geschick und der tatkräftigen Hilfe der Tochter kann sie verhindern, dass die Behörden ihr Mia wegnehmen. „Ohne dich bin ich doch nichts!“ sagt sie ihrem Mädchen. Das meint sie durchaus ernst. Nüchtern ist Sandrine eine liebende Mutter, überrascht ihr Kind mit einem kleinen Hund. Unter Drogen sieht die Welt völlig anders aus. Da wird die Tochter, ohne mit der Wimper zu zucken, als Kurier missbraucht. Oder nachts im Züricher Rotlicht-Bezirk völlig allein zurückgelassen. Allen Albträume zum Trotz, will Mia lieber bei der Mutter bleiben als zu ihrem Vater, der gerne das Sorgerecht hätte.

Mit einer Außenseiter-Clique findet Mia Freunde, die ihr endlich Geborgenheit geben. Wie zur Verschnaufpause wandelt sich das harte Drogendrama zur kuscheligen Coming-of-Age-Komödie mit Mutprobe, erstem Schnaps, Kippen sowie Küsschen. Die Musical-Aufführung der Schule klingt gleichfalls viel versprechend für den musikalischen Teenie. Die Vergangenheit holt die suchtkranke Mutter jedoch immer öfter ein bis die Lage schließlich dramatisch eskaliert.

Das Regiestudium in England hat bei Pierre Monnard sichtlich Spuren hinterlassen: Mit präzisem Blick schildert er das Milieu der underdogs: Von verzweifelten Junkies bis zu schlagenden Vätern. „Dass Papa endlich tot ist“, nennt das Mädchen der Außenseiter-Clique als ihren größten Wunsch am Lagerfeuer! Dem Schock folgt das Lachen: Denn der Wunsch ihres Kumpels erweist sich als so überraschend wie zauberhaft. Die emotionale Achterbahn hat Regisseur Monnard souverän im Griff. Höhenflüge und Tiefschläge reizen das Empathie-Potenzial des Publikums gekonnt aus. Zum erzählerischen Können gesellt sich das schauspielerische Talent der beiden Hauptdarstellerinnen. Sarah Spale nimmt man die Darstellung der Süchtigen jederzeit ab. Derweil Newcomerin Luna Mwezi mit enormer Leinwandpräsenz und großartiger Präzision eine jugendliche Heldin spielt, die kompromisslos um die Liebe ihrer Mutter kämpft.

Drogengeschichten im Kino gibt es wie Sand am Meer. Diese Verfilmung der Bestseller-Autobiographie von Michelle Halbheer gehört allemal zu den eindrucksvollsten – das zeigt nicht zuletzt der enorme Erfolg bei Presse und Publikum im Alpenland.

Dieter Oßwald