Plötzlich Familie

Kleine Kinder, kleine Sorgen – große Kinder, große Sorgen. Doch was sagt der Volksmund eigentlich zu Adoptivkindern? Diese Frage beantwortet der mit der Materie bestens vertraute Regisseur und Drehbuchautor Sean Anders in seiner sympathischen Komödie „Plötzlich Familie“, der einst selbst auf unkonventionelle Weise eine Familie gründete.

Webseite: PloetzlichFamilie-Film.de

OT: Instant Family
USA 2018
Regie: Sean Anders
Darsteller: Mark Wahlberg, Rose Byrne, Isabela Moner, Octavia Spencer, Iliza Shlesinger
Länge: 117 Minuten
Verleih: Paramount Pictures
Kinostart: 24. Januar 2019

FILMKRITIK:

Ellie (Rose Byrne) und Pete (Mark Wahlberg) landen eines Abends auf der Website des Kinderadoptionsdienstes Foster. Als sie sich die vielen Anzeigen von Waisenkindern anschauen, ist es sofort um die beiden geschehen. Schon wenige Tage später statten sie der Einrichtung ein Besuch ab und müssen sie eine Reihe von Prüfungen bestehen, eh sie sich für eines der Kinder entscheiden dürfen. Als es schließlich so weit ist, springt ihnen die Fünfzehnjährige Lizzy (Isabella Moner) ins Auge – und mit ihr ihre beiden Geschwister Juan (Gustavo Quiroz) und Lita (Julianna Gamiz), die sich allesamt als sehr resolute Kinder. Obwohl sich Ellie und Pete der Herausforderung bewusst sind, nehmen sie alle drei bei sich auf und zunächst scheint auch alles glatt zu gehen. Doch die richtig großen Probleme kommen erst noch…
 
Vor vielen Jahren adoptierten Regisseur Sean Anders und seine Frau mehrere Kinder, um auf diesem Wege eine Familie zu gründen. Seither hat sich der Komödienexperte in seinen Filmen häufig mit diesem Thema befasst. Sowohl in seinen „Daddy’s Home“-Filmen, als auch in „Der Chaos-Dad“ mit Adam Sandler steht vornehmlich das Verhältnis zwischen Eltern und ihren Kindern im Fokus. Das ist jetzt bei „Plötzlich Familie“ nicht anders, allerdings unterscheidet sich seine neueste Arbeit in einer Sache maßgeblich von seinen bisherigen: „Plötzlich Familie“ setzt nicht mehr bloß auf allzu banalen Klamauk und Slapstick, sondern widmet sich daneben auch Themen, die es in ihrer Ernsthaftigkeit normalerweise nur bedingt in eine Comedy schaffen. Wie schnell fassen Kinder Vertrauen zu ihren neuen Eltern? Was ist, wenn plötzlich die leibliche Mutter auf der Matte steht? Und wie genau steht es eigentlich um das Adoptionssystem in den USA? So richtig in die Tiefe geht „Plötzlich Familie“ zwar nicht, dafür ist Sean Anders immer noch zu sehr an einer vorwiegend heiteren Komödie gelegen, doch letztlich gleich sich hier alles irgendwann aus – „Plötzlich Familie“ ist einfach ein richtig runder Film.
 
Wer Anders‘ Arbeiten kennt, den wird es nicht wundern, dass er auch in „Plötzlich Familie“ hin und wieder auf derben Klamauk setzt. Das geht vor allem zu Lasten der subtilen Charakterzeichnung, denn vor allem die Nebenfiguren werden häufig nur auf ihre Spleens reduziert: Juan ist ein Tollpatsch Lita ein Schreihals und Lizzy der Inbegriff eines zickigen Teenagers. Auch die von Mark Wahlberg („Boston“) und Rose Byrne („Spy – Susan Cooper Undercover“) spielen eher unspektakulär auf, funktionieren aber durch und durch als Sympathieträger und Identifikator für die anstehenden Ereignisse. Denn auch, wenn das Skript von Sean Anders und John Morris (schrieben schon die Drehbücher zu „Kill the Boss 2“ und den „Daddy’s Home“-Filmen zusammen) mit Klischees nicht geizt, lässt der Regisseur seinen Film immer wieder zur Ruhe kommen und findet im Detail sehr schöne und emotional ambivalente Momente. In einem Moment gerät noch in bester Slapstick-Manier das gemeinsame Abendessen aus den Fugen, im nächsten müssen sich Ellie und Pete mit ihrer Verantwortung als Eltern auseinandersetzen und sich die Frage stellen, ob es einen Unterschied macht, dass sie „nur“ Adoptiveltern der Kleinen sind und nicht die leiblichen.
 
Gerade zum Finale hin wirkt das alles mitunter ein wenig konstruiert. Zumal hier letztlich auch wirklich jeder sein Happy End abbekommen muss. Dabei ist das letzte Drittel von „Plötzlich Familie“ eigentlich das stärkste, denn Sean Anders geht nicht immer den einfachsten Weg. So macht er aus der plötzlich auftauchenden, leiblichen Kindsmutter zum Beispiel keinen plumpen Antagonisten, sondern stellt aufrichtig die Frage, was eigentlich genau eine Familie ausmacht. Die Teenagerin Lizzy verbindet mit ihrer Mum nämlich durchaus positive Erlebnisse und will unbedingt zu ihr zurück, während sich das bei ihren jüngeren Geschwistern (und letztlich auch bei Pete und Ellie, die die Kleinen längst in ihr Herz geschlossen haben) ganz anders verhält. Natürlich erreicht all das nie die erzählerische Tiefe typischer Rosenkrieg-Dramen, doch an dieser Stelle zahlt sich eben aus, dass hier Jemand von seinen ganz persönlichen Erfahrungen berichtet und dabei auch unangenehme Details nicht ausspart.
 
Antje Wessels