Pommes Essen

Dem deutschen Kinderfilm geht‘s prima. So scheint es zumindest. Haben doch aufwändig produzierte Filme mit bekannten Figuren von „Hanni und Nanni“ über „Wickie“ bis zum „Sams“ immensen Erfolg. Der unabhängige Kinderfilm aber, der auf einem Originaldrehbuch basiert, fristet ein Schattendasein. 2009 und 2010 fand kein einziger den Weg ins Kino. Umso schöner, das dies „Pommes Essen“ gelungen ist. Die Komödie nimmt Kinder nicht nur bemerkenswert ernst, sondern erzählt auch eine schräge Feelgood-Geschichte aus dem prallen Alltag. Und kann mit Anneke Kim Sarnau und Thekla Carola Wied auf zwei prominente Unterstützerinnen in Nebenrollen bauen.

Webseite: www.pommesessen.de

Deutschland 2012
Regie: Tina von Traben
Darsteller: Luise Risch, Marlene Risch, Tabea Willemsen, Anneke Kim Sarnau, Thekla Carola Wied, Smudo, Jan Erik Madsen
85 Minuten
Verleih: farbfilm verleih
Kinostart: 12. Juli 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Jeden Tag nach der Schule steht Patty (Luise Risch) mit Mutter Frieda (Anneke Kim Sarnau) in deren Duisburger Pommesbude. Aber trotz eines Geheimrezeptes für die beste Currywurst-Sauce des Ruhrpotts läuft das in zweiter Generation geführte Geschäft längst nicht mehr so gut wie noch zu Opas Zeiten. Genau hinter diesem Rezept ist Friedas gemeiner Bruder Walther (Smudo) her, um damit sein Frittenbuden-Imperium zu füttern. Nach einem Streit mit ihm fällt die überarbeitete Frieda einfach um. Da hilft nur Ruhe. Der Arzt besteht auf einer Kur. Genauso wie Patty und ihre jüngeren Schwestern Selma (Marlene Risch) und Lilo (Tabea Willemsen). Allerdings geht in Mamas Abwesenheit alles drunter und drüber: Patty wird ein Praktikum in einem Düsseldorfer Feinschmeckerlokal angeboten, Selma und Lilo zünden versehentlich die Bude an – und bei der Bewerbung um das Catering im Fußballstadion des MSV Duisburg kommt es zu einem Konkurrenzkampf zwischen den Mädels und Onkel Walther.

Das Drehbuch ihres Langfilm-Debüts schrieb Regisseurin Tina von Traben gemeinsam mit dem Kinderbuchautor Rüdiger Bertram. Das Ergebnis ist eine frische, äußerst kurzweilig erzählte Geschichte, die trotz vieler überdreht-spritziger Episoden nie die Bodenhaftung verliert. Dafür sorgt allein schon die regionale Verortung im Ruhrgebiet, die der Film aber nie überbetont. Auch die Figuren leben von einer Substanz, wie sie im Kinderfilm nicht immer selbstverständlich ist. Positiv sticht vor allem heraus, wie selbstverständlich das Drehbuch den Kindern Eigenständigkeit und Entscheidungsfähigkeit zuweist. Sie sind nicht auf die Weisung Erwachsener angewiesen, dürfen gleichzeitig aber angesichts der Anforderungen des Alltags Schwäche zeigen. Dass Scheitern immer auch die Möglichkeit zum Neuanfang einschließt, zeigt der Film mit bemerkenswerter Leichtigkeit.

Überhaupt behandelt die Geschichte vermeintlich schwierige Themen ohne den berühmten erhobenen Zeigefinger. Die drei Mädchen suchen ihren Platz in der Welt und wollen Verantwortung übernehmen. Dabei kommt es zu Konflikten: Manchmal stehen persönliche Wünsche zum Beispiel die Karriere betreffend den Anforderungen der Familie scheinbar unversöhnlich gegenüber. Die Abwägung zwischen beidem ist schwierig, und es gibt keine Patentlösung. Schön, dass ein Kinderfilm sich traut, dieses gerade heute so wichtige Themenfeld mit den dazu gehörigen Zwischentönen abzubilden. Und ohne Kitsch gelingt ihm so, die Familie – in diesem Fall eine Alleinerziehende mit drei Kindern – als immer noch wichtigste Quelle für Geborgenheit zu zeigen. Vor allem aber ist „Pommes Essen“ ein unterhaltsames Vergnügen mit rasant erzählten Einfällen. Thekla Carola Wied sorgt als Schrottverwerterin mit Ecken, Kanten und einem polnischen Akzent für viel Spaß. Und auch der zweifache Vater Smudo von den „Fantastischen Vier“ zeigt in seinem nächsten Auftritt in einem Kinderfilm (nach „Die Vorstadtkrokodile“), dass eine fiese Figur auch Gefühle haben darf. Das rasante Finale schenkt den Zuschauern dann ein Happy End, das so nur in der Wunderkammer des Kinos bereitet wird – und das gar nicht nach Fast Food schmeckt.

Oliver Kaever