Polder – Tokyo Heidi

Auch wenn „Polder – Tokyo Heidi“ im Gewand eines Spielfilms daher kommt ist das Werk von Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal doch mehr ein Experiment, ein loses Verknüpfen von gleichermaßen bizarren wie spannenden Ideen, die mit der Vorstellung von virtuellen Welten spielen, einer Form des Kinos, die möglicherweise die Zukunft sein kann.

Webseite: www.derpolder.com

Schweiz 2015
Regie: Samuel Schwarz & Julian M. Grünthal
Buch: Samuel Schwarz
Darsteller: Nina Fog, Christoph Bach, Pascal Roelofse, Wanda Wylowa, Philippe Graber, Friederike Kempter, Sira Topic
Länge: 86 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 1. Dezember 2016

FILMKRITIK:

„Ryuko, die Witwe des brillanten Marcus – Gamedesigner bei NEUROO-X, taucht über dessen schrottigen Laptop in die paranoide Welt der NEUROO-X Games ein und verirrt sich in einer Welt aus Hexen, Terroristen und Magie.“ Liest man diese kurze Inhaltsbeschreibung von „Polder – Tokyo Heidi“ im Presseheft, könnte man einen ganz normalen narrativen, stringent erzählten Film erwarten. Dann liest man aber, dass sich die beiden Regisseure Samuel Schwarz und Julian M. Grünthal an der Zürcher Hochschule der Künste kennen gelernt haben, wo sie Film bzw. Theater studierten, vor allem aber offenbar lernten, sich nicht um konventionelle Gattungsregeln zu scheren.
 
Der nun vorliegende Film ist das Ergebnis von zwei Projekten, einem klassischen Film und der Beschäftigung mit Alternate Reality Games, einer Form der Computerspiele, die die immer leistungsfähiger werdenden Möglichkeiten von Computern ausnutzen, um virtuelle Welten zu kreieren. Welten, in die immer mehr Spieler eintauchen, die immer realistischer werden und die in nicht allzu ferner Zukunft, nicht zuletzt dank der sich immer schneller entwickelnden Virtual Reality-Brillen, kaum noch von der realen Welt zu unterscheiden sein werden.
 
Doch welche Auswirkungen wird es auf die Psyche der Menschen haben, wenn man sich in virtuellen, in fiktiven, in falschen Welten bewegt und nicht mehr in der Realität? Und wer steuert diese Welten, wer kontrolliert, was man dort sehen, fühlen, erleben kann? All diese Fragen schweben durch „Polder – Tokyo Heidi“, der trotz seines experimentellen Charakters oft erstaunlich filmisch wirkt. Ein wenig verwirrt ist man zwar, wenn Ryuko (Nina Fog) beginnt, sich in virtuellen Welten zu bewegen, die augenscheinlich auf Schweizer Almen gedreht wurden, in ihrem satten Grün aber auch wie das Tolkiensche Auenland oder einfach Oz wirken – angereichert mit Elementen japanischer Mangas.
 
In seinen klareren, narrativeren Momenten erinnert „Polder – Tokyo Heidi“ an klassische Science-Fiction-Filme wie „eXistenZ“ oder „The Matrix“, die ganz ähnliche Themen und Ideen behandelten, wenn auch auf einfachere, allerdings auch klarere Weise. So verwirrend diese Spielfilme im Ansatz oft auch waren, am Ende blieb meist deutlich wo Realität aufhörte und virtuelle Realität begann. Hier ist diese Unterscheidung weniger deutlich, denn Schwarz und Grünthal arbeiten weniger stringent als konventionelle Regisseure, sondern eher assoziativ. Alle möglichen Ideen und Bezüge häufen sie in kaum 90 Minuten aneinander, verlieren sich dabei immer wieder, doch dafür, dass „Polder – Tokyo Heidi“ im Kern ein Experimentalfilm ist, den man eher in einer Kunstausstellung vermuten würde, als im Kino, fesselt die bizarre Mischung aus Heidi und Manga doch erstaunlich.
 
Michael Meyns