Plötzlich Gigolo

John Torturros „Sexkomödie“ mit Starbesetzung: u.a. Woody Allen, Sharon Stone und Vanessa Paradis.
Not macht erfinderisch: Weil sein Buchladen gerade insolvent gegangen ist, überredet Murray (Woody Allen) seinen Freund Fioravante (John Torturro), als Callboy zu arbeiten. Hauptdarsteller und Regisseur Torturro präsentiert mit „Fading Gigolo“ eine leichte, unterhaltsame Komödie über die Bedeutung körperlicher Nähe.

Webseite: www.fadinggigolo-derfilm.de

Fading Gigolo
USA 2013
Regie und Drehbuch: John Torturro
Darsteller: John Torturro, Woody Allen, Vanessa Paradis, Sharon Stone, Sofía Vergara
Länge: 98 min.
Verleih: Concorde
Kinostart: 6. November 2014
 

FILMKRITIK:

Ein Mann mittleren Alters lässt sich von einem älteren Freund und Mentor überzeugen, als Callboy zu arbeiten und verliebt sich dabei in eine orthodoxe Jüdin, deren konservative Nachbarschaft diese Beziehung mit großer Skepsis beäugt. Das könnte eine Beziehungskomödie von Woody Allen sein – und in gewisser ist „Fading Gigolo“ genau das. Zwar hat Hauptdarsteller John Torturro nicht nur Regie geführt, sondern auch das Drehbuch geschrieben, doch entstand das Konzept in enger Zusammenarbeit mit Woody Allen. Das Mentor-Schüler-Verhältnis der beiden spiegelt sich auch auf der Leinwand wider: Während Torturro den schüchternen Callboy Fioravante mimt, schlüpft Allen in Rolle seines beratenden Freundes und Zuhälters Murray. Es ist letzterer, der in seiner New Yorker Nachbarschaft Williamsburgh die orthodoxe jüdische Witwe Avigal (Vanessa Paradis) kennenlernt und sie zu einem Stelldichein mit Fioravante überredet, ohne zu ahnen, was diese Begegnung in Gang setzen wird.

„Fading Gigolo“ verzichtet vollkommen auf eine Exposition und wirft das Kino-Publikum mitten hinein in das Geschehen. Bereits in der ersten Szene berichtet Murray von seiner Dermatologin (Sharon Stone), die einen Callboy für einen Dreier mit ihrer besten Freundin (Sofía Vergara) engagieren möchte. So kommt John Torturro in seinem Film ohne Umschweife direkt zum Punkt und lässt seinen Helden trotz anfänglicher Skepsis schnell den ersten Job erledigen. Die Entscheidung, sich tatsächlich zu prostituieren, wird derart schnell und undramatisch gefällt, dass dem Zuschauer schnell klar wird, dass es sich hierbei nicht um den Kern der Geschichte, sondern lediglich um ihren Aufhänger handelt. Tatsächlich ist es die Beziehung Fioravantes zu Avigal, die sich schließlich zum emotionalen Zentrum des Films entwickelt. Die zurückgezogen lebende Witwe, die bei der ersten zärtlichen Berührung des Callboys aus lauter Einsamkeit und Rührung zu weinen beginnt, vermag nicht nur ihr Gegenüber, sondern auch das Publikum zu rühren. Mit dem Drama ihres Verzichts bezieht „Fading Gigolo“ auch eine klare Position gegen die konservativen Gepflogenheiten des orthodoxen Judentums, ohne jedoch den Respekt vor der Religion und ihren Angehörigen zu verlieren. Während der Teil der Handlung, der um Fioravantes Beruf als Callboy kreist, einen sehr komödiantischen Charakter aufweist, wird Avigal niemals zum humoristischen Objekt, sondern bleibt eine ernstzunehmende Figur.

Die Komödie um die männliche Prostituierte und das Drama um die einsame Jüdin bilden zwei voneinander getrennte Pole des Konzepts, die John Torturro in seinem Drehbuch leider nicht zu verbinden vermag. Die komödiantisch überzeichneten Sexszenen wirken dabei über die Maßen verklemmt, sind sie doch nicht in der Lage, tatsächlich Erotik oder Leidenschaft zu transportieren. Im Gegensatz dazu nehmen sich die Begegnungen zwischen Fioravante und Avigal besonders zärtlich aus.

Merkwürdig ist darüberhinaus Torturros Fokus auf den weiblichen Körper. Obwohl er als Callboy das Objekt sexueller Begierde sein müsste, ist es der weibliche Körper, der erotisch inszeniert wird und von Schauspielerinnen wie Sharon Stone und Sofía Vergara vertreten wird, die ohnehin über ein stark sexualisiertes Image verfügen. Torturro selbst wird in der Rolle des Callboys niemals zum Sexobjekt für den Zuschauer, worunter die Glaubwürdigkeit seines Leinwandcharakters durchaus leidet.
Die fehlende konzeptuelle Konsequenz raubt dem dramatischen Teil der Geschichte zwar Tiefgang, verleiht dem Gesamtwerk jedoch auch eine erfrischende Leichtigkeit, so dass sich „Fading Gigolo“ trotz aller Unstimmigkeit letztlich als immens kurzweilige Kinounterhaltung erweist.
 
Sophie Charlotte Rieger