Porgy & me

Als George Gershwin vor rund 70 Jahren seine Folk Oper „Porgy and Bess“ komponiert gelten Afroamerikaner als Menschen dritter Klasse. Sein sinfonisches Meisterwerk durchbricht erstmalig Rassenschranken. Regisseurin Susanna Boehm zeigt mit ihrem atmosphärisch dichten Dokumentarfilm „Porgy & Me“, dass selbst heute noch Ressentiments existieren. Vor dem Hintergrund dieser einzigartigen Wahlfamilie kämpfen die afroamerikanischen Sänger und Sängerinnen des New York Harlem Theatre Ensembles nach wie vor hoffnungsvoll um Gleichbehandlung und Selbstverwirklichung in einer von Weißen dominierten Opernwelt.

Webseite: www.porgyandme.de

Deutschland 2009
Regie: Susanna Boehm
Darsteller: Terry Lee Cook, Morenike Fadayomi, Alteouse Devaughn, Justin Miller, Jermaine Smith, Michael Redding, Marjorie Wharton, William Barkhymer
Länge: 86 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 28.1.2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Porgy&Bess gilt inzwischen als Meilenstein der Opern- und Musikgeschichte: die einzige US-amerikanische Oper, die je zu Weltruhm gelangte. Gleichzeitig holte Komponist Gershwin für sein sinfonisches Meisterwerk, inspiriert von Spiritual- und Gospelchorälen, den jazzigen Rhythmen des frühen Swing und vom ursprünglichen Blues, ausschließlich schwarze Sänger und Sängerinnen auf die Bühne. Nicht nur die Mischung aus Broadway und Oper stellte innerhalb der amerikanischen Theaterlandschaft der 30er Jahre ein Novum dar. An der Met durften damals nur schwarzgeschminkte Weiße auftreten. Erst seit der Aufführung 1985 im elitären Musentempel wurde Porgy&Bess ins Repertoire der klassischen Oper aufgenommen.

Seitdem tourt das Ensemble des New York Harlem Theatre immer wieder mit seiner gefeierten Inszenierung des ergreifenden Klassikers durch Europa. Von Helsiniki bis Sevilla begeistert die schicksalhafte Liebe des verkrüppelten Bettlers Porgy zur schillernden, verführerischen Bess das Publikum. Die Münchner Regisseurin Susanna Boehm begleitete das Ensemble aus hochkarätigen Solisten und einem stimmgewaltigen Chor durch die deutsche und französische Provinz. Sensibel und eindrucksvoll erzählt ihr atmosphärisch dichter Dokumentarfilm die Geschichte einer ganz besonderen Wahlfamilie mit ihrem leidenschaftlichen Bemühen um Selbstverwirklichung.
Und wie Gershwin, der mit seiner Folk-Oper auch als seriöser Komponist Anerkennung finden wollte, kämpfen die charismatischen Künstler, selbst heute noch streckenweise um Gleichbehandlung. Nichtsdestotrotz verfolgen sie hoffnungsvoll ihren Traum einer Opernkarriere, auch jenseits von „Porgy&Bess“. Bassbariton Terry Cook verkörpert die Rolle des Porgy bereits zehn Jahre lang. „Es ist wie eine unendliche Reise“, verrät ihr Ehemann der 44jährigen Filmemacherin vor der Kamera. Insgeheim freilich sehnt sich der sympathische Texaner, samt seiner beachtlichen Laufbahn, nach Wagner Arien. Am südfranzösischen Mittelmeer schmettert er Arien gegen das Tosen der Wellen.

Trotzdem zeigen die gefilmten Szenen aus der Aufführung von „Porgy and Bess“ immer wieder eine hingebungsvolle Ensembleleistung mit höchster atmosphärischer Intensität. Der musikalische Funke springt auch von der Leinwand über. Faszinierend entfalten die brillanten Kompositionen ihre ganze emotionale Wucht. Lebhaft und freimütig diskutieren die Protagonisten aber auch, dass innerhalb der afroamerikanischen Community renommierter Opernsolisten die Zugehörigkeit zum Ensemble von „Porgy&Bess“ warnend als „Friedhof“ gilt, der den Absprung an andere Bühnen verhindert. Gleichzeitig wehren sie sich mit widerständigen Humor gegen solche Ängste vor möglicher Diskriminierung. Denn würde ein Pavarotti deshalb jemals eine Rolle in La Boheme ablehnen?

Frappierend zeigen die einfühlsamen Portraits wie eng Leben und Bühnenrolle für viele Protagonisten teilweise miteinander verwoben sind. Die dramatischen persönlichen Biographien der Sänger und Sängerinnen spiegeln sich nicht selten in den musikalischen Szenen der verkörperten Figur. So wenn der talentierte Tenor Jermaine Smith, der als leichtlebiger Dealer Sportin’ Life mit seinem Spottmedley „It ain´t necessarily so“ auf der Bühne glänzt, offen über seinen persönlichen Hintergrund spricht. Drogen spielten in seiner Herkunftsfamilie eine tragische Rolle. Zu einem der bewegendsten Momente zählt sicherlich sein Statement über die Begegnung mit seinem Vater.

Wie stark der Zusammenhalt und die Solidarität der Truppe ist schildert eindrucksvoll Marjorie Whalton gegen Ende des Films. Man schaut aufeinander, ohne Konkurrenz und Neid. Das humorvolle Miteinander trägt selbst bei größtem Tourneestress und überdauert sogar die Bühnenerfahrung. Der stetig ansteigende Spannungsbogen des Stücks findet auch in Böhmes Dokumentation seinen überwältigenden Höhepunkt, wenn sich Orchester und stimmgewaltiger Chor zum Schluss auf der Bühne zur unvergesslichen Darbietung der majestätischen Hymne „Oh Lord, I’m On My Way“ vereint. Hier zeigt sich symbolhaft die ganze Stärke der Oper, die Hoffnung des Aufbruchs entgegen aller Widrigkeiten, wenn der verkrüppelte Bettler Porgy sich aufmacht, um im Großstadtdschungel New York nach seiner verlorenen Liebe Bess zu suchen.

„Es war die Geschichte“, bringt es Bariton Justin Miller, frei aller Opfermentalität, auf den Punkt, „die uns zu Überlebenden machte“. Ein Überleben beflügelt vom Leuchtfeuer der Hoffnung, dass die unveräußerlichen Rechte auf Leben in Freiheit und soziokultureller Gleichberechtigung schlussendlich garantiert würden. Nicht umsonst freilich stellt Mezzosopranistin Alteouse Devaughn gleich im Vorspann des Films berechtigterweise fest: „Ein Weißer wird niemals ganz verstehen, was es bedeutet schwarz zu sein“. Vielleicht hilft der sehenswerte Film diese Wahrheit zumindest zu respektieren.

Luitgard Koch

Die Gershwin-Oper “Porgy and Bess” hat eine unbestreitbare Bedeutung. Sie ist vollständig mit schwarzen Sängern besetzt, entstand zu einer Zeit, da es noch die Rassentrennung gab, ihre soziale Ausrichtung ist eindeutig – und sie wird musikalisch für bedeutsam gehalten. Sie ist eine der wenigen amerikanischen Opern, die Weltrang erlangt haben.

Seit langer Zeit tragen die Künstler des New York Harlem Theatre in Gastspielen „Porgy and Bess“ in alle Länder. Die Regisseurin Susanna Boehm begleitete filmisch etwa ein Jahr lang einige dieser riesigen Theatertouren. Und so entstand der vorliegende Dokumentarfilm. Produzenten sind die Macher des vielfach ausgezeichneten „Rhythm is it“.

Hauptdarsteller, Nebendarsteller, Chormitglieder; die Hauptrollen sind doppelt besetzt. An die 40 Personen mögen es insgesamt sein.

Hier geht es um Vorstellungen in deutschen und französischen Städten. Lange Busfahrten, Hotels, Fernsein von zu Hause.

Dann Auszüge aus der Handlung der Oper, das heißt aus dem Drama zwischen dem behinderten Porgy, der Bess sowie Crown und anderen. Neben eindrucksvoll, teils furios gespielten Gesangs- und Handlungspassagen immer wieder Gespräche mit den Beteiligten.

Schon mehrere Jahrzehnte geht das so. Man kann durchaus von einem inzwischen eingetretenen Wechsel der Generationen sprechen.

Die Sängerinnen und Sänger erzählen: von ihrer Kindheit; von der Trennung von zuhause; davon, dass sie, wenn bei dieser „schwarzen“ Oper verpflichtet, kaum Aussicht auf ein anderes Engagement haben, also quasi gettoisiert sind; von den allen Farbigen aufgezwungenen Minderwertigkeitskomplexen; von dem Unheil, das die Rassensegregation in der Geschichte insgesamt angerichtet hat; von der jeweils persönlichen Lebensentwicklung; von der Gemeinsamkeit in der Truppe etwa bei den Gesprächen oder bei den Mahlzeiten; von einem Gemeinschaftsgefühl, wie man es bei den „Weißen“ kaum je antreffe.

Man wird gut unterhalten und erfährt eine Menge. Und man erkennt aufs Neue, dass die Sklaverei und der Rassismus etwas vom Schlimmsten waren – und bleiben -, was je von der Menschheit angerichtet wurde.

Thomas Engel